In Hamburg sagt man „Moin“. Und „Tschüs.“

By

„Can you make photo of my wife?“ Der Mann lacht mich an und zeigt auf seine Frau, die ein Kleinkind auf dem Arm hält. „It’s a girl, look, it’s a girl!“ ruft der Vater stolz und wuschelt den Kopfflaum der Tochter durcheinander. Das Mädchen quietscht und streckt mir die Zunge raus, wir lachen.

Ich greife zu Stiften und Block und beginne, die beiden zu portraitieren – das meinte er nämlich. Ich sitze zusammen mit drei anderen Illustratoren in der Kinder-Ecke des Willkommensfestes. Wir portraitieren Leute, malen mit den Kids Kreidebilder. Nebenan wird gestrickt – ich sehe zwei Wollknäuel, die ich vor einer Woche gespendet habe und grinse in mich hinein.

Die Stimmung ist nicht nur gut, sie ist grandios, fantastisch, gelöst. Es ist zwar ein Willkommensfest, aber vor allem leider ein Abschied. Die Menschen, die momentan noch in den Messehallen leben, müssen nun in andere Unterkünfte umziehen. Einige von ihnen werden auch wieder in ihre „sicheren Herkunftsländer“ zurück geschickt – manche blinzeln die Tränen weg, wenn sie einem das erzählen. „I don’t wanna go back. It is not my home. I don’t have a home anywhere. I don’t want to leave. Everybody is nice. I will try to come back.“
Viele Flüchtlinge haben sich Deutschlandfahnen auf das Gesicht gemalt. Sie gehen auf dich zu, schütteln dir die Hand und sagen „Danke, danke“, eines der wenigen Worte, die sie schon gelernt haben. Das Wichtigste, wie sie dir dann auf Englisch erzählen.

Es wird getanzt, gefeiert, gelacht. Das Essen ist gratis, viele Firmen haben Verpflegung gespendet, es ist ein riesiger Spaß. Vor allem die Kinder haben Grund, sich zu freuen. Das Kinderprogramm ist bunt und vielfältig, vom Mitmachzirkus über Dosenwerfen hin zu Kickerturnieren und vielen anderen Aktionen gibt es quasi alles. Die Kids sind zutraulich und überhaupt nicht menschenscheu, trotz allem, was sie durchgemacht haben.

Moritz sitzt mir gegenüber und portraitiert mich; ein Mädchen hängt sich an seinen Arm. „Oooooh, gut!“ sagt es und schmiegt sich an ihn. Ein anderes Mädchen zupft mir am Arm und hält mir wortlos ein selbstgeflochtenes Armband, einen Verschluss und die Hand ihrer kleinen Schwester entgegen. Ich schalte und fummele das Schmuckstück an den kleinen Kinderarm. Das Mädchen lächelt, streichelt meinen Unterarm und rennt mit dem Geschwisterchen im Schlepptau davon. In meinem Bauch breitet sich ein warmes Gefühl aus. „Ich will Haare wie Son Goku!“ – keine Zeit zu Träumen, ich habe eine Mission, drehe mich um und zaubere das Gesicht eines Kindes auf den Körper des Manga-Heldes. „Mach die Haare wie Son Goku, wenn er Gott ist!“. Die kleine Kundschaft ist anspruchsvoll und ich eiere an den Grenzen meines Anime-Knowledges herum. Schließlich müssen wir die Wunschfrisur auf meinem Handy googlen.

Das Fest ist anders als die üblichen deutschen Straßenfeste. Keine betrunkenen Alkoholleichen oder streitende Paare. Alle sind entspannt und friedvoll, jeder geht respektvoll miteinander um, man schließt schnell neue Freundschaften. Einmal gibt es Gerangel vor der Bühne, das löst sich aber schnell in Frieden auf. Das war das einzige Mal, dass die Stimmung kippt. Die Väter tragen ihre Babies umher, während die Mütter schnatternd auf einer Bank sitzen und stricken. Junge und ältere Männer messen sich beim Seilspringen. „It’s for honour, it’s for honour. The winner is the best man!“ erklärt mir ein älterer Mann, der nach Atem ringt. „Are you Chinese?“ – „Ha, no, everybody asks me this. I’m from Afghanistan. I’m here with wife.“ – „Where is she?“ – „I don’t know, I think she is chatting with women. She talks many, many many. I can’t talk many, that is why she talks with other people. I think I am boring, she is 10 years younger. I don’t know why she married boring man, but I am happy.“ Er lacht. An uns läuft ein kleiner Junge vorbei, der das Wort „Moin“ leise vor sich hin übt.

Ich werde die Menschen an den Messehallen vermissen. Wenn ich daran denke, dass sie fort müssen, zieht sich mein Magen zusammen. Ich hoffe, sie werden in ihren neuen Unterkünften genau so herzlich empfangen wie hier in St. Pauli.

<3

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Trackbacks and Pingbacks