28 Stunden.

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„Ach du Scheiße“, sagt mein Therapeut und wenn ein Therapeut sowas sagt, ihm so etwas rausrutscht, dann weißt du: Okay. Nicht einmal unter Therapeuten ist so etwas anscheinend üblich. Dann weißt du: Das alles ist nicht normal. Du bist nicht normal. Und deine Situation ist wohl nicht okay und „sich mal zusammenreißen“ hilft wohl nicht mehr.
Es war eines der ersten Gespräche, quasi die Vorstellungsrunde und ich versinke im Stuhl und nestle an meinen Nägeln und erzähle diesem netten, aber doch fremden Mann im Schnelldurchgang Dinge aus meiner Kindheitsbiographie, die ich nichtmal meinen besten Freunden oder Partnern erzähle. Es nimmt ihn sichtlich mit, dennoch bleibt er ruhig und gefasst, presst manchmal die Lippen zusammen, zieht die Augenbrauen hoch, die Fassungslosigkeit kriecht in seine Hand die auf die Nasenwurzel drückt, er schreibt aber weiter, professionell, konzentriert, stellt seine Fragen, lässt mich reden.
„Ich muss gar nicht weiter fragen um festzustellen, dass sie gerade an einer massiven posttraumatischen Belastungsstörung leiden.“
Ich klopfe mit der Hand auf der Stuhllehne herum, rhythmisch, monoton, eine ganze Weile unbewusst.
„Wie lang sind Sie schon wach.“
„28 Stunden.“
Wie lang schlafen Sie schon nicht mehr?“
„4 Wochen. Ich bin immer wach. Immer da. Immer, wenn ich nachgucke, bin ich einfach da. Keine Verschnaufpause. Wenn jemand an der schlafenden Stadt klingelt und es aussieht, als sei niemand da, bin da immer noch ich. Wach und da. Immer.“

Wir gehen eine Art Checkliste für PTBS durch. Ich kann sie quasi durchweg ankreuzen. Währenddessen wird mir immer schlechter, der Magen dreht sich um, ich werde still, verstehe, innerlich türmen sich Wut, Verzweiflung, Machtlosigkeit. Ich sehe gerade alle gescheiterten Beziehungen vor mir aufmarschieren – Freundschaften und Lieben. Ungefähr 3/4 der Liste waren Sachen, mit denen meine Partner bisher immer Probleme hatten, die Hälfte davon war ganz konkret am Sterben meiner letzten Beziehung beteiligt, die ich dann vor 3 Monaten beendete. All diese Sachen, die ich fühlte und wo ich nicht wusste warum. Jeder, der mal eine echte Depression hatte, kennt diese Dinge und das Unvermögen des Umfeldes mit einer Sache umzugehen, die man selbst nichtmal versteht.

Mir fallen die endlosen Diskussionen wieder ein, bei denen ich mich wie ein in die Ecke gedrängter Tiger fühlte und wo ich dann auch irgendwann so reagierte.
„Wieso bist du immer traurig?“
„Du siehst alles immer negativ, andere sind viel positiver,“
„Du strengst dich nur nicht genug an.“
„Ich glaube du magst es einfach, traurig zu sein. Du genießt und zelebrierst es richtig. Niemand kann dauernd traurig sein, es gibt keinen Grund.“
„Reiß dich mal zusammen.“

Viele werden das kennen.

Das Problem war, dass es nur anfänglich Traurigkeit war. Ich suchte lange vergeblich nach dem Grund und dachte: „Du hast keinen Grund, traurig zu sein. Du hast eine tolle Beziehung, eine schöne Wohnung und du liebst die Firma, in der du arbeiten darfst. Was ist los, Alter!!!“
Ich wusste es nicht. Ich sah nur in seinen Augen, dass ich täglich versagte, dass ich nicht genug leistete, nicht genug gab oder angemessen auf seine Bemühungen reagierte. Er versuchte mich aufzumuntern und ich fühlte mich wie Hitler, weil ich es nicht schätzen oder annehmen konnte. Es war der falsche Ansatz, doch wie sollte das dein Partner oder dein Freundeskreis wissen, du weißt es ja nichtmal selbst! Ich versuchte zu schauspielern, doch wenn jemand einem wirklich nah ist, merkt er das und ist gekränkt. Es tat mir unendlich leid und das Problem war gar nicht, dass ich nur traurig war – irgendwann war ich einfach nichts mehr. Nichts. Alles fühlte sich gleich an, ich war ganz ausgehöhlt, und das plus dem Gefühl der größte Versager auf dem Planeten und die furchtbarste Freundin EVER zu sein führte dazu, dass der Selbsthass bei mir einzog und mich selbst zu meinem größten Feind machte.

Wenn ich es höflich und zurückhaltend ausdrücken will kann ich sagen: Ich wurde ein unangenehmer Zeitgenosse. Wenn man es ehrlich betrachtet, wurde ich ein verbittertes Biest. In mir lief ein konstanter Film der Selbsterniedrigung ab, schon wenn ich morgens die Augen aufschlug, fand ich, dass ich sie besonders beschissen aufschlug, wenn ich aufstand fand ich, dass ich besonders beschissen aufstand und wenn ich dann zum Spiegel wankte, hätte ich direkt dagegen brechen können. Nichts fand ich an mir wenigstens normal, das meiste Unerträglich und gut schonmal gar nichts. Ich ging nicht mehr aus dem Haus, traf mich nicht mehr mit Freunden, Arbeit ging noch und ich machte und mache das nach wie vor gerne, aber sozial war ich der absolute Totalausfall.
Ich provozierte Streits mit meinem Partner da ich nicht die Kraft hatte, die Beziehung zu beenden. Ich liebte ihn, war aber unfähig zu funktionieren, wie gewünscht oder erforderlich. Ich war ja auch der Meinung, dass ich natürlich Beziehungen auf eine ganz besonders beschissene Art und Weise führe, beschissen aussah und man mit mir sowieso nicht zusammen sein kann, natürlich aufgrund meiner Beschissenheit. Ich wollte ihn aus Angst verscheuchen, Angst, ihm nicht genug geben zu können, ich fühlte mich irgendwo zwischen Frankensteins Monster und dem Ding aus dem Sumpf angesiedelt und hatte das Gefühl, keine Liebe oder zuvorkommende Behandlung zu verdienen. Ich wollte mir das gezielt wegnehmen, mich damit bestrafen, vielleicht endlich auch irgendwas fühlen – ich war an einem echt dunklen Ort. Ich wurde Einsiedlerin und mein Partner ließ mich dann irgendwann eben in meinem Häuschen zurück, schloss mich aus, war hilflos und konnte mit mir nicht mehr umgehen. Irgendwann ging nichts mehr. Natürlich machte nicht nur ich Fehler, wie es eben immer so ist. Aber ich war schon im großen Stil am Niedergang beteiligt. Den Todesstoß gab ich der ganzen Sache dann, indem ich die Trennung aussprach; alles schonmal erlebt, das bekannte Muster.

Ich sitze auf dem Stuhl und kaue an den Nägeln, wütend und aufgewühlt als wolle ich mir erst die Finger und dann den ganzen Arm abbeißen, mich komplett aufessen, damit das alles ein Ende hat.
„Erzählen Sie mir von ihrem Exfreund.“
Kloß im Hals. Wenn meine Kindheit mein persönliches Vietnam ist, ist das Thema mein persönlicher Irakkrieg. Ich erzähle langsam. Stockend. Dann auch von den anderen Beziehungen, von den Freundschaften, die zu Bruch gingen, aus denen ich mich zurückzog.

„Viele Beziehungen zerbrechen an einem ausgeprägten PTBS, die wenigsten Partner sind in der Lage, damit umzugehen, es überhaupt zu verstehen, wie es ist das zu durchleben, was die Betroffenen in dem Moment empfinden. Im Umfeld stößt man meist auf Unverständnis.“
„Ich dachte, ich sei einfach ein Arschloch.“
„Sie sind kein Arschloch. Sie sind schwer traumatisiert. Sie sind Überlebende.“

Der Nagel blutet. Wir sprechen über Flashbacks. Wie oft ich krank bin. Wie der Körper nicht mehr mitmacht, wie ich nicht länger als 1-2 Stunden pro Nacht schlafe, wir sprechen über Albträume, Panikattacken, über ganze Persönlichkeitsareale, die man von sich abspaltet, um zu überleben, um ein normales Leben zu führen. Wir sprechen darüber, wie man andere „normale“ Menschen imitiert, um nicht aufzufallen, wie man es kaum schafft, Nähe zu anderen Menschen zuzulassen, wie man andere auf Abstand hält.
„Wieso halten Sie andere emotional von sich fern?“
„Weil sie nicht sehen sollen, wie es in mir aussieht.“
„Wie sieht es denn in Ihnen aus.“
„Hässlich.“
„Und Ihre letzte Beziehung?“
„Ich war noch nicht so weit.“
„Stimmt. Aber sie sind es jetzt und werden es nach und nach immer mehr sein. Ich glaube, Sie sind ein guter Partner und wären auch eine gute Mutter. Gerade sind sie zwar 26 Jahre alt, doch der große Teil hinter Ihrer Fassade ist viel jünger, sitzt in einem dunklen Kinderzimmer und wippt weinend und sich selbst tröstend vor und zurück. Und den Teil müssen wir erstmal da herausholen, erzählen lassen und ihn heilen.“

4 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, dass es so viele sind, hätte ich nicht gedacht. Ich laufe durch die Straßen und schaue Leuten in die Augen und frage mich: „Wenn man dein Gehirn scannen würde, würde man es auch sehen, wie bei mir? Bist du einer von uns?“
Die Betroffenenquote ist bei Frauen massiv höher als bei Männern. Ein Grund könnte sein, dass Frauen öfter Opfer häuslicher und sexueller Gewalt sind und dementsprechend mehr solcher Folgen bekämpfen müssen. Auch sind bestimmte Berufsgruppen wie Rettungssanitäter, Ärzte, Sozialarbeiter, Lokführer, Sexarbeiterinnen, Polizisten und Soldaten einem stark erhöhten Risiko ausgesetzt. Wie macht man sowas? Rettungssanitäter sein? In einem Kinderhospiz arbeiten? Wieviele Leute leiden unter so etwas und trauen sich nicht, sich zu offenbaren, da Depressionen und Co. immer noch so geächtet werden? Ich lese Wikipediaartikel und bin dennoch erleichtert. Ich bin kein Arschloch. Ich bin nicht verrückt. Und so scheiße es jetzt auch ist und so schwer das alles wiegt, ich habe endlich einen Plan, und an dessen Ende steht ein normales Leben, auf dem Bordstein balancieren und stolpernd nach dem Arm des anderen greifen, der gerade deinen 3jährigen Sohn mit Gummibärchen bewirft, Sachen, die mir noch vor einem halben Jahr unerreichbar vorkamen. Ich weiß nun, dass es okay ist, wenn man nicht ganz so gut funktioniert, wie andere, und da ich finde, dass es alle wissen sollten, also dass so etwas echt okay und sogar „normal“ ist und damit sie vielleicht verstehen, warum Betroffene aus Ihrem Umfeld so „seltsam“ sind, schreibe ich diesen Blogbeitrag. Ich atme schon viel leichter und gehe aufgeräumter nach Hause zu meinem total verrückten, irren und traumatisierten Hund, und als wir Arm in Arm liegen fistbumpe ich seine Pfote und flüster ihm ins Ohr: „Siehst du, es wird doch alles gut, wir sind nicht verrückt. Also nicht komplett. Du halt schon, du bist krass irre und teilweise verhältst du dich wie ein echtes Arschloch, aber das ist okay.“

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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