Unverständlich selbstverständlich

Du läufst den Fußweg entlang und siehst auf deine Schuhe, ein Schnürsenkel steht kurz davor, sich zu lösen und auf den Asphalt abzurutschen, du nimmst das aber in Kauf weil du rennen musst, um den Bus zu erwischen. Du flitzt über Rot, weichst geschickt einem Fahrradfahrer aus und springst in den Bus, der Fahrer schaut auf den Fahrschein in der zitternden Hand und nickt dir mürrisch zu. Du quetschst dich an den Menschen vorbei und suchst dir deine 40 Quadratzentimeter Bus-Lebensraum.
Die bekannten Straßenzüge wandern an dir vorbei, von denen du nur durch die verschmierte Glas-Scheibe getrennt bist – du kennst den Weg so gut. Eine Station noch, dann bist du am vorläufigen Ziel, dann holst du sie ab um dir mit ihr Bässe ins Ohr stampfen zu lassen und an schwitzigen Körpern vorbei zu taumeln ins unbedingte Glück.
Sie hat ein blaues Kleid an und hohe Schuhe, mit denen sie immer stolpert und dabei lacht sie jedes Mal und du magst ihre Grübchen so sehr, auch, wenn du ihre Schuhe affig findest, das macht alles nichts, so lange das einen Grund liefert, weshalb sie lachen kann, Lachen ist gut, normal, gesund und frei. Ihr tanzt und dein Körper bewegt sich so geschmeidig wie ihrer, alles ist so normal, dass es lächerlich ist, es könnte Freitag- oder Samstagabend sein, doch auf einmal beginnen deine Bewegungen zu stocken; sie oszilliert auf einmal vor dir, war das Kleid wirklich blau?, du bist nicht sicher, die Musik ist nur noch dumpf zu hören, irgendwas stimmt nicht und du versuchst sie zu fassen um sie zu fragen: Merkst du das auch? Du kannst ihren Arm jedoch nicht greifen, du kannst sie nicht greifen, die ganze Welt stürzt auf einmal zusammen und aus irgendwelchen Gründen liegst du nun waagerecht, bist du gefallen? Es ist auf einmal verräterisch hell, die Musik spielt nicht mehr und deine Begleitung ist ohne dich nach Hause gegangen.

Benommen drehst du dich um, du siehst eine Wand, verwirrt setzt du dich auf, deine eben noch so geschmeidigen Bewegungen fühlen sich schwerfällig an, deine Desorientierung benebelt dir noch die Sinne und du schließt die Augen.
Eins.
Zwei.
Drei.
Vier.
Fünf.
Sechs.
Sieben.
Acht.
Neun.
– Augen auf. Du sitzt in deinem Bett, die Laken sind zerwühlt und die blaue Tagesdecke liegt in einem Häufchen zusammengeknuddelt neben deinen Hausschuhen am Boden.
Du warst letzte Nacht nicht tanzen, weil du nicht tanzen kannst, du warst nicht dort weil du krank bist und all diese Selbstverständlichkeiten nicht selbstverständlich für dich sind. Du hast geträumt und versucht, dich in den letzten Minuten an diese Normalität zu klammern, an dieses wohlige Versinken in der Gleichförmigkeit der Mitmenschen, Normalität als Uniform, wo du doch in der echten Welt immer exponiert bist.

Man sieht es dir nicht sofort an, wenn du sitzt, ist alles ganz normal, man muss zu dir kommen, wenn man mit dir sprechen will und dann lachst du einen immer so glücklich und warm an, dass niemand auch nur auf die Idee kommen würde, dass es etwas gibt, dass dich von uns abschirmt und trennt. Dein Lachen ist das vermutlich lauteste Lachen, dass die Welt je gehört hat und alle sind beruhigt, wenn sie das sehen. Puh, es geht ihm gut, er schafft das schon, er ist ein Kämpfer!
Aber auch Kämpfer haben es schwer, und auch Kämpfer haben Träume, die einen an der Herzwurzel packen und zerschlagen im Bett zurück lassen, das sind die Minuten, in denen du nicht lachst und das sieht dann auch keiner, das sind die Momente, in denen auch die besten Freunde der Welt kein Lächeln in dein Gesicht zaubern könnten, das sind die Momente, die zuschlagen, Sekunden, die das Herz zum Stoppen bringen oder zumindest den Wunsch gebären, das Herz möge stoppen, es ist doch eh alles egal.

Das Mädchen im blauen Kleid wird dich noch eine Weile begleiten, zwei Tage, vielleicht drei, dann sehe ich dir in die Augen und merke, dass du einen Hauch zu oft durch die Haare zwirbelst, dass dein Blick fahrig und abwesend ist, dass dein Mundwinkel zuckt oder das Gespräch nicht recht in Gang kommen will, dann fragst du vermehrt nach mir und meinem Leben und versuchst dich abzuschirmen hinter der Glasscheibe, sodass meine Fingerspitzen dich nicht berühren können.
Das macht nichts, sage ich dann, dann mache ich einen dummen Witz und blamiere mich so lange, bis das einem Gong gleichende Lachen wieder durch das ganze Büro schallt und Gespräche zum Erliegen bringt und jeden unterbricht, der gerade etwas sagen wollte.

Mann, werden die im Club genervt sein, wenn wir zum Tanzen kommen.

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