Nostalgie und Kniffel

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„Wie heißen diese kleinen Böller nochmal? Es war etwas sehr politisch Unkorrektes, etwas mit den Nationalsozialisten eigentlich – “ Der alte Nachbar von nebenan wirft die Würfel wieder in den Becher und lässt sie in seinen Händen rasseln. Wir kniffeln. „Ich mag keine Böller“, sage ich. Es stimmt.
„Judenfürzchen! Genau! Wir meinten das damals nicht so, Kohn sagte das immer, der Jude aus dem Kaufmannsladen, der uns die kleinen Böller immer verkaufte und uns manchmal ein Glas Malzbier dazu ausschenkte. Wir fühlten uns wie Geschäftsmänner, die einen großen Deal abschlossen. Wir mussten damals lange darauf sparen, das ganze Jahr bis Silvester.“

Ein Dreierpasch.

„Ich mag Böller nicht, die sind so laut.“ Ich lasse meinen Schlüsselbund in meinen Händen rasseln. Die Nostalgie hat ihn wieder mal im Griff, dann schweift er ab und lächelt so intensiv und traurig, dass es einem das Herz zerreißt.
Die Nostalgie der alten Leute, denke ich und werfe vierundzwanzig auf die sechs.

„Damals lernte ich meine Frau kennen, wir haben uns gehasst, sie hat einen großen Bruder gehabt, der mich immer verhauen hat. Grundlos!“ Seine Arme zittern vor jahrzehntelanger schwelender Wut. „Ein Rabauke war das, aus dem ist auch nichts geworden, das wusste man damals schon, Alkoholiker, starb vor fünfzehn Jahren. Eines Tages steckte sie mir einen Zettel zu, da war ein Herz darauf gemalt. Ab da war die Sache.. wie sagt ihr jungen Leute… uhm… geritzt!“

Ich lächle, da man das seit ungefähr zwanzig Jahren wohl nicht mehr sagt, dennoch finde ich das Wort holzfällerhemdig und anbetungswürdig und notiere es in meinem Gedächtnis.

„Eine Schande, dass du nicht verheiratet bist, du bist doch schon fünfundzwanzig, was willst du denn mit all der übriggebliebenen Liebe? Die Zeit vergeht, du brauchst ein paar Kinder, die dir das Blut in Wallung bringen hehehe.. Ich habe sechs Söhne und eine Tochter, das ist eine Leistung, das war damals normal, aber so viele Stammhalter war dennoch herausragend, ich war sogar im Krieg aber zwischendrin fand sich immer die Zeit für ein Stelldichein, hehehehe..“

Er war total versunken in seiner Nostalgie, in seiner Wehmut und auch ein bisschen Melancholie – wenn er mir diese Sachen erzählte, wurden seine Augen manchmal feucht da er allein war, seine Frau war an Krebs gestorben, schon vor vielen Jahren und die Kinder lebten alle im Ausland bis auf den jüngsten Sohn, aber er hat auch Familie und findet nicht immer die Zeit zu kniffeln, deswegen muss ich das übernehmen.

Nostalgie ist ein großes Gefühl, denke ich, und klappere immer noch mit dem Schlüsselbund, an dem noch dein Schlüsselanhänger hängt, auch, nachdem ich ausgezogen bin, und die Hundemarke unseres alten Hundes. Er war ein toller Hund und ich musste ihn viel zu früh aufgeben. Damals waren die Sommer noch viel wärmer, dachte ich, und waren die Kinder nicht viel öfter draußen?

Und während der Becher rasselte und ich gerade gegen den alten Mann verlor dachte ich, dass Nostalgie doch eines der Gefühle ist, das man alten Menschen zuschreibt und strikt von sich weist, während es einen irgendwann doch auch heimlich im Griff hat und dann ertappt man sich dabei, wie man sich daran die Hände wärmt und sich in Erinnerungsschleifen verfängt, ganz heimlich; zugeben würde man das natürlich nicht.

Kniffel.

Nostalgie ist für alte Menschen, beschließe ich dann trotzdem und klappere weiter gedankenverloren mit meinem Schlüsselbund.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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