Flüchtlings-FAQ für Besorgte und Ahnungslose

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Asylmissbrauch, Schlepperbanden, „besorgte Bürger“. Die Medien überschlagen sich in der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise und viele Sachen gehen dabei durcheinander. Wir erleben viel Solidarität und Hilfsbereitschaft, aber auch rassistische Ressentiments, die oft auf Vorurteilen gründen. Mit Letzterem möchte ich hier ein bisschen aufräumen, daher klemme ich mich an den Rechner und schreibe diese „FAQ“, also „Frequently Asked Questions“. Besorgte Bürger, Nazis und auch sonstige Interessierte, aufgepasst – es geht los:

1. WAS MACHEN WIR GEGEN DEN MASSENHAFTEN ASYLMISSBRAUCH?

Seehofer sei Dank haben wir ja jetzt diesen schönen Begriff, der die Schlagzeilen ziert, und auch andere CSU-Politiker werden nicht müde, ihn in Talkshows zu wiederholen.

„Bevor wir in Leistungskürzungen gehen für die Bevölkerung, die hier lebt, ist es unsere verdammte Pflicht, diesen massenhaften Missbrauch des Asylrechts einzudämmen und abzustellen.“ – Horst Seehofer, CSU

Ich spoiler schon einmal: Es gibt keinen Asylmissbrauch. Es gibt ihn nicht, kann ihn nicht geben.

Seehofer und Co. beziehen sich hier vor allem auf die sogenannten „Balkan-Flüchtlinge“, die in Deutschland aktuell zu großen Teilen keinen Anspruch auf Asyl haben und deshalb keine Bewilligung erhalten. Nach dem Durchlaufen des Verfahrens werden sie wieder zurück in ihre Herkunftsländer geschickt. Hier kurz eine Erklärung, wieso dies KEINEN Asylmissbrauch darstellt:

  1. Sie bekommen kein Asyl bewilligt. Wie sollen sie Asyl an sich missbrauchen, wenn sie es nicht gewährt bekommen?
  2. Das Stellen eines Asylantrages stellt keinen Missbrauch dar und ist auch nicht ungesetzlich. Das Recht auf Asyl ist ein Grundrecht, es ist ein Menschenrecht.

Wenn ich das Gefühl habe, politisch verfolgt zu sein, stelle ich einen Antrag auf Asyl. Das darf erstmal jeder. Mein Antrag wird dann geprüft und entweder bewilligt oder abgelehnt. Hierbei ist nicht mehr passiert, als dass ich einen Antrag gestellt habe, der abgelehnt wurde. Das Recht auf Asyl ist ein wichtiger Bestandteil unserer Verfassung – daher sind „Asylgegner“, die dieses Recht beschneiden oder abschaffen wollen, Verfassungsfeinde. Ganz einfach.

Passend hierzu das Zitat aus dem großartigen Kommentar eines ehemaligen Asylrichters:

„Warum nennt man eigentlich die Asylsuchenden Betrüger? Kein Bauwerber, dessen Bauantrag abgelehnt wird, ist in unserem Sprachgebrauch ein Baubetrüger. Ebenso wenig ist ein Unternehmer, dessen Subventionsantrag abgelehnt wird, ein Subventionsbetrüger. Nur die erfolglosen Asylantragsteller sollen Betrüger sein? Das ist hetzerisch.“ – Peter Vonnahme

2. WIESO SPRINGT DIE PROGNOSE VON 450,000 AUF 800,000 ASYLANTRÄGE?

Diese Zahl geistert seit einer Weile durch die Medien und stiftet viel Verwirrung. Brechen wir vorher mal kurz die Zahlen herunter:

Momentan befinden sich 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Verfolgung, Krieg, Hunger, Elend und aus anderen Nöten. Damit ist die aktuelle Situation die größte Flüchtlingskrise seit dem zweiten Weltkrieg. 2014 kamen von diesen Menschen ungefähr 200,000 in Deutschland an und stellten einen Asylantrag. Wenn wir jetzt mal den Dreisatz bemühen, sind das 0,3% aller Flüchtling dieser Welt, bzw: Auf 400 Deutsche Staatsbürger kommt ein Flüchtling. Wir sollten also mal die Kirche im Dorf lassen.

Nun zur 800,000. Dies ist die Menge an Personen, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz „BAMF“, voraussichtlich in den Erstaufnahmeeinrichtungen registriert werden. Wie sich diese Zahl genau errechnet, wird leider nicht erklärt – nunja. Wichtig ist hierbei einfach: Im Mai, als die Rede von 450,000 Personen war, bezog man sich auf die Anzahl der Asylanträge. In der neuen Zahl bezieht man sich jedoch auf die Erstregistrierung im Aufnahmezentrum. Das ist ein Unterschied! Hätte man schon im Mai die Schätzung zur Erstregistrierung veröffentlicht, wäre sie damals schon deutlich höher ausgefallen.

Wir merken uns also: Es waren zwei verschiedene Werte, die miteinander verglichen wurden. Äpfel mit Birnen.

3. WIESO BEKOMMEN DIESE LEUTE SO VIEL TASCHENGELD?

Wer denkt, diese Leute setzen Leib und Leben auf’s Spiel, verlassen ihre Heimat und ihre geliebten Menschen, um hier ein Smartphone und ein paar Markenklamotten abzugreifen, steht mit der Realität anscheinend nur sporadisch in Kontakt.

Ich liste hier mal die Leistungen auf, die ein Asylbewerber erhält:

  • Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhält jeder Flüchtling in den ersten 15 Monaten seines Aufenthaltes zwei Arten finanzieller und materieller Zuwendung: Einerseits steht ihnen eine Zuwendung zur „Deckung des notwendigen Bedarfs“ zu. Hier wird dies in der Regel mit materiellen Gütern geregelt: Unterkunft, Kleidung, Nahrung, medizinische Versorgung.
    Weiterhin bekommen sie das vielzitierte „Taschengeld“. Dies stellt einen Betrag „zur Deckung persönlicher Bedürfnisse des täglichen Lebens“ dar. Für einen einzelnen Erwachsenen sind das aktuell 143 EUR im Monat – bar.
    Diese Leistungen erhalten die Personen nur, wenn sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung bleiben.
  • Nach dem Verlassen der Erstaufnehmeeinrichtung besteht ein Anspruch von Leistungen im (Gegen-)Wert von 287 bis zu 359 EUR im Monat, ähnlich denHartz4-Sätzen. Taschengeld gibt es nicht oben drauf, das ist hier schon mit eingerechnet. Alleinstehenden Personen steht hier mehr Geld zu als Erwachsenen, die in einem Haushalt leben, für Kinder gibt es nach dem Alter gestaffelte Beträge.
  • Im Asylbewerberleistungsgesetz ist geregelt, dass Taschengeld in bar ausgezahlt werden muss. Die Forderung, Asylbewerbern bestimmter Länder nur Gutscheine auszugeben, ist damit hinfällig. Zudem wäre das ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot. Und nein, Leistungen streichen kann man auch nicht. Diese Menschen leben am absoluten Existenzminimum. Sie haben nichts. Nichts. Niente. Nada. Man kann nichts kürzen, wo nichts ist.

4. ERHALTEN SIE HIER MEHR GELD, ALS SIE IN IHREN HEIMATLÄNDERN VERDIENEN?

Kurz gesagt: Jein.

Das jährliche Durchschnittseinkommen beträgt in manchen Balkanländern 3500 EUR, also ist der reine Geldbetrag vergleichsweise hoch. Das ist aber egal, denn: Erstens bekommen sie hier viele Leistungen in materieller Form gestellt. Und zweitens bekommen sie die Geldleistungen hier, wo ihre Lebenskosten auch viel höher sind. Daher ist diese Frage hinfällig.

Ja, die „absolute Summe“ ist vergleichsweise hoch. Aber nützen tut es dennoch nichts, da sie das Geld ja hier ausgeben müssen – und nicht im Balkan.

5. WIESO MUSS DEUTSCHLAND IMMER ALLE FLÜCHTLINGE AUFNEHMEN?

Weiter oben habe ich ja schon einmal vorgerechnet, wie vergleichsweise wenig Flüchtlinge wir aufnehmen. Gerne können wir Deutschland auch nochmal in den internationalen Vergleich setzen. Ich beziehe mich hierbei auf die Eurostat-Statistik aus 2014:

Asylbewerber 2014, absolute Zahlen:

  1. In Deutschland wurden 172.945 Erstanträge gestellt
  2. In Schweden wurden 74.980 Asyl-Erstanträge gestellt
  3. In Italien gab es über 63.000 Erstanträge
  4. In Frankreich wurden 57.000 Erstanträge gestellt
  5. In Ungarn stellten Flüchtlinge 41.215 Erstanträge
  6. Großbritannien stellte 31.070 Erstanträge fest
  7. …und Spanien hinkt mit 5460 Anträgen hinterher.

Wichtig ist hier zu erwähnen, dass zwar fast 44,000 Menschen nach Griechenland über das Mittelmeer kamen, dort jedoch nur etwa 7500 Asylanträge gestellt wurden. Das liegt daran, dass dort oft kein Asylantrag gestellt werden kann.

So. Hier sieht man: Deutschland und Schweden liegen weit vorn. Nun setzen wir das alles jedoch mal in Relation zur Bevölkerungszahl in den jeweiligen Ländern. Dabei leihe ich mir eine Grafik von SPIEGEL ONLINE:

So weit vorne liegt Deutschland da nicht mehr. Und ganz im Ernst: Wir können es uns leisten. Und wir selber haben eine große Historie an Fluchtbewegungen und waren schon oft ebenso auf die Hilfe der Weltgemeinschaft angewiesen. Was wir uns hingegen nicht leisten können, ist diese Menschen abzuweisen. Das geht auch gar nicht. Es werden mehr kommen. Viele sind schon da. Daran können wir nichts ändern – wir können es nur für alle Seiten mit Würde, Anstand und Empathie über die Bühne bringen.

Zudem sind wir mitverantwortlich für diese Flüchtlingskrise. Wir haben unterdrückende Regimes wie Gaddafi in Libyen lange unterstützt. Man denke auch an die Kriege durch die USA, deren Verbündete wir sind. Deutschland ist damals mitgezogen. Hinzu kommen wirtschaftliche Faktoren. Wir beuten die ärmsten Teile der Welt aus und wundern uns dann, dass die Menschen dort nicht mehr leben können. Also bitte.

6. DIESE LEUTE SIND OFT KRIMINELL! WIE SOLLEN WIR DAMIT UMGEHEN?

Seufz. Flüchtlinge sind Menschen. Ganz normal, wie du und ich. Menschen sind nicht immer gut und hilfsbereit – das sieht man ja hierzulande schön an den rassistischen Ausschreitungen. Es gibt kriminelle Menschen, es gibt gesetzestreue Menschen, so ist das überall. Hier spielt es keine Rolle, ob die Person en Flüchtling ist oder nicht.

Auch, wenn viele Leute diese Unwahrheit hartnäckig verbreiten: Flüchtlinge sind nicht öfter straffälliger geworden als andere Personengruppen – das ist statistisch belegt. Wenn du also einen Flüchtling oder überhaupt einen Menschen mit Migrationshintergrund auf der Straße siehst, kannst du auf dem selben Level wie bei einem „Biodeutschen“ erst einmal davon ausgehen, dass es ein netter, normaler Mensch ist. Punkt.

7. WIESO KÜMMERN WIR UNS NICHT IM SELBEN MASS UM UNSERE ARMEN & OBDACHLOSEN

Erst einmal finde ich es einen Wahnsinn, wie interessiert meine Mitbürger auf einmal an den Obdachlosen sind, an denen sie seit Jahren kommentarlos und angeekelt vorbei laufen. Es ist wirklich erstaunlich, dass den „besorgten Bürgern“ auf einmal auffällt, wie viele Menschen in unserem Land in Armut leben.

Dennoch: Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Wenn eine alte Frau strauchelt und ich sie auffange, kommt doch auch keiner dabei und sagt „aber um’s Eck schlagen sich zwei Leute, da hilft wieder keiner“.

Es gibt viele Menschen, die Hilfe brauchen. Wir sollten uns um alle kümmern, und nicht diese Schwächsten der Gesellschaft gegeneinander aufhetzen und aufwiegen.

Und seien wir ehrlich: ist ein Flüchtling arbeitslos, jammern alle wegen der Sozialkosten. Arbeitet ein Flüchtling, nimmt er uns die Arbeitsplätze weg. Hilft man einem Flüchtling, wird einem das Leid der „deutschen“ Bevölkerung um die Ohren gehauen. Aber deshalb kann man nicht aufhören, anderen Hilfsbedürftigen zu helfen. So funktioniert das nicht, so geht das nicht. Das ist unanständig und diese Denkungsart ist zutiefst verwerflich.

Deutschland hat Geld. Armut entsteht durch die ungleiche Verteilung des Wohlstandes. Und statt sich auf die Schwächsten zu stürzen, sollten wir mal einen Blick nach oben zu den riesigen Konzernen und Banken werfen und mal prüfen, ob die Geldverteilung in Deutschland gerecht ist. Ob es okay ist, wie hochkarätige Unternehmen besteuert werden. Und auch hier spoiler ich noch einmal: Ist es nicht. Und dafür kann keinFlüchtling etwas.

8. IST DIESE ÜBERFREMDUNG EINE GEFAHR FÜR UNSERE DEUTSCHE LEITKULTUR?

Hier habe ich Neuigkeiten für dich: Wir kommen alle ursprünglich aus Afrika. So viel dazu. Europa entstand aus Migrationsströmen, so ist das eben. Das „reine deutsche Volk“ gab es nicht. Nein, auch nicht genetisch. Bei Völkerwanderungen vermischen sich Menschen verschiedenster Herkunft und suchen sich ein neues Zuhause. Das deutsche „Supergenom“ gibt es nicht, genau so wenig, wie die ur-deutsche Kultur.

Kultur ist stets im Wandel. Wir genießen alle morgens unseren Kaffee, und nach dem Feier darf’s gern mal ein (veganer) Döner sein. Das gehört mittlerweile ebenso selbstverständlich zur Kultur wie unsere Kartoffel – die übrigens aus Amerika stammt.

Aus Fremden werden Einheimische, Mitbürger, Freunde, Geliebte, Verwandte. Und sie bringen eine Menge an Kultur mit, die uns bereichert. Es wird nicht passieren, dass wir hier auf einmal alle mit dem Kopftuch rumrennen. Panikmache ist hier total fehl am Platz. Entspannt euch und lasst euch einen türkischen Kaffee machen, esst ein Croissant und schaut euch den neusten Hollywood-Streifen an. Alles wird gut. Keiner nimmt euch euer Schnitzel weg.

9. WIE KANN ICH MICH FÜR FLÜCHTLINGE ENGAGIEREN?

Schön, dass du immer noch am Start bist. Wenn du das Gefühl bekommen hast, dass Flüchtlinge eventuell doch nicht die „Geißel dieses Landes“ sind, sondern ganz normale Menschen, die Hilfe brauchen, habe ich ein paar Links für dich:

  1. Hamburg, Spenden-Liste: http://zusammenschmeissen.de/
  2. Hamburg, Arbeitsgruppen Flüchtlinge: https://refugeeswelcome20357.wordpress.com/unsere-arbeitsgruppen/
  3. Pro Asyl: http://www.proasyl.de/de/
  4. Wohnraum für Flüchtlinge anbieten: http://www.fluechtlinge-willkommen.de/
  5. Jobbörse für Flüchtlinge: http://www.workeer.de/

So. So viel erst einmal dazu. Abschließen werde ich diesen Beitrag mit zwei Videos für euch. Einerseits noch einmal den großartigen Kommentar von Anja Reschke:

… und dann habe ich noch ein Video für euch, in dem Flüchtlinge über ihre Erfahrungen in Deutschland sprechen:

https://www.youtube.com/watch?v=9p73rURNzZQ

Besonders bewegt haben mich die Antworten auf eine Frage:

„Wo ist dein Zuhause, deine Heimat?“ – „Ich weiß es nicht…“

Wer glaubt, dass diese Menschen hier her kommen, um uns abzuzocken; wer glaubt, dass sie sich komplett entwurzeln, um in der sozialen Hängematte zu liegen, sollte mal dringend sein eigenes Wertesystem überprüfen.

Das sind Mitmenschen. Sie brauchen Hilfe. Und wir sind verdammt nochmal verpflichtet, sie ihnen zuteil werden zu lassen.

#refugeeswelcome

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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