Er ist wieder da? Er war nie weg.

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Wer nach der heutigen PEGIDA Demonstration immer noch glaubt, dass das eine normale Demonstration normaler Menschen sei, steht mit der Realität nur noch sporadisch in Kontakt. Was heute in Dresden passiert, ist einfach nur noch abartig.

Der Live-Ticker der Demo, bereitgestellt von der Sächsischen Zeitung, sagt Folgendes:

21:50 Uhr: Auch am Postplatz haben offenbar Neonazis Menschen verletzt. Ein SZ-Reporter berichtet, dass Menschen zu Boden gingen. Er selbst habe sich in Sicherheit bringen können. Die Ostra-Allee in Höhe Schauspielhaus ist mittlerweile komplett durch die Polizei abgeriegelt. Es ist eine sehr unübersichtliche Lage.

21:42 Uhr: Die Lage eskaliert: Ein SZ-Reporter mischte sich unter eine Gruppe von Pegida-Demonstranten, die in Richtung Bahnhof-Mitte zog. Zuvor hatte er beobachtet, wie sich viele von ihnen auf der Ostra-Allee mit Steinen und herumliegendem Material bewaffneten. Von der Polizei unbemerkt lief die mehrere hundert Mann starke Gruppe zum Bahnhof-Mitte. Auf dem Weg dorthin machten sie plötzlich Jagd auf zwei Männer. Unser Reporter schilderte am Telefon, dass auf sie mit Flaschen eingeschlagen wurde. Einer ging verletzt zu Boden. Nach eigenen Angaben ist der verletzte Mann Marrokkaner.

21:40 Uhr: Eine Reporterin berichtet, dass auf der Packhofstraße eine Polizistin von Pegida-Anhängern verletzt wurde. Die Menge beschimpfte die Polizei, sie sollen sich überlgen, wem sie den Eid geschworen haben.

Friedlicher Spaziergang? Das stelle ich mir anders vor. Davor hetzte der Schriftsteller Akif Pirinçci in einer Rede, die einfach unglaublich ist:

20.20 Uhr Der Deutsch-Türke Akif Pirinçci sagte in seiner Rede vor Pegida: „Leider sind die KZs außer Betrieb.“

Solche Sätze werden vor zehntausenden PEGIDA-Anhängern ausgesprochen. Eigentlich müsste das auch dem Otto-Normal-Hobby-Nazi zu weit gehen, denn vor den Türken hat man schon Angst, eh klar, aber Hitler war doch irgendwie schon ein bisschen krass. Aber nichtmal diese Gartenzwergfetischisten sagen etwas. Da wünscht sich einer in einer öffentlichen Rede das Dritte Reich zurück und spricht von „Umvolkung“, und zehntausende Schafe stehen davor und nicken. Nach endlosen hetzenden Minuten buhen dann doch mal ein paar und der „Autor“ muss von der Bühne.

Auf dieser Demonstration ist kein einziger anständiger Mensch dabei. Keiner. Niemand. Das sind Verfassungsfeinde. Diese Menschen sind gänzlich undemokratisch.

Menschen, die bei PEGIDA mitlaufen, stoßen sich damit aus einer gesunden Gesellschaft aus. Sie machen eine Gesellschaft krank, vergiften sie von innen und zehren alles auf, was uns erfolgreich macht: Empathie, Vernunft, Rücksicht, Mitleid, Hoffnung. Nichts davon ist in diesen Menschen übrig. In ihnen regieren Angst, Neid, Egoismus, Hass, Wut und Schuldgefühle ob ihres verbockten Lebens, die sie auf andere abwälzen wollen.

Wenn ich nichts vorzuweisen und nichts geleistet habe, identifiziere ich mich eben mit etwas, das ich zufällig habe und für das ich gar nichts tun musste: Die Nationalität. Und wenn ich etwas vorzuweisen habe, etwas erarbeitet habe, dann habe ich Angst, dass mir das jemand wegnimmt. Das fühlt sich doch heimlich gut an, diese Angst. Dass da etwas ist, das mir weggenommen werden kann, das macht mich schon ein bisschen stolz, ein bisschen geile ich mich schon daran auf. Weg mit diesen Leuten, den Flüchtlingen, wer sind die überhaupt? … und so weiter und so weiter. Das und vieles anderes Gerümpel tummelt sich in diesen hohlen PEGIDA-Köpfen.

Wie oft dachten wir in der Schule, als wir das Dritte Reich durchnahmen: Wie konnte das passieren? Wieso zur Hölle hat niemand was gemerkt? Wieso hat niemand etwas gesagt? Und nun, 2015, erleben wir, wie das funktionierte: 20.000 Beine folgen, ein bis zwei Gehirne denken und führen diesen ekelerregenden Lindwurm an.

Leute, die vielleicht nicht mit diesen Ideen sympathisieren, aber immer noch sagen: „PEGIDA ist nicht so schlimm, so ist eben Demokratie!“ haben nichts verstanden. Und sie werden die ersten Opfer sein, die dieser sich wie eine Krankheit ausbreitende Ideologie anheim fallen werden, und ehe sie überhaupt noch realisieren, was passiert, laufen sie mit. Und hinterher sind das die, die „von allem nichts gewusst“ haben. Die so ja auch gar nicht gedacht haben, aber sie hatten halt Angst. Achso, ja klar.

Immer dieses Rassismus-Thema. Mittlerweile ist das für mich etwas so Ur-Deutsches, dass ich gar nicht mehr deutsch sein will. Dieses Thema haftet unseren deutschen Biographien an wie ekelhafter Rotz, den man einfach nicht los wird. Und immer und immer wieder keimt das alles auf – ach Leute, es ist nie weg gewesen. Wenn ich an das Hitler parodierende Buch „Er ist wieder da“ denke, fällt mir nur ein: Er war nie weg. Er hat nur geschlummert in den Geistern von hunderttausenden Menschen, der innere Adolf, ganz leise und unauffällig. Und sobald es jetzt etwas lauter wird, wacht er auf und will wieder an die Oberfläche. Er will raus, er will was sehen, er will Krawall, er will gefüttert werden.

Und PEGIDA füttert. Sie füttern und füttern und schauen zu, wie er wieder groß und stark wird. Wie er aus ganz netten, eigentlich sympathischen Menschen heraus bricht und seine hässliche Fratze mit diesem lächerlichen Bart zeigt. Und nun?

Ich kann nur hoffen, dass ich in 50 Jahren nicht da sitze und einer nachfolgenden Generation erklären muss, wieso wir nichts getan haben. Wie das passieren konnte. Wieso das keiner gemerkt haben will. Ich kann nur hoffen, dass genug Menschen das auch nicht wollen und ihre Verantwortung in der Gesellschaft wahrnehmen, wie die tausenden Gegendemonstranten in Dresden. Ich kann nur hoffen, dass sich die Mehrheit an die klugen Worte von Anja Reschke erinnern und ihnen folgen wird:

„Dagegenhalten, Mund aufmachen, Haltung zeigen“

https://www.youtube.com/watch?v=i9kv-rmvGKg

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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