Poseidons Söhne

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Es ist ein heißer Tag, die Luft steht, es geht kein einziger Windhauch. Langsam läufst du nach Hause, der Weg ist die vertraut – einmal hin, einmal zurück, jeden Tag. Es ist dein Arbeitsweg, war dein Arbeitsweg, denn Arbeit hast du seit eben keine mehr. Online Marketing lohnt sich nicht mehr, sagte dein Chef. Zudem geht das Management ins Ausland, die Firma hier im Land wird geschlossen. Alle Angestellten werden entlassen. Ein Händedruck, „es tut uns leid“, das war’s.
Eigentlich lief alles gut. Du hast deine Familie, einen Job, mit dem du gut über die Runden kommst und dir ab und zu auch mal was leisten kannst. Nächstes Jahr wolltest du unbedingt mal nach Disney World mit der Familie. Oder wenigstens in die Türkei ans Meer, in einem richtigen, großen Hotel. Gespart hast du schon einiges, es sah alles so gut aus. So verdammt normal.
Doch dann kamen die Soldaten.
Du schaust auf dein gutes Paar Schuhe, das du immer zur Arbeit trägst. Deine Frau poliert sie dir jeden Abend. „Du musst das nicht immer machen“, sagst du. „Doch, du siehst so schick damit aus“, lächelt sie dann immer.
Zu Hause eröffnest du deiner Familie die veränderten Umstände. Deine Frau blinzelt die Tränen weg, deine 4 Kinder schauen bedrückt. Seit der Geburt deiner Jüngsten bleibt deine Frau zu Hause, sie darf aber als Frau sowieso nicht mehr arbeiten.
Dein 16jähriger Sohn sagt: „Macht nichts, Papa. Ich kann auch arbeiten gehen.“
Du vergräbst dein Gesicht in deinen Händen.

~

„Achtung, geh zur Seite!“
Neben dir kracht eine Palette Holzbalken auf den Boden. Du springst zur Seite, wischst dir den Schweiß von der Stirn. Hier stehst du nach 7 Jahren Studium – auf dem Bau, in der Hitze, bei einem scheiß Job und scheiß Bezahlung. In einer scheiß Stadt. In einem kaputten Scheiß-Land.
Gestern kamen Soldaten in euer Viertel und durchsuchten die Häuser. Sie tasteten alle ab, befummelten deine Töchter, schlugen deinen Sohn, der dazwischen gehen wollte.
„Ihr müsst kämpfen“, sagen sie. Und: „Wir holen euch.“
Auf dem Heimweg schaust du auf deine Schuhe. Sie sind abgewetzt, verdreckt, kaputt. Als du in deine Straße einbiegst, siehst du die Nachbarsfrauen weinend auf der Straße liegen und sich Staub auf die Häupter werfen. Du rennst los.
„Was ist passiert?“
„Sie haben sie geholt… alle. Meinen Mann, unsere Söhne und zwei unserer Töchter! Sie kommen wieder. Sie werden uns alle holen!“
In der Ferne hörst du Explosionen. Explosionen. Krieg. Sowas kennst du nur aus dem Fernsehen.
Du rennst in dein Haus, deine Familie kauert weinend auf einem Bett.
„Packt eure Sachen.“

~

Ihre Stirn glüht, die kleinen Augen sind glasig. Die Kleinste ist krank. Sie hat Fieber und das Wasser wird knapp. Ihre Fingerchen schließen sich nicht mehr um deinen Daumen, wenn du ihre Hand berührst. Die kleinen Ärmchen hängen schlaff herab, der Atem ist flach. Die Milch deiner Frau ist eingetrocknet, sie ist ausgezehrt und erschöpft. Seit 2 Monaten seid ihr nun unterwegs – du, deine Frau, zwei Söhne und zwei Töchter. Du versuchst in einem abgelegenen Dorf Medikamente zu organisieren, aber es gibt nichts mehr.
In der Nacht stirbt die Kleine. Dein Kind. Dein Herzstück.
Ihr begrabt sie in einer Senke.

~

Wellenrauschen. Die Luft ist kühl und schmeckt nach Salz. Du legst den Arm um die Taille deiner Frau; sie ist so dünn geworden, zu dünn, sie löst sich in Luft auf. Deine Kinder starren mit leeren Blicken und sonnenverbrannten Gesichtern auf das Wasser. Deine Tochter hat seit Wochen kein Wort mehr gesprochen.
„Los, weiter!“
Eine Kalaschnikow sticht dir von hinten schmerzhaft in die Rippen. Ihr stolpert weiter zu einem verstecken Bootsableger. Da liegt sie, eure Hoffnung, euer Geld, das Leben eurer jüngsten Tochter; dort liegt die einzige Chance auf Überleben und schaukelt im Wind. Ein Schlauchboot. Ein simples Schlauchboot. Du fängst an zu lachen, hysterisch, deine Frau schaut dich besorgt an. Zusammen mit 140 anderen Menschen quetscht ihr euch in die Nussschale. Die Schlepper rufen euch Anweisungen zu, die ihr euch merken sollt. Du schaltest dein Smartphone an, um deinen Standort zu überprüfen. Noch 300 km mit dem Boot. Dreihundert. Dreihundert.
Oh Gott. Bitte.

~

In der ersten Nacht fielen 3 Menschen vom Boot, als sie versuchten, sich über die Reling zu erleichtern. Sie riefen um Hilfe, aber niemand reagierte. Keiner beugte sich herunter, keiner tastete nach ihren verzweifelten Händen in der Dunkelheit.
„Lasst sie!“, bellte einer der Schlepper. „Wir kentern sonst. Sitzenbleiben!“.
Mit geschlossenen Augen lauschst du, wie ihre Rufe immer leiser werden, bis der Wind sie verschluckt.

~

Du kannst deine Frau nicht finden. Auf einem Boot, das kann doch nicht sein. Eben bist du aufgewacht, und deine Frau war doch noch da. Gestern Abend war sie noch da! Du schüttelst deinen schlafenden Sohn wach. „Sie musste auf Toilette, ich weiß nicht, wo sie ist.“ Seine Stimme bebt, die Augen schauen verängstigt.
„Mama!“, ruft er. „Mama!“
Du rufst die Schlepper, doch sie wissen von nichts. In der Nacht seien 8 Menschen von Bord gegangen, vielleicht sei sie eine davon gewesen. Das sagen sie einfach so. Einfach so. So eine Aussage, hier sind doch alle geisteskrank, denkst du.
„Setz dich hin und halt’s Maul!“
Du stehst auf und beginnst, sie zu rufen. Deine Rufe überschlagen sich zu einem schrillen Kreischen. Sie antwortet nicht. Sie ist weg.
Deine Frau ist einfach verschwunden.

~

Vor einigen Stunden sind die Schlepper auf ein Motorboot gestiegen, das sie abgeholt hat. Dir wurde erklärt, wie du das Boot auf die Küste Lampedusas zusteuern musst. Verstanden hast du es nicht, doch das kümmert niemanden.
Die See ist unruhig, deine Nussschale wird von den Wellen auf und nieder geworfen. Deine Kinder krallen sich aneinander. Du schließt die Augen.
„Wir werden sterben“, denkst du. „Wir werden alle sterben.“

~

Es ist still, bis auf ein leises, dumpfes Dröhnen. Dein ausgezehrter Körper fühlt sich zum ersten Mal leicht an. Du schwebst, du fliegst, alles ist ruhig. In deinem Kopf tanzen Sternchen umher, ein grün-blauer Dunst durchströmt alles, deine Brust brennt wie Feuer, aber das macht nichts. Du bist müde, so unglaublich müde. So lange schon bist du unterwegs, doch deine Reise hat jetzt ein Ende, endlich. Frieden…
Eine Hand packt dich am Oberarm und du wirst empor gerissen. Deine brennenden Lungen saugen gierig den Sauerstoff ein, das Rattern von Rotorenblättern, schreiende Menschen. Wo bin ich, denkst du. Was passiert hier. Du schaust hoch und siehst einen Mann im orangefarbenen Overall, der sich von einem Hubschrauber abgeseilt hat. Er hat dich fest im Griff und legt gerade Gurte um deinen Körper. Er schaut zum Piloten, reckt den Daumen hoch und schon taumelst du durch die Luft, alles dreht sich, deine Sicht verschwimmt wieder…

~

Schuhe hast du keine mehr. Du bist barfuß. Du sitzt am Strand und wartest, zusammen mit deiner Tochter. Heute ist der dritte Tag seit eurer Rettung, und es werden immer noch Leichen angespült. Jeden Tag schleichst du dich aus dem Lager und wartest, wartest auf deine Söhne. Das Boot ist kurz vor der Küste gekentert, der Jüngste griff noch nach dir, aber du konntest ihn nicht halten, die Strömung war zu stark. Ihr wurdet getrennt, das dunkle Wasser schlug über euren Köpfen zusammen und die Wellen wirbelten euch in einem gnadenlosen Tanz umher.
Deine Tochter fandest du im Auffanglager, sie ist krank und schwach, aber sie lebt. Doch deine Söhne hast du nicht gefunden. Sie waren nicht im Lager. Wo sind deine Söhne? Welche Wellen wirbeln sie umher?
Wann bringt dir Poseidon deine Kinder zurück?

~

Deine Tochter spricht immer noch nicht. Ihr habt eine Zugfahrkarte bekommen, eine Karte nach Deutschland. Mit geliehenen Klamotten taumelst du deinem geliehenen Leben in einem unbekannten Land entgegen.
Alles fühlt sich schwer an. Alles fühlt sich leer an. Mit jedem verlorenen Menschen bist du geschrumpft. Du bist fast gar nicht mehr da, fast durchsichtig.
Deine Tochter greift nach deiner Hand. „Sind wir jetzt sicher?“
Du schaust sie an. Schaust die Polizisten an, die euch wie Vieh in einen Transporter verladen. Ihre ersten Worte seit Monaten.
„Ich weiß es nicht.“

~
Wenn ihr euch für Flüchtlinge engagieren wollt, findet ihr hier nützliche Infos:
Hamburg, Spenden-Liste: http://zusammenschmeissen.de/
Hamburg, Arbeitsgruppen Flüchtlinge: https://refugeeswelcome20357.wordpress.com/unsere-arbeitsgruppen/
Pro Asyl: http://www.proasyl.de/de/
Wohnraum für Flüchtlinge anbieten: http://www.fluechtlinge-willkommen.de/
Jobbörse für Flüchtlinge: http://www.workeer.de/

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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