Der blinde Passagier

Das Ende ist ein Prozess, es ist selten auf einmal da, stellt sich dann nicht plötzlich vor dich, fährt aber schon eine Weile als blinder Passagier mit, du spürst die Nähe und die Präsenz und du nickst ihm zu und fährst jedoch stur weiter. Das Ende ist der Anfang des Wollknäuels, den man trotz Rumgeknibbel erst nicht finden kann, es will unbedingt dabei sein, sträubt sich jedoch zu Beginn vehement, das Ende will nicht so recht beginnen, steigt aber auch nicht aus.
Du siehst das Ende, wenn du dem anderen in die Augen schaust, erst siehst du nur Pupille und Iris und Weißes doch dann, wenn das Licht so ganz bestimmt fällt, siehst du es zwischen den Reflexen hervorschauen, es starrt dir direkt in deine eigenen Augen und nickt dir zu. Du siehst es in den Mundwinkeln des anderen, du spürst es, wenn sich die Lippen berühren, kürzer als sonst und wie mit Reispapier dazwischen.

Wenn das Ende dann da ist, muss man es begrüßen, mit einem förmlichen Handschlag, guten Tag, ich habe auf Sie gewartet, und dann muss man es ans Steuer lassen, man wird selbst zum Beifahrer und irgendwann steigt man aus, ja hier links, da wohne ich.

Und du betrittst deine Wohnung und alles riecht noch nach dem anderen, überall liegen seine Socken herum und das Geschirr ist auch noch benutzt in allen Zimmern verteilt, ein Glas am Bett, ein vollgekrümelter Teller daneben auf dem Boden. Du musst das alles erst wegräumen, was schwer ist, wenn das Herz so schnell und schmerzhaft schlägt, manchmal stolpert man, wenn die Sicht verschleiert ist, dann taumelt man zum Fenster und reißt es auf, um frische Luft herein zu lassen.

Wenn es an der Tür klopft ignorierst du es, in dir und um dich herum ist kein Platz für einen anderen Menschen, es wäre ein Eindringling und das Betreten deines Inneren durch ihn ein feindlicher Akt, eine Anmaßung und nicht zu ertragen, schon der Gedanke lässt deine Nackenhaare aufstellen und du schüttelst dich, schüttelst den Blick des anderen ab.

Manchmal schaut das Ende bei dir vorbei, Alles klar? fragt es, und du sagst Ja, ja, es geht schon, es muss ja, wissen Sie, und danke.
Dann schaust du aus dem Fenster und hörst dem Verkehr und den rufenden Menschen zu, du wendest den Kopf, um besser zu hören und wickelst das Wollknäuel in deinen Händen ganz langsam ab.

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