Sterben üben.

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ch laufe in einem Wolkenkratzer umher, viel Glas, viel Metall. Neben mir laufen H. und C. und ein paar Kollegen. Ich stehe auf einer kleinen Metallbrücke innerhalb des Gebäudes und sehe hinunter; endlos viele Treppen winden sich hinab. Alle verlassen auf einmal das Gebäude, ich verstehe nicht wieso, werde nervös. C. stellt sich vor mich hin, ich bin verwirrt, schaue umher, er küsst mich, ich bin noch verwirrter, noch ein Kuss, er ist weg. Ich falle von der Brücke hinunter.
Schnitt.
Ich stehe auf einer Holzbrücke in einem Garten. Auf mich kommt eine Frau zu, ich kenne sie irgendwoher, nur woher…? Ich fühle mich unwohl und gehe in die andere Richtung, ich verstehe: Ich träume. Ich versuche aufzuwachen, schaffe es nicht. Ich laufe schneller. Sie ruft mir etwas hinterher, ich erinnere mich nicht mehr, was will sie? Fische im Teich, Farngewächse am Rand, ich trage rote Schuhe.
Schnitt.
Ich liege in meinem Bett, schlage die Augen auf, mein Herz rast. Ich taste umher, erleichtert, endlich aufgewacht zu sein. „Chloé“ rufe ich, mein Hund schaut zu mir und dreht den Kopf um 360° um die eigene Achse. Ich bekomme Angst, versuche wieder aufzuwachen.
Schnitt.
Ich liege in meinem Bett, schlage die Augen auf. Schaue zu Chloé, alles normal. Ich höre einen Schlüssel in der Tür, endlich nicht mehr allein.
Schnitt.
Ich stehe im Flur, vor mir die Mutter meiner Mitbewohnerin.
Schnitt.
Ich liege im Bett, atme schnell, zittere und bin schweißnass. Ich setze mich auf. Die Frau von vorhin betritt das Zimmer. „Ich wollte dich noch einmal sehen, sie werden mich nicht mehr herauslassen aus der Psychiatrie, das nächste Mal wird für immer sein, ich musste noch einmal zu dir kommen..“ Ich schlage mit einer Axt auf sie ein.
Schnitt.
Ich liege im Bett, schlage die Augen auf, habe Angst, wieder nicht aufgewacht zu sein. Die Luft fühlt sich falsch an, ich träume immer noch, Panik kriecht meinen Körper hoch. Ich erinnere mich an den Kuss und an die Brücke.
Schnitt.
Ich liege im Bett, bin mir sicher, wieder zu träumen. Werde ich nie wieder aufwachen? Bin ich tot? Wieso bleibe ich nicht wach? Ich kneife die Augen zu. Ich spüre, wie ich aufwache, Erleichterung, ich kann mich aber nicht wachhalten.
Schnitt.
Ich liege in meinem Bett, bin ich wach? Mein Hund steht direkt an meinem Bett, schaut mich besorgt an, winselt, er verschwimmt vor meinem Augen. Bleib wach, bleib wach, bleib wach.
Schnitt.
Ich liege in meinem Bett, der Wäscheständer steht zu weit links. Panik. Ich versuche aufzuwachen, höre Schritte im Flur, versuche zu schreien, aber ich kann nicht. Ich habe vergessen, wer ich bin.
Schnitt.
Ich liege im Bett, Verzweiflung, ich schaffe es nicht, wach zu bleiben. Ich kann meine Arme und Beine nicht bewegen, aber ich bin wach. Ich spüre, wie ich wieder das Bewusstsein verliere. Wieso kann ich nicht wachbleiben? Ich kämpfe, kann meine Augen kaum aufhalten. Ich stemme die Lider hoch, bin ich wach?
Schnitt.
Ich liege im Bett, schaue den Wäscheständer an, er steht einen Meter zu weit links. Ein Monster sitzt auf meiner Brust, seine Füße sind grün, es würgt mich.
Schnitt.
Ich liege im Bett, nicht wieder einschlafen, nicht wieder einschlafen, ich kämpfe, will schreien, kann nur die Pupillen bewegen, sonst nichts. Der Hund stupst mich an, ich bin tatsächlich wach. Ich spüre meinen Körper nicht. Ich schaue umher, habe Angst. Langsam bewege ich den Kopf, er fällt unkontrolliert von links nach rechts. Meine Arme und Beine sind immer noch unbeweglich. Ich versuche, meinen Körper zu bewegen; es geht nicht. Panik. Ich kann sprechen, murmel dem Hund was zu, versuche krampfhaft, wach zu bleiben. Ich schaffe es, mich auf die Seite zu drehen, mein Kopf baumelt wie betrunken; ich setze mich auf, mein Körper klappt unkontrolliert nach vorne und ich stoße mir den Kopf an meinem Knie. Mein Herz rast, ich atme schwer. Vorsichtig öffne und schließe ich die Hände. Hände funktionieren. Beine noch nicht. Ich zähle. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn. Ich falle nach hinten, schlafe fast wieder ein, rolle mich aus dem Bett, schlage auf dem Laminat auf. Ich knie mich auf alle Viere, warte. Atme. Die Luft scheint normal. Ich setze mich an den Rand des Bettes. Beine funktionieren. Arme funktionieren. Augen bleiben offen.
Ich bin wach. Die Wohnung ist leer.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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