Der wütende Mob und die Nazi-Falle.

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Rassismus ist ein Zug an einem Menschen, der das Schwärzeste in ihm an die Oberfläche befördert. Bei Äußerungen, die auch nur den Verdacht – einen Hauch! – an sich haften haben, rassistisch motiviert zu sein, lassen bei mir sofort alle Schilde hochfahren. Spreche ich mit solch einem Menschen, reißt sofort ein riesiger Graben zwischen uns auf. Ein kaum zu überwindender Abgrund. Ich spüre dann ebenfalls schlechte Gefühle in mir aufsteigen – Abscheu, Wut, Ekel, und wenn es wirklich schlimm ist: Kurz auflodernder Hass. Ich erschrecke dann ein bisschen vor mir selbst, da es ja genau das ist, was ich den Rassisten ankreide: Dieser absolut irrationale Hass. Sich von Emotionen hinreißen lassen, ohne zu reflektieren.
Rassisten zu hassen und auszugrenzen ist wahnsinnig leicht und fühlt sich immer erstmal richtig an. Man steht immer auf der richtigen Seite, auf der moralisch überlegenen. Man muss nicht einmal großartig etwas dafür tun: Man muss nur zuschauen, wie sie sich durch ihre Argumentation selbst zerlegen. Und dann kann man hochmütig mit dem Finger darauf zeigen und sagen: Da! Da ist es! Das Unmenschliche. Das Ekelhafte, das Abartige. Schaut nur alle her, sehr es euch an! Und dann leuchtet man mit dem Scheinwerfer drauf, damit es auch alle sehen. Alle sollen sehen, dass dieses Geschöpf nicht zu uns gehört. Dass es abseits der guten und empathischen Menschen steht. Abseits von uns. Der Gesellschaft. Der Herde.

Der Rassist – das Monster.

Ich nehme mich dabei nicht aus, und dieser Beitrag ist auf jeden Fall auch Reflexion und Selbstkritik. Manchmal lasse ich mich davon mitreißen und habe ebenfalls diese Gefühle, und es gibt sicherlich Menschen, bei denen das auch schon egal ist. Die wirklich beinharten Nazis sind davon sowieso nicht zu beeindrucken, meist sitzen sie in Führungspositionen rechter Parteien oder tummeln sich als angesehene und besorgte Bürger in der bürgerlichen Parteienlandschaft – da ist alles dabei. Diese Menschen bringt man jedoch auch nicht durch Ausgrenzung zum Fall. Sie sind zu gut vernetzt, zu selbstsicher. Das ist vergebliche Liebesmüh.

Aber was ist mit dem Mitläufer-Nazi? Dem Schläfer-Rassisten, in dem immer schon solche kruden Vermutungen, die viel getitelten sogenannten „Ängste und Sorgen“ schlummerten, die jetzt erwachen? Der sich von den feurigen Reden des Intellektuellen-Rassisten mitreißen und überzeugen lässt? Ganz normale Familienväter, die auf einmal auf Facebook und Co. in absurde Hetz-Postings ausbrechen und Unsägliches schreiben, was man nie erwartet hätte? Unglaublich junge Menschen, nicht älter als 16, die diese Sachen nachplappern? Sind diese Menschen wirklich für die Gesellschaft verloren?

Blogs wie „Perlen aus Freital“ und entsprechende Facebook-Gruppen finden das anscheinend schon. Und falls das zu dem Zeitpunkt noch nicht der Fall ist – wenn diese Seiten mit der Person fertig sind, ist es spätestens dann so.

Diese Blogs und Gruppen sammeln die rassistischen Aussagen und Hetzereien von Leuten und errichten damit eine Denunzianten-Kultur, von der sich Diktaturen noch inspirieren lassen können. Das Perfide hierbei ist die Reaktion der Masse auf diese Beiträge. Der Schwarm. Das Rudel, das sich zur Jagd aufmacht, bereit, Existenzen zu zerstören. Es werden Namen, Profillinks und Arbeitgeber veröffentlich, sodass sich die Meute auf diese Menschen stürzen kann. Von so einem Shitstorm erholt man sich erst nach Jahren, wenn überhaupt. Kollateralschäden gibt es immer. Falsche Namen die ausgegraben werden, falsche Arbeitgeber. Dann wird jemand gekündigt, obwohl er gar nicht der Verfasser des Postings ist – tja. Dem Mob ist das erstmal egal. Gerechtigkeit!!! Oder so.

Und genau hier schnappt die Falle zu.

Ich würde am Liebsten aufspringen und rufen: Erwischt! Denn Menschen, die dabei mitmachen, tappen in dieselbe Falle, in die der 16jährige Lehrling getappt ist, der die rassistischen Parolen seines Onkels nachplappert:

Wir suchen uns einen Schwächeren, jemanden, der anders ist. Eine Minderheit, ganz egal. Jemand, der nicht zu uns passt – nicht zur Mehrheit passt. Und den machen wir fertig.

Die Mechanismen sind genau dieselben. Wir fühlen uns moralisch überlegen und damit dazu berechtigt, doch moralisch ist an dieser Sache gerade mal: Gar nichts. Genau das machen nämlich auch die von uns verabscheuten Rassisten. Sie entladen ihren Frust, der sehr oft eigentlich gar nichts mit zum Beispiel dem Flüchtling nebenan zu tun hat, dankbar an einem Opfer, das NOCH schwächer ist als sie selbst. Nazi-Gangs prügeln zu siebt auf einem Parkplatz einen Türken zusammen. Dann stehen Hartz4-Empfänger vor Flüchtlingsheimen und rufen unsägliche Parolen. Dafür kann es tausende Gründe geben. Weil sie Nazis in drölfzigster Generation sind. Weil sie unaufgeklärt oder spärlich gebildet sind und Zusammenhänge nicht begreifen. Weil sie Arschlöcher sind. Weil es ihnen mies geht. Weil sie von der Gesellschaft abgehängt wurden, und das schon lange. Ich rede hier nicht von hochrangigen und oft gutsituierten Parteifunktionären. Ich spreche von den Menschen, die auf einmal bei Pegida mit marschieren, obwohl sie in ihrem sächsischen Dort noch nie einen Ausländer gesehen haben. Die frustriert sind und Angst haben und dann solche irren Dinge tun.

Nun frage ich mich: Was sind wir für eine Gesellschaft, die Menschen nicht nur sofort aufgibt, sondern auch noch versucht, sie komplett zu zerstören? Ist es dieser 16jährige Azubi nicht wert, dass wir ihn auffangen und wieder auf die richtige Spur lenken? Auch Rassisten haben Kinder! Sollen wir einfach hinnehmen, dass die Kleinen dann vom rechten Gedankengut der Eltern umgeben aufwachsen? Sollen wir das einfach alles so lassen und ab und zu mal draufhauen? Gerade so junge Menschen können wir doch nicht einfach dem Nazi-Mob überlassen, was ist denn nur los mit uns?

Wo ist unsere Empathie hier? Ich dachte, wir seien besser als der Nazi-Mob.

Auch wenn diese Menschen es vielleicht nicht so wahrnehmen: Sie brauchen Hilfe. Sie brauchen uns, als Gesellschaft. Wir dürfen sie nicht fallen- und damit den Hyänen überlassen. Wir müssen sie resozialisieren, wie es zum Beispiel auch im Strafvollzug geschieht. So einen Menschen um sein Einkommen zu bringen, wird genau das Gegenteil des erwünschten Effektes bewirken. Diese vorgebliche „Erziehungsmaßnahme“ wird nur Folgendes erreichen: Der vielleicht nur diffus ausgeprägte Hass wird sich in dieser Person manifestieren. Es wird die absolute Bestätigung dessen sein, was er die ganze Zeit denkt: Dass wir uns um andere Menschen mehr kümmern, als um ihn. Er wird denken, dass er wegen der Flüchtlinge den Job verloren hat. Er wird wilde Zusammenhänge aufbauen und froh sein, wenn der nette Kumpel Werner aus der NPD oder Peter aus der AfD ihm einen Job anbieten – die stehen nämlich schon rechtsaußen, reiben sich die Hände und warten auf diese Ausgestoßenen.

Manche Leute sind verloren, das ist mir klar. In vielen Menschen sitzt das rechte Gedankengut so tief, da kann man sich die Diskussionen sparen. Aber ich denke einfach an die ganzen Menschen, deren Mitlaufen nicht wirklich politisch motiviert ist. Und ich kann und WILL mir einfach nicht vorstellen, dass diese jungen Azubis oder die 20jährige DM-Verkäuferin schon 100% für uns verloren ist. Ich bin niemand, der aufgibt. Vor allem niemand, der Menschen so schnell aufgibt. Und auch niemand, der sich rachsüchtig auf Menschenleben stürzt in der Hoffnung die Person so zu zerstören, dass sie nie wieder aufsteht.

Bitte nicht verwechseln: Ich rufe hier definitiv nicht zur Toleranz rassistischer Einstellungen auf. Absolut nicht. Und wenn man so etwas hört oder liest, muss man dagegen halten, unbequem sein, den Mund aufmachen. Ja, auch, wenn das der Lieblings-Onkel Herrmann ist, der sowas sonst nicht sagt und eigentlich ganz nett ist; in dem Moment hat er es gesagt, und da muss man eben Paroli bieten. Und ich nehme auch die Facebook-Postings dieser Leute nicht in Schutz. Um den „Tatbestand“ geht es hier gar nicht, sondern darum, wie man dann mit dem „Angeklagten“ verfährt.

Lasst uns nicht so eine Gesellschaft werden, in der ein blind hassender Mob in rasender Schadenfreude tobt. Menschenwürde gilt für alle, nicht nur für uns selbst, linkspolitisch eingestellte Bürger, Flüchtlinge und sonstige Menschen, die uns sympathisch sind. Ja, auch für die, die als rechte „Idioten“ bezeichnet werden, die stumpf rassistische Parolen nachbeten. Auch, wenn es sich wie ein Lauf gegen die Windmühlen anfühlt: Wir sollten noch nicht loslassen. Wir sollten die Hände ausstrecken, denn auch in rechten Lagern gibt es viele Aussteiger. Menschen, die zur Besinnung kommen. Lasst uns diese Menschen nicht aufgeben, sondern einsammeln. Lasst sie uns in unsere Reihen eingliedern und mit ihnen gemeinsam für Empathie und ein soziales Miteinander einstehen, für Inklusion und der Gleichbehandlung aller Menschen, egal, woher sie kommen. Das mag nicht bei allen funktionieren – aber bei einigen ganz ganz bestimmt.

Lasst uns nicht in die gleiche beschissene Falle tappen, in der sich Rassisten verheddert haben.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Ahoi.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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