Sterbenmüssen.

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„Und immer wieder vergesse ich die Sache mit dem Tod. Man sollte meinen, man vergesse das nicht, aber ich vergesse es, und wenn es mir wieder einfällt, muss ich jedes Mal lachen, ein Witz, den ich mir alle zehn Minuten neu erzählen kann und dessen Pointe immer wieder überraschend ist. Denn es geht mir ja gut.“ – 06.09.2011

Seit einer Stunde liege ich apathisch in meinem Bett und zähle Atemzüge. Die Wanduhr tickt unregelmäßig, die Batterien müssen seit Tagen gewechselt werden, der Hund riecht an meinem Kopf, und auf der Innenseite meiner geschlossenen Augen sehe ich nur eine Frage brennen:

Wie macht man nach solch einer Lektüre wie Wolfgang Herrndorfs ‚Arbeit und Struktur‘ eigentlich weiter?

Ich wünsche mir Zeitstillstand, Alles-Stillstand, ich bin gerade mit bloßem Atmen und Sein überfordert. Ich habe das Buch in 8 Stunden verschlungen, 8 Stunden Grinsen, Hochwasser um die Pupillen herum und Kloß im Hals. (Ja, okay, manchmal habe ich geschluchzt).

„Er lebt mit Krebs, Wolfgang Herrndorf, einen Hirntumor hat er, hm.“, sagte T. am Telefon. Er schenkte mir das Buch zu unserem ersten gemeinsamen Weihnachten.
„Wie kann man damit leben?“, fragte ich.

Jetzt weiß ich es. Mit um einen Bleistift geballter Faust in der einen und Taschentuch in der anderen Hand, mit Wut, Trotz, Verzweiflung und tonnenweise Glücksgefühl, mit Würde und Wahn, mit Egoismus und Großzügigkeit und den besten Freunden der Welt:

„Und um das restliche Pathos gleich noch mit wegzuerledigen: Ich wünsche euch, wenn eure Stunde kommt, daß ihr Freunde habt, wie ihr es seid.“ – 11.05.2010

Sich beim persönlichsten Prozess seines Lebens zusehen lassen, dem Sterben, sich selbst analysieren und sezieren und dabei merken und zeigen, wie einem immer mehr die Kontrolle entgleitet, das ist beklemmend und beeindruckend zugleich. Er stirbt bewusster, als so mancher von uns lebt und das vielleicht, weil er diese Zeit in genau diesen Antagonisten gekehrt hat: Leben, verdammt noch mal, und das nicht zu knapp.

„Weil, ich wollte ja nicht sterben, zu keinem Zeitpunkt, und ich will es auch jetzt nicht.“ – 30.04.2010

Wie schaffen es Freunde, solch einen Text zu lektorieren? Das alles noch einmal mitzuleben? Sich selbst durch seine Augen betrachten? Ich starre an die Innenseite meiner Augenlider und kann es mir nicht vorstellen. Meine ganze Persönlichkeit verwächst vor meinen Augen und verformt sich seltsam, so viel Zeit kommt mir auf einmal verschwendet vor, so viele Banalitäten finde ich nun sogar regelrecht verrückt – Fokusverschiebung.
Was für ein Mensch. Was für ein Geist. Innerlicher Kniefall und nun: Ra(s)tlosigkeit.

„Gestern kurzentschlossen die Sachen gepackt, zwanzig Minuten später sitze ich im Zug nach Hamburg. Auf der Terrasse im Dämmerlicht, im Haus meiner Jugend, umgeben von Sauberkeit, blühendem Phlox und alten Gerüchen kann ich mir nicht vorstellen, sterblich zu sein.“ – 29.6. 2011


Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur; erschienen bei Rowolth im Dezember 2013
Blog: http://www.wolfgang-herrndorf.de/
Foto: http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/03/IMG_0591.jpg | Holm Friebe

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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