Zwei Terabyte.

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Festplatten sind wie schwarze Löcher, die einen durch einen Zeittunnel einsaugen und anschließend wahllos durch die Gegend schleudern. „Jetzt mit 2 TB Speicher!“ in Anzeigen für PCs und Macs liest sich für mich nur wie „Zwei Terabyte Horror, Nostalgie, Sentimentalität und Rotweinabende mit Heulen in der Embryostellung zu peinlich pathetischer Musik!“. Wirklich, diese unfassbar großen Speichermedien sind die Pest, es ist der pure Wahnsinn, wer zur Hölle braucht überhaupt 2 TB Speicher, wenn er nicht professioneller Internetpirat oder Filmemacher ist?
Du suchst dann zum Beispiel nach Fotos von deinem Hund, um sie deinem Vater zu schicken, doch plötzlich stößt du auf den Ordner „Frankfurt Winter 2011“ und ab da kann es eigentlich auch nur noch scheiße werden. Beschwingt klickst du drauf, denkst „hach damals“ und siehst dann aber nur eine Galerie von Sachen, die damals so waren und jetzt nicht mehr so sind; zack! – da steckst du schon in diesem Zeittunnel fest, und statt den Verstand ein- und den Rechner auszuschalten, widmest du dich auch gleich noch den vierundachtzigtausendzweihundertvierundneunzig anderen Ordnern, die dort – juhu – ebenfalls rumgammeln. Vor deinem digital geschulten Auge ziehen dein Exfreund, deine weggezogenen besten Freunde, der Park deiner Kindheit, die alte Uni, die alte Stadt, dein Lieblingscafé samt Lieblingspianospieler ab und in dir breitet sich dieses Gefühl der Leere und des Verlustes aus. Durch diese ganzen kleinen Abgründe und Löcher in dir drin pfeift ein harter Wind und alles, was du empfindest, ist maximales Unwohlsein, gepaart mit einer kranken Faszination die dazu führt, nicht weggucken zu können. 2 Terabyte innerer Autounfall mit Personenschaden.

Dann schreibst du einer Vertrauensperson über genau diese Dinge, über das Fehlen und die Nostalgie, das Festhalten wollen und die Loslassenangst, über das Gefühl, Fehler gemacht zu haben, vielleicht doch wieder zurück zu wollen und egal, wem du schreibst, selbst bei den Personen, um die es geht, kommen total vernünftige Antworten zurück, so dermaßen vernünftig, dass du diese Leute nur besinnungs- und fassungslos anschreien und ihnen mit einer 2 Terabyte Festplatte so lange an den Kopf schlagen möchtest, bis sie zur Besinnung kommen oder du von der Polizei abgeholt wirst.

„So ist das eben, das Leben geht weiter“, „Das wird noch oft passieren“, „man gewöhnt sich dran, das legt sich mit der Zeit“ und du sitzt da, als rast ein riesiger ICE auf dich zu und du kannst dich nicht bewegen. Dann nickst du, sagst „genau“ und fragst dich, wieso du mit so Geisteskranken überhaupt redest, dann kannst du ja gleich mit Yoga anfangen, denkst du, und gehst heim oder legst das Handy weg. Kommen die echt so viel besser klar als ich, oder sind sie nur schon so stumpf oder dermaßen häufig mit einer Festplatte verprügelt worden, dass sie überhaupt nichts mehr raffen oder fühlen?

„Das lass ich jetzt zukünftig“, findest du dann aber dennoch, du bist total vernünftig und durchdacht, du löschst sogar deinen Exfreund bei Facebook aus der Freundesliste und alle deine Onlinealben gleich mit, „ich hab das im Griff“ murmelst du und entkorkst zufrieden den Rotwein, du setzt dich an den Rechner, um deine Diplomarbeit weiterzuschreiben, hörst Bon Iver und speicherst dann die Datei aus Versehen im Ordner „20er Jahre Party Wien 2012“.

Geil.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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