Offener Brief an den Philologenverband Sachsen-Anhalt

Lieber Herr Dr. Mannke,

heute wurde mir Ihr Leitartikel “Flüchtlingsdebatte: Anpassung an unsere Leitwerte erforderlich” in meine Twitter-Timeline gespült. Ich möchte mal kurz mit Ihnen darüber reden.

Schon im ersten Satz bezeichnen Sie die aktuelle Fluchtsituation als “Immigranteninvasion“. Ich weiß nicht, in welchem ihrer Fächer (Deutsch oderGeschichte) Sie Ihre Doktorwürde erhalten haben, gerne gebe ich Ihnen aber ein bisschen Nachhilfe in Sachen Geschichte und Sprachgebrauch.

Was wirklich passiert: Aufgrund von Bürgerkriegen und anderen schlimmen Faktoren sind aktuell 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Viele davon sind syrische Mitmenschen, die vor Assads Regime und dem IS nach Europa und andere Teile der Welt fliehen – und ja, viele kommen auch nach Deutschland. Sie kommen her, um zu überleben. Um Asyl zu beantragen, hoffentlich gewährt zu bekommen und damit die Chance zu erhalten, nicht die letzten zwei ihrer fünf Söhne zu verlieren und eventuell eines Tages ein einigermaßen normales Leben zu führen.

Was Ihr Begriff “Immigranteninvasion” suggeriert: Eine feindliche, ausländische militärische Macht fällt in Deutschland ein, um es zu besetzen und die ursprüngliche Bevölkerung zu unterwerfen; dabei verstößt sie vermutlich noch gegen geltendes Völkerrecht.
Das, Herr Dr. Mannke, ist eine Invasion. Gerne verlinke ich Ihnen noch schnell den betreffenden Wikipedia-Artikel: Bitte sehr.

Sie als Lehrer wissen vermutlich: Bildung ist wichtig! Da helfe ich doch, wo ich kann.

Nun geht Ihr Text ja noch weiter und man merkt: Sie haben da so ein Faible für Körperlichkeiten, mh? Ich zitiere Sie gerne mal:

“Wenn man die aktuellen Bilder der Flüchtlingswelle verfolgt, ist es nicht zu übersehen, dass viele junge, kräftige, meist muslimische Männer als Asylbewerber die Bundesrepublik Deutschland auserkoren haben, weil sie hier ideale Aufnahmebedingungen vorfinden oder das zumindest glauben”

Jaja, die jungen, kräftigen, muslimischen Männer. Malen Sie sich gerne öfter sowas aus, Herr Dr. Mannke? Es liest sich durchaus befremdlich – vor allem aus der Feder eines Gymnasiallehrers.
Was wäre Ihnen denn lieber? Schwache, kranke, halbtote Frauen? Circa 1,50m große Kinder? Jungs mit langen Haaren? Ältere Männer mit beigen Jogginghosen? Was wäre Ihre Wunschaugenfarbe der Menschen, die vor Tod und Elend fliehen und mit dem nackten Leben davongekommen sind? Wer darf denn nun hier rein, wenn es schon keine “jungen, kräftigen, meist muslimischen Männer” sind?

Viele der Männer kommen ohne ihre Familie oder Frauen und sicher nicht immer mit den ehrlichsten Absichten.

Mein Gott, Sie haben es ja wirklich mit den Männern. Sie wissen ja, was man über Kompensation und so sagt, mh? Und klar. Die kommen alle nur, um unsere deutschen Mädchen zu belästigen. Wieso auch sonst?

Jetzt möchte ich mich aber der Stelle in Ihrem “Leitartikel” zuwenden, der mich am meisten besorgt:

Es ist nur ganz natürlich, dass diese jungen, oft auch ungebildeten Männer auch ein Bedürfnis nach Sexualität haben. Vor dem Hintergrund ihrer Vorstellungen von der Rolle der Frau in ihren muslimischen Kulturen bleibt die Frage, wie sie, ohne mit den Normen unserer Gesellschaft in Konflikt zu geraten, ihre Sexualität ausleben oder Partnerschaften in Deutschland anstreben können.

Was soll das? Jetzt sind sie nicht nur jung und stark, sondern auch ungebildet und können die Schlange kaum in der Hose halten? Und was bedeutet das danach? Sie sind zu jung und stark um “Partnerschaften in Deutschland anstreben zu können”? Zu ungebildet? Zu muslimisch? Sie verwirren mich, bitte klären Sie mich auf.

Mit einer undifferenzierten Willkommenskultur können wir diese Probleme nicht lösen und es gibt viele Frauen, die als Mütter heranwachsender Töchter die nahezu ungehemmten Einwanderungsströme mit sehr vielen Sorgen betrachten. Schon jetzt hört man aus vielen Orten in Gesprächen mit Bekannten, das es zu sexuellen Belästigungen im täglichen Leben, vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten, kommt. Auch als verantwortungsbewusste Pädagogen stellen wir uns die Frage: Wie können wir unsere jungen Mädchen im Alter ab 12 Jahren so aufklären, dass sie sich nicht auf ein oberflächliches sexuelles Abenteuer mit sicher oft attraktiven muslimischen Männern einlassen?

Jaja, Freunde von Freunden haben gesagt, Bekannte haben gehört, Pipapo. So, jetzt sage ich Ihnen hier mal was: Ich bin zwar keine Mutter, aber durchaus eine Frau – die übrigens auch mal 12 war. Und wenn ich mir vorstelle, dass ein älterer Mann wie Sie, dem ich vielleicht meine Teenager-Tochter in Obhut gebe, dasitzt und sich Szenen ausmalt, wie 12jährige Mädchen Geschlechtsverkehr mit “oft attraktiven muslimischen Männern” haben, wird mir Angst und Bange. Sie sind Gymnasiallehrer und eigentlich sollten sie erstens gebildet, und zweitens Pädagoge sein. Und Sie widmen einen kompletten Artikel der Vorstellung, wie minderjährige Mädchen mit Muslimen schlafen. Ist das Ihr Ernst?

Ich habe definitiv keine Angst vor Muslimen. Wovor ich jedoch Angst habe, sind verdeckt mit dem rechten Rand flirtende Lehrer wie Sie, die zudem irgendeinen sehr seltsamen und ungesunden Spleen für körperliche Vorgänge haben, während sie mein Kind unterrichten sollen. Und wenn ich etwas wirklich nicht möchte, dann ist das die Situation, dass Sie meiner Tochter erklären, mit wem sie Sex haben soll, mit wem nicht und wieso!

Ich habe keine Ahnung, was Sie geritten hat, solch einen Schmutz zu veröffentlichen. Und ich habe keine Ahnung, wie Sie am Goethegymnasium Weißenfels unterrichten, und vor allem: Was ihre Unterrichtsinhalte sind.

Aber: Sie sind Pädagoge, verdammt nochmal. Und solch ein unreflektierter, fast schon vom Ideal des “Untermenschen vs. Arier” angehauchter Artikel ist absolut unangemessen. Merken Sie eigentlich, dass Sie hier nur mit körperlichen und biologischen Punkten “argumentieren”? Wissen Sie, wer das in den 1930er Jahren auch schon gemacht hat? Na? Sie sind Geschichtslehrer, sicher wissen Sie das. Sie haben junge Menschen in Ihrer Obhut, die Sie durch ihre Lehre beeinflussen und zu verantwortungsvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft erziehen sollen.

Eventuell schlagen Sie aber mal ein Geschichtsbuch auf und fangen bei sich an.


Hier findet ihr den Tweet inklusive Text >>

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