Gutmenschen

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Ein Begriff, der mich schon seit Jahren aufregt, ist der Begriff des „Gutmenschen“. Ich bin politisch aktiv, Mitglied einer Partei, im Tierschutz aktiv, ich engagiere mich für Kinderschutz und die Bekämpfung des Hungers in der Welt und verspende einen erheblichen Teil meines Einkommens an diverse Menschen- und Tierrechtsorganisationen. Das ist vielen Menschen mit konservativerem Lebensstil zu viel, und dass ich immer zwischen Vegetarierin und Veganerin changiere und seit Jahren keine Tiere esse, schießt dann den Vogel ab.
Wenn ein Nachrichtenmagazin einen Beitrag über Vegetarismus, Datenschutz oder Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern auf Facebook teilt, findet man zwangsläufig mehrfach diesen Kommentar darunter. „Die Gutmenschen wieder“. Aber nicht in dem Kontext wie „Na toll, so ein Gutmensch, da setzt er sich für die Akzeptanz von Migranten ein und hält sich selbst ein kubanisches Hausmädchen wie eine Geisel“, wie es der Begriff eigentlich hergeben sollte, sondern wie „Na toll, so ein Gutmensch, da setzt er sich für die Akzeptanz von Migranten ein, dabei geht es uns selbst schlecht genug“. Es ist wirklich die totale Verdrehung der Wahrnehmung der Welt um uns herum, meist gepaart mit unglaublichem Egozentrismus.

Damit wir alle auf dem gleichen Stand sind, hier die Wikipedia-Definition des Begriffes:

„Gutmensch ist sprachlich eine ironische Verkehrung des ausgedrückten Wortsinns „guter Mensch“ in sein Gegenteil. Der Ausdruck gilt als politisches Schlagwort mit meist abwertend gemeinterBezeichnung für Einzelpersonen oder Personengruppen („Gutmenschentum“). Diesen wird vom Wortverwender eine Absicht bzw. Eigenschaft des – aus Sicht des Sprechers – übertriebenen „Gutseins“ oder „Gutseinwollens“ unterstellt, wobei diese angebliche Haltung unterschwellig als übermäßig moralisierend und naiv abqualifiziert und verächtlich gemacht wird. In der politischenRhetorik wird Gutmensch als Kampfbegriff verwendet.[1] Im Januar 2012 erhielt das Wort bei der Wahl zum Unwort des Jahres 2011 in Deutschland den zweiten Platz. Die Jury erklärte, mit dem Wort werde „insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zudiffamieren und als naiv abzuqualifizieren“, und kritisierte die aus ihrer Sicht 2011 einflussreich gewordene Funktion des Wortes als „Kampfbegriff gegen Andersdenkende“.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da wird versucht, Menschen zu diffamieren, die sich bemühen, die Welt zu einem besseren Fleck zu machen und/oder einen alternativen, ökologischen oder humanitären Lebensstil verfolgen. Man darf ja kaum sagen, dass man Demokratien gut findet, ohne damit beschmissen zu werden. Mittels dieses Begriffes wird suggeriert, dass die Person politisch zu überkorrekt und deshalb nicht ernst zu nehmen sei. Quasi eine Memme, die der harten Realität des Lebens nicht gewachsen sei.

Oft wird diese Begrifflichkeit direkt als Schild um den Benutzer dieses Wortes aufgebaut, um die Argumente des Gegenübers nicht einmal anhören zu müssen – preemptive shot – „ach, so ein Gutmensch schon wieder, ein Naivchen, ein Übersensibelchen, das kann man nicht ernst nehmen, da höre ich nicht mal zu!“

Ich habe die Theorie, dass bei diesen Menschen mit einem Thema ein Nerv getroffen wurde, der direkt in das Reflexions-Zentrum seines Inneren führt. Da ziept es und zupft und das Thema scheint sensibel. Würde man diese Stimulation weiter zulassen, würde man sich unweigerlich hinterfragen und reflektieren müssen und vermutlich hat man keine Übung darin, vermutlich macht man das in der Regel gar nicht, und vermutlich würde einem nicht gefallen, was man da erfährt, vielleicht ist man doch nicht der Geilste hier – es ist die Ahnung, dass das Gegenüber vielleicht Recht hat, und dass man selbst einen Teil der Schuld daran trägt, dass die Welt ein zum Teil sehr dunkler Ort ist.

Ich könnte jedes Mal latent brechen, wenn ich den Begriff lese. Ich habe ihn glaube ich in den letzten Jahren kein einziges Mal in seiner ursprünglich angedachten Interpretation verwendet gesehen – in einem Zusammenhang mit einem Menschen, der vorgibt, Gutes anzustreben, aber eigentlich Schlechtes tut.
Also bitte: Verbannt den Begriff aus eurem aktiven Vokabular, vor allem in Internetdiskussionen, ihr nutzt ihn doch sowieso nicht, wie mal angedacht war, sondern in seiner seltsamen, Andersdenkende diffamierenden Verkehrung. Es sei denn, ihr gehört der politisch streng konservativ bis rechts angesiedelten Ecke an und wollt genau das: Andersdenkende und Idealisten diffamieren.

Aber dann solltet ihr vielleicht auch gar nicht diesen Blog lesen – denn ich bin gerne ein netter oder guter Mensch. Ich mag es, zu versuchen, die Welt zu einem bunteren Ort zu machen – und da ist es mir egal, dass ich nicht die ganze Welt retten kann, und ich finde es nicht naiv. Einen kleinen Teil kann ich retten, das ist mir schon genug, und das lasse ich mir auch nicht nehmen. Fragt mal die zwei Töchter von Bekannten aus Afrika, deren Schulgebühren ich zahle, damit sie nicht auf dem Strich landen, wie doof und idealistisch sie mich finden – sie könnten euch die Antwort schriftlich geben, da sie schreiben und super buchstabieren können. Würden sie hören, dass man mich als „Gutmensch“ bezeichnet, würden sie strahlen und der Person ein High Five geben. Sie finden, ich bin ein guter Mensch, und das ist schön.
Und wer das nicht akzeptiert und das albern findet, kann sich halt auch ne Axt ins Bein hauen oder CSU wählen, das ist mir dann echt schnuppe.9

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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