Am Ende bin ich nur ich selbst.

By

Meine Damen und Herren, ich bin nun hier, in medias res, das erste Tocotronic – Konzert meines Lebens, wenngleich auch nicht das erste Mal Dirk live, und das, obwohl die Musik mich seit 13 Jahren begleitet; gleich kommen Herr von Lowtzow und Co. auf die Bühne, es wird ernst, mein Herz schlägt bis zum Hals. Um mich herum schmiegen sich warme und feuchte Körper an mich, wiegen mich in ihrem Rhythmus, schaukeln mich mal sanft, mal drängend wie ein Boot auf aufgewühltem Meer mal hier hin und mal dort hin. Man kann die Erregung und Erwartung in ihren Gesichtern ablesen, den Gesichtern meiner Mitmenschen, Mitfeiernden, Mitlachenden und Mittanzenden.

“Denn sowohl die Kunst als auch die Liebe haben beide die Eigenschaft, den Tod abzuschaffen.” – Dirk von Lowtzow, Übel & Gefährlich 2013

Der Moment – die Band betritt nun tatsächlich die Bühne, ich stehe recht nah am Geschehen und sehe jede Gesichtsbewegung, „Hallo Hamburg!“, meine Nackenhaare stellen sich auf, Dirk hat grau meliertes Haar, Bart und sieht gut aus. Rauchschwaden von heimlich gerauchten Zigaretten ziehen über unsere Köpfe hinweg und bilden den wolkigen Himmel dieses Konzertkosmos.

Euphorie, die ersten Riffs, Dirk wirft die Haare und geht in die Knie, seine Adern treten an Hals und Schläfen hervor, während er um sein Leben singt und wir hingegen springen in die Höhe, die Stille gnadenlos niederstampfend, seine tiefe Stimme ist beruhigend und aufpeitschend zugleich. Er singt mit Begeisterung und hüpft wild umher, waren Tocotronic live wirklich schon immer so gut? frage ich mich, aber eigentlich ist es auch egal und neben mir fühle ich immer T., obwohl er gar nicht da ist; Tocotronic hören zum Avocado-Frühstück, das war unser Ding, das Ritual, weißes Rauschen in mir drin.

Ich blicke umher, alle Augen glühen vor Begeisterung, die Scheinwerfer tauchen all die glücklichen Gesichter in eine Kakophonie von sich schnell abwechselnden Farben, zusammenhanglos und dadurch aber doch irgendwie seltsam passend, laute Farben, schrille Farben, spitze Farben, weiche Farben…

Das Finale, das letzte Lied, nein, geht noch nicht! denke ich und bin gleichzeitig erschöpft. Erste Zugabe. Zweite Zugabe, Dirk streut Blumen aus. Und dann wirklich das letzte Lied.

Ich schließe meine Augen und wiege mich müde und glücklich und seltsam berührt mit meinem Ameisenstaat in den Klängen weicher Gitarren, wir sind eine kollektive Intelligenz, welche zusammen denkt, fühlt und agiert, und da ist er, der letzte Riff, der letzte Schliff, den das Konzert noch gebraucht hat, dann ist alles vorbei.

Wir werden grausam aus unserer Welt in die Realität gerissen, die Band legt die Instrumente nieder, auf einmal sind wir wieder einfach nur Leute in einem Bunker in Hamburg. Wir blicken uns um und blinzeln uns unsicher an, wir sind uns alle wieder fremd und weichen verschämt den Blicken aus. Lauter Neugeborene, die auf einmal in die Welt geworfen wurden. Ich ströme mit der Menge aus dem Raum heraus, meine Körperteile zucken noch zum imaginären Beat, tanzen einem dem Phantomschmerz abgetrennter Körperteile gleichenden Phantomtanz zu Phantommusik, während ich versuche, mich wieder einzuordnen.

„Am Ende bin ich nur ich selbst“.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Trackbacks and Pingbacks