Rotweinflecken und Wiener Melange

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Strumpfhosen- und Lippenstiftabende, Rotweingläser im Le Troquet, Tatorte im Top-Kino zu Zipfer und Staropram, der Rausch und der Wahnsinn, die Nacht und wir. Meist zu dünn angezogen torkelten wir durch die Gassen, vom Siebten zum Ersten/Neunten, wo ich wohnte oder zum Sechsten zu dir in dein Winzzimmer mit dem Schwulen-Club gegenüber, an dessen Ecken am nächsten Tag immer noch der Urin stand und stank.
Die Rotweinflecken und der Kater am Tag danach, Avocadofrühstück und Olivenbrote, das Küchenradio, in dem meist FM4 lief, deine Mitbewohnerin in Strumpfhose auf der Anrichte mit verquollenen Augen und strähnigem Haar, „wie war euer Abend?“ in fränkischen Dialekt und wir grinsten schmerzverzerrt und nickten und ich rieb mir die Wimperntusche aus den Augen.

Ausflüge mit meinen Gast- und Pflegehunden, Schaukeln in Neuwaldegg und Balli spielen im Rathauspark, die endlosen Gespräche der Besitzerin von Felix, die ein Medium buchen wollte, um mit ihrem Hund zu reden und meine Fachmeinung dazu hören wollte, du im Türrahmen hinter mir und ich spürte dein unterdrücktes Lachen, obwohl ich dich nicht sah.

Picknicke am Donaukanal mit L. und F., ein Stückchen Himmel und sehr viel Cider, die Bibliothek und Regionalbahnen nach Greifenstein und Baden und der Privatteich in Guntramsdorf mit den Level-10-Spinnen in der Gerätekiste, wo die Taucherflossen waren, Besuche in C.s Atelier, er und ich beim Blätter malen auf einem seiner großen Gemälde, unendlich viele Vernissagen und Künstler und Galeristen und Rotwein, Rotwein, Rotwein.

Blätter sammeln im Lainzer Tiergarten, in Pfützen springen und im November die nassen Schuhe ausziehen müssen, um die Socken rauszuholen, das Baum-Klettern und Lachen und dann das Tränchen unterdrücken, wenn man sich einen Splitter einzog und ihn rausziehen musste.

Das Bellariakino und Café Prückel, Zähne putzen und um den Platz am Waschbecken rangeln, das Meiden meiner furchtbaren Mitbewohnerin, die uns sofort hinterher putzte und ein bisschen Angst vor uns hatte, das darauffolgende laute Liebemachen unsererseits direkt neben ihrem Zimmer und das Kichern beim daran denken, wie sie mit Ohropax verstört versuchte, nicht hinzuhören.

Kaffeeküche und Architektenbüros, mein Bio- und mein Philosophiecampus, die Hohen Tauern und die Rax, das E-Werk-Bad und die Donauinsel, die Flirtereien und Eifersüchteleien, Ex-Liebschaften und Krankenschwestern, die eigentlich Architektinnen sind, Akita und Honey und Pfotenbalsam, IKEA-Steitereien, Get Well Soon und Solander, The National und Fluc-Abende, Uniparties, 30jährige Angeber, Locken und die Mäuse.

Das alles ist Wien, dazwischen waren wir und wenn ich meine Skizzenbücher aufschlage, falle ich durch den Strudel in das Damals zurück und denke „Hach“, bevor ich das Buch wieder weglege – mit Leseknick drin für später.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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