Flüchtlingshilfe auf Augenhöhe – Start With A Friend

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Stellt euch vor, ihr strandet in einem ganz fremden Land. Ihr musstet euer Zuhause verlassen, obwohl ihr es nicht wolltet, ihr habt schlimme Sachen erlebt und seid getrennt von Freunden und Familie. Im neuen Land kennt ihr niemanden, ihr sprecht auch nicht einmal die Sprache und seid vom Wohlwollen anderer, viel privilegierter Menschen abhängig. wäre es da nicht schön, einen Freund zu haben, der einem zur Seite steht und durch diese Brandung sicher in den Hafen führt?

Genau das ist die Idee von Start with a Friend, eine Organisation, die Flüchtlinge und Berliner Bürger zusammenbringt. Hier begegnen sich Geflohene und Helfer auf Augenhöhe in Form eines Tandems. Gemeinsam kann man Behördengänge planen und durchführen, man kann nach Wohnungen und nach einer Arbeitsstelle suchen, oder man geht einfach ein Eis essen und schaut sich die Stadt an.

Aktuell haben sie ein Crowdfunding gestartet, da sie dringend Geld für die Organisation der Tandems benötigen!

Ich habe mich mit Sarah, einer der Organisatorinnen, auf Facebook unterhalten und ihr ein paar Fragen gestellt:

Wie ich auf eurer Webseite gelesen habe, gibt es euch noch nicht so lange. Wie kamt ihr zu dieser Idee? Wie hat eure Gruppe zusammengefunden und was war der Auslöser oder die Motivation, dass ihr gesagt habt: Wir ziehen das jetzt durch?

Zwei von uns haben schon länger Geflohene begleitet und auch ihre Ausbildung im Asylrecht darauf ausgerichtet. Ihnen sind zwei Sachen bei der Organisation der Begleitung aufgefallen, die sie nicht optimal fanden: Zum Einen war bei einigen Projekten die Augenhöhe zwischen den Helfern und den Geflüchteten im Tandem nicht unbedingt gegeben. Zweitens waren die Strukturen oftmals so, dass man sich zusätzlich zur Begleitung des Geflüchteten noch regelmäßig mit der Organisation treffen musste. Das nahm einfach sehr viel Zeit in Anspruch und ließ auch keine Flexibilität zu – gerade Letzteres ist ja für viele Leute heutzutage kaum mehr realisierbar. Das alles wollten die beiden Helfer anders machen! Zu dem Zeitpunkt erzählte mir Franzi, eine Gründerin, von ihrer Idee und ich sagte ihr, dass ich große Lust hätte, dabei zu sein. Im weiteren Verlauf kamen weitere Freunde und Engagierte dazu. So hat sich das entwickelt.

Wieviele Helfer machen denn bei euch aktuell mit?

Wir sind ein Kernteam von sechs Personen, dazu schulen wir weitere Personen, die als Vermittler tätig werden. Aktuell sind das vier weitere Vermittler, das sollen aber zeitnah mehr werden. Als Unterstützer sind aktuell 170 Personen aktiv, es stehen aber noch über 730 auf der Warteliste.

Wow, das ist ja richtig gut! Auf eurer Webseite liest man ja, dass ihr Helfer, beziehungsweise “Freunde” mit Geflohenen zusammenbringt, sodass ihnen auf Augenhöhe geholfen werden kann – eben wie in einer Freundschaft. Wie genau läuft das dann ab, wenn sich so ein “Pärchen” zusammengefunden hat?

Das kann ganz unterschiedlich sein. Wir lernen im Vorfeld jeden Geflüchteten, der sich bei uns meldet, persönlich kennen. Wir treffen uns mit ihm auf einen Kaffee und fragen nach seinen wichtigsten Themen, wie der Aufenthaltsstatus ist, was seine nächsten Prioritäten sind. Auch die Unterstützer treffen wir vorher persönlich und fragen sie, was sie sich für die Begleitung vorstellen. Wir matchen dann Paare von denen wir glauben, dass sie passen können. Gemeinsam entwickeln sie dann einen Plan und überlegen, was sie gemeinsam angehen. Oftmals ist die Wohnungssuche ein Thema, oder eben Behördengänge. Aber es kann auch die Suche nach einem Studien- oder Arbeitsplatz sein und es gibt Paare, die einfach gemeinsam Kaffee trinken, die Stadt entdecken und dabei vielleicht auch noch ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Das ist ganz individuell und wir sind uns sicher, dass jedes Tandem seinen eigenen Weg findet.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das für die Geflohenen und die Helfer sicher eine außergewöhnliche Erfahrung ist. Erinnerst du dich dabei an einen besonders schönen Moment oder eine Situation, die dir im Gedächtnis hängen geblieben ist?

Wir sind ja nicht immer dabei, aber hören natürlich schon, was so in den Tandems passiert. Am besten in Erinnerung geblieben ist mir, glaube ich, das erste Tandem, das gemeinsam eine Wohnung gefunden hat für den geflüchteten Tandem-Partner. Diese haben sie dann zusammen mit dem Freundeskreis eingerichtet. Das war der Moment, an dem man gemerkt hat: Hey, für diesen einen Menschen haben wir gerade etwas extrem Wichtiges geschaffen, um ihm sein Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Diese Person kann sich jetzt ein Zuhause einrichten, hat einen Rückzugsort und muss nicht mehr im Heim leben. Das war toll!

Auf eurer Webseite bietet ihr auch die Möglichkeit an, eine weitere Ortsgruppe zu gründen. Wie kann ich mir das Prozedere vorstellen, wenn ich jetzt zum Beispiel 3 oder 4 andere Leute gefunden habe und wir sagen: Hey, wir machen das jetzt auch mal in Hamburg. Was für ein zeitlicher, bürokratischer und auch kostenbezogener Aufwand kommt dabei auf uns zu?

Wir haben in den vergangenen Monaten sehr viele Anfragen erhalten von Menschen, die gefragt haben: “Seid ihr schon bei mir in der Stadt?” oder “ich möchte etwas ähnliches gründen. Könnt ihr mir erzählen, wie das bei euch ablief?” Es scheint einen sehr großen Bedarf nach einem Projekt wie unserem zu geben. Aktuell entwickeln wir ein Konzept, wie wir andere Gruppen unterstützen. Mit einigen sind wir schon sehr konkret im Austausch. Ab dem kommenden Jahr wollen wir dann zunächst mit einzelnen Pilot-Gruppen testen, wie genau das aussehen kann. Anschließend setzen wir das deutschlandweit in Ortsgruppen um.

Wie erlebt ihr dabei die Kooperation mit den Behörden? Dort herrscht ja einerseits auch viel Engagement, jedoch liest und hört man auch immer wieder von absurden bürokratischen Hürden, die die Hilfe erschweren oder teilweise unmöglich machen. Habt ihr hier schon ähnliche Situationen erlebt?

Wir als Start with a Friend – Team arbeiten ja nicht direkt mit Behörden zusammen, wir organisieren das Projekt ehrenamtlich. Aber natürlich hören wir schon viele Geschichten aus unseren Tandems, die zum Haare raufen sind. Am Lageso in Berlin sind die Zustände weiterhin absolut chaotisch und die Geflüchteten müssen über Wochen immer wieder anstehen ohne zu wissen, wann ihr Termin ist. Das ist natürlich schrecklich anzusehen, gerade jetzt, wenn es immer kälter wird.

Was erwartet ihr als Organisation, die sich um Geflüchtete kümmert, hier von der Politik?

Neben der besseren Erstversorgung wünschen wir uns natürlich schnelle Integrationsmaßnahmen. Die nun beschlossenen 6 Monate in der Erstaufnahme bei Arbeitsverbot sprechen einer guten und schnellen Integration absolut zuwider. Wir fordern legale Zugangswege nach Deutschland und sind der Meinung, dass der Familiennachzug nicht eingeschränkt werden darf. Das widerstrebt der Integration derjenigen, die bereits hier sind und kann zu einer humanitären Katastrophe führen.

Wie kann man euch als Privatperson unterstützen?

Eigentlich immer gerne als Unterstützer. Aktuell sind unsere Wartelisten allerdings so lang, dass wir uns gerade sehr über eine finanzielle Unterstützung freuen, damit wir Strukturen schaffen können, in denen noch mehr Menschen in Tandems vermittelt werden können – in Berlin und bundesweit. Daher haben wir auch heute ein Crowdfunding gestartet.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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