Streichhölzer unter sich

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Wir sitzen an meinem Fenster, die Glut meiner Zigarette leuchtet meinen Gedanken den Weg in der Abenddämmerung. Ich sehe dich von der Seite an und betrachte dein Profil, das sich scherenschnittartig vom noch ein wenig bläulichen Himmel abhebt. Die Sonne hat ihren Auftritt noch nicht hinter sich, sie bereitet sich gerade für ihr Finale vor und gibt noch mal richtig Gas. Du runzelst die Stirn, ich runzle zurück, eine Geste sinnloser Nachahmung- ernst und nachdenklich wirken! Ich versuche es.
Ich weiß nicht, welchen Weg ich gehen soll, sagst du, während ich den Drang bekämpfe, dir das Feuerzeug zu reichen und zu sagen „hier, damit klappt’s sicher“ – Reiß dich zusammen, denke ich, die Lage ist ernst. Du auf der Kippe, wir an der Klippe, da muss ich nicht noch schubsen oder pusten und außerdem nehme ich das alles ernst, wirklich sehr ernst, das kannst du mir glauben. Ich stehe direkt neben dir, auch an der Klippe, und der einzige Unterschied zwischen uns ist ist der, dass ich sofort springen würde – einfach, weil ich Bock habe, weil ich es noch nie gemacht habe, weil ich schreien und Angst haben will und vielleicht werde ich auch ohnmächtig, wer weiß, und je höher die Klippe und je härter der Aufprall umso geiler finde ich es, umso mehr kommt dieser Sog und wäre ich keine Freundin von dir, würde ich deine Hand nehmen und dich mit hinunter ziehen, aber ich weiß ja nicht einmal, ob du gut versichert bist.

Feuerzeugflamme.

Zwischen welchen Wegen stehst du denn?, frage ich, und du antwortest mir: Bürgerliche Existenz oder selbstzerstörerisches Brennen.
Die Glut der Zigaretten leuchtet wie ein Augenpaar, der Besitzer schielt wohl ein bisschen und ich denke daran, dass ich immer brenne und Angst vor der Asche habe und dass mir Rot sowieso viel besser steht, das passt zu meinen dunklen Locken, dann sehe ich manchmal regelrecht verrucht aus, Brennen ist rot und das ist gut. Ich kippe leicht gegen dich und sage: Na rate mal, Audi in der Einfahrt und Altenheim mit 80 oder zwei Schnecken in der Kiste und Lungenkrebs mit 50. Wir lachen beide, weil wir wissen, dass ich nur die Hälfte so meine, aber die Message ist klar.

An was willst du dich erinnern, wenn du alt bist, hm? Wenn Herbst ist und dein Laub verwelkt, wenn das Blut in deinen Adern immer zäher wird und nur dein Kopf noch einigermaßen funktioniert?

Du starrst still in die Nacht und erwiderst nichts. Noch ein Zug an der Vodka-Flasche, der Muttermilch unserer verkommenen Generation, aber es ist okay, wenn das jetzt alles so ist, wenn man sich auch jetzt diese Fragen steht und nicht mit 40, denn dann findet man die Ausfahrt auf den Highway to Hell nicht mehr so schnell oder zumindest nicht ohne Kollateralschäden bei anderen Menschen.

Du sagst immer noch nichts, du grübelst und deine Stirn legt sich in konzentrierte Falten.

Eventuell ist es auch eine rhetorische Frage, auf die man die Antwort aber nicht kennt und nie kennen wird, ich denke, ich will auch keine Antwort. Mein Blick schweift zu dir, dein Profil steht mittlerweile gegen eine rot glühende, alles verzehrende Sonne, die Flammen züngeln um dein Herz, das große Prestigio, das Finale, und ich lächle, weil ich merke, dass du die Antwort schon längst kennst.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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