Weißer Phosphor

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„Wissen Sie, mein Hase ist schwer krank, ich komme gerade vom Tierarzt, helfen Sie mir, den Korb in meine Wohnung zu tragen?“ sagt sie auf einmal. Ich stehe im Treppenhaus und drehe mich um, da hievt sie sich gerade schwer beladen das kleine Treppchen hoch – 1,50m groß, verhutzelt, 86 Jahre alt – meine Nachbarin. Wir tragen das zum Sterben verurteilte Kaninchen in ihre Wohnung und streicheln es ein bisschen. An den Wänden der Wohnung hängen Bilder der Kinder und Enkelkinder, Fotos von ihrem Mann und kleine Zeitungsausschnitte – die Bilder formen eine lange Erinnerungsraupe auf vergilbter Tapete.
„Mein Mann war ein schöner Kerl, oder? Finden Sie nicht? Früher war ich auch schön, aber das ist lange her, Sie sind ja auch noch so jung! Bei schönen Männern muss man aber gut aufpassen, wissen Sie, da musste ich immer hinterher sein, bei den Weibern! Die hatten es faustdick hinter den Ohren und waren immer hinter meinem Mann her, und Sie wissen ja, wie die Männer sind, passen Sie bloß auf!“

Wir sitzen am Küchentisch und ich schreibe ihr die Telefonnummer des Tiernotdienstes auf einen Zettel – in extragroßer Schrift. Alles ist pingelig geputzt, an den Schränken und Schubladen kleben kleine Zettelchen. „Teller“, „Gläser“, „Backzutaten“.

„Wie alt sind Sie denn?“ fragt sie mich.
„Ich bin 25.“
„Noch so jung! Mein Mann war Polizist, er sah immer so schick aus in seiner Uniform. Und er hat viel gewerkelt, im Keller haben wir eine große Werkbank! Ich habe alle seine Sachen aufgehoben, er ist ja schon acht Jahre tot, mein Georg…“

Wir blättern durch Fotoalben. Meine Nachbarin als junge Frau, hochschwanger, auch schon so winzig. Daneben steht ihr Mann. Er war wirklich groß im Vergleich zu ihr und auch die Sache mit dem verwegenen Aussehen stimmt. Ich denke an das Foto meiner Großeltern, auf dem mein Opa aussieht wie ein junger James Dean.

„Wissen Sie, ich habe meinen Mann mit 16 kennengelernt, hier in Hamburg. In einem Bunker, das muss man sich mal vorstellen! Der Bunker war hier ganz in der Nähe der Fruchtallee, also quasi direkt darunter. Wir haben da wochenlang gelebt, 1943 war das. Er war 19! Er schrieb mir mit einem kleinen Bleistiftstummel Gedichte auf Papierfetzen und Holzstückchen, sie waren fürchterlich kitschig und peinlich, aber so ist die Liebe eben, wenn man jung ist: Peinlich, kitschig und viel zu aufgeplustert, aber ich fand es sehr schön.“

Sie lächelt schweigt ein bisschen, während sie mir den zweiten Piccolo holt. Es ist 10 Uhr morgens und ich muss eigentlich zur Arbeit, doch gegen ihren Willen kommt man nicht an. Ich trinke also brav meinen zweiten Piccolo und merke, wie ich langsam aber sicher beschwippst werde.

„Und dann kamen wir an die Oberfläche einmal, also aus dem Bunker, wir hatten kein Essen mehr und gerade wurden Phosphorbomben über der Fruchtallee und am Eimsbütteler Marktplatz und an der Holstenstraße abgeworfen, als wir auf dem Rückweg waren.“ Ihr Gesicht verzerrt sich von einer Sekunde auf die andere zu einer schmerzhaften Fratze, ihre Hände zittern und ihr kullern Tränen aus den Augen – einfach so, aus dem Nichts heraus. Es trifft mich komplett unvorbereitet und ich erstarre zu hilflosem Stein, während ich diesen Emotionsausbruch beobachte.

„Überall waren brennende und schreiende Menschen, wir versuchten sie zu löschen aber es ging nicht, zum Teil fing unsere Gruppe selbst Feuer beim Kontakt mit der verklebten Haut der Opfer, der Phosphor brannte und brannte und brannte immer weiter und wir pressten uns Stoff auf den Mund, um nicht an den Dämpfen zu sterben.. diese Anblicke vergisst man nicht, ich bin jetzt 86 und erinnere mich kaum an meine Telefonnummer, aber an den Geruch der verbrannten Menschen und den Anblick der schreienden und sterbenden Kinder erinnere ich bis ins kleinste Detail.
Zwei Tage nach dem Angriff kamen wir wieder einmal hoch. Überall lagen schwarze Gegenstände herum, ich dachte erst, es seien Balken und Baumstämme, schwarz und verkohlt… aber es waren verbrannte Menschen, wie in Pompeji, das habe ich mal in der Schule gelernt, Sie wissen doch, der Vesuv…. hm… und alle Häuser waren zerstört. Man konnte den Doormannsweg sehen, unser Haus war auch weg, ich konnte nicht einmal mehr sagen, wo es stand, alles war platt. Meine beste Freundin und ein paar Kinder starben fünf Tage später an einer Phosphorvergiftung, das war schlimm, der Krieg war schlimm und das Einzige, das einen irgendwie funktionieren ließ, war die Verliebtheit. Das hat wirklich geholfen. Wir hatten uns und ich war zum ersten Mal verliebt und so etwas schweißt zusammen.

Wir verlobten uns 1944, er fragte jeden Tag, immer und immer und immer wieder und irgendwann sagte ich eben: Ja, denn was soll man auch sonst sagen, er war schneidig und wild! 1946 war ich dann auch schon schwanger, obwohl ich noch nicht verheiratet war, ein Skandal war das!“ Sie wischt sich die Tränen weg und kichert leise.

„Sowas können Sie sich heutzutage wohl schwer vorstellen, oder? Hihi!“

Nein, ich kann mir das nicht vorstellen. Ich kann mir eigentlich gar nichts vorstellen, was meine Nachbarin da erzählt. Und so geht es weiter, noch eine Stunde, sie will nicht allein sein, das merkt man deutlich.

Wir plaudern also noch ein bisschen über das Leben, die Liebe und den Krieg, eigentlich alles Sachen, von denen ich wenig Ahnung habe. Ich rühre in meiner Tasse herum, schaue mir das fünfzigste Fotoalbum mit den Adoptivenkeln aus Afrika an und wundere mich, ob ich auch eines Tages so sein werde: Alt, verhutzelt und voller Nostalgie… und einsam?

(Mehr Hintergrundinformationen zu dem Angriff: http://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Gomorrha )

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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