Kurz erklärt: Islamischer Staat, Syrien Konflikt mit Assad & Flüchtlingsbewegungen

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Nach den Attentaten in Paris ist die westliche Welt erschüttert. Der Terror, der in Syrien, dem Libanon und anderen Staaten der Region zum grausamen Alltag gehört, klopft nun auch lautstark an unsere Tür. Spätestens jetzt beginnen Leute, die das ganze Thema vorher so gut es geht ausgeblendet haben, sich mit dem Syrien-Konflikt zu beschäftigen. Der Konflikt ist sehr vielschichtig und verworren, daher versuche ich, die wichtigsten Eckpunkte für „Einsteiger“ in diese Thematik aufzudröseln. Ich bin weiß Gott keine Expertin, beschäftige mich aber viel mit dem Thema und versuche das jetzt mal so zu vermitteln, wie ich es verstehe. Wenn ihr Fehler findet/Ergänzungen habt, sagt mir gern Bescheid. Los geht’s:

1. DIE ENTSTEHUNG DES ISLAMISCHEN STAATES IM IRAKKRIEG

Überall liest man vom IS, ISIS, vom Islamischen Staat und Syrien. Hier mal kurz eine Erklärung, worüber da gesprochen wird: Der Islamische Staat ist eine sunnitische Terrororganisation in der Region um Irak und Syrien und vermutlich die radikalste und reichste, die es überhaupt auf dieser Welt gibt. Ihr Ziel ist es, ein islamistisches Kalifat, also einen Gottesstaat, im gesamten arabischen Raum zu errichten und dann natürlich auch auszuweiten.

Wikipedia schreibt dazu:

„Der Islamische Staat (IS (..), DMGad-daula al-islāmiyya), bis Juni 2014 Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS), ist eine seit 2003 aktive terroristisch agierende Miliz sowie ein dschihadistisches Staatsbildungsprojekt mit zehntausenden Mitgliedern, die derzeit große Gebiete im Irak und in Syrien und kleinere Gebiete in Libyen beherrscht. Die Organisation ist in verschiedenen Staaten aktiv und wirbt um Mitglieder für Bürgerkriege und andere Aktivitäten. Sie verübtTerroranschläge und wird des Völkermords und anderer Kriegsverbrechen beschuldigt.“

Hervorgegangen ist diese Organisation 2003 aus dem Irakkrieg. Dort gehörte sie anfangs zum irakischen Widerstand gegen die US-Invasion und bekannte sich zunächst zur Terrororganisation al-Qaida, von der sie sich jedoch 2013 loslöste und mit der sie mittlerweile konkurriert. Im gleichen Jahr dehnte sie ihre Aktivitäten erst langsam, 2014 dann massiv, auf Syrien aus und nannte sich ab diesem Zeitpunkt ISIS. 2014 rief die Organisation das Kalifat dann auch aus.

Schaut euch dieses Video an, um einen kurzen Abriss über die Entstehung des islamischen Staates zu bekommen, bevor ihr weiterlest. Dort wird auch der in den Medien oft erwähnte Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten erklärt und aufgezeigt, welche Rolle diese Differenzierung im Konflikt spielt:

2. BLICK AUF SYRIEN: DER KONFLIKT MIT ASSAD UND DER AUSBRUCH & VERLAUF DES BÜRGERKRIEGES

Nachdem wir nun die Entstehung der Terrororganisation Islamischer Staat im Groben nachvollziehen konnten, wenden wir nun den Blick auf Syrien und den dort schon lange herrschenden Konflikt mit dem Assad-Regime.

Baschar al-Assad ist der aktuelle syrische Präsident und der Nachfolger seines Vaters, Hafiz al-Assad, welcher 30 Jahre lang als Staatsoberhaupt und Diktator an der Macht war. Durch den Vater wurde das Land wirtschaftlich und industriell modernisiert, jedoch musste das Volk dafür brutale Repressionen und sozusagen „Terror durch den Staat“ in Kauf nehmen.

Als der alte Diktator starb, kam Baschar an die Macht. Er versprach dem Volk, das Land zu revolutionieren und das brutale Regime seines Vaters nicht fortzuführen. In der Tat lebten die Menschen kurze Zeit freier als vorher. Als jedoch – wie in jeder Regierungsform – Unzufriedenheiten geäußert wurden, war Ende mit dem „freien“ Leben. Er isolierte die Wirtschaft wieder, mit Meinungsfreiheit war dann auch Essig und er machte sehr deutlich, dass es mit ihm keine Demokratie geben werde. Das Volk wurde brutal unterdrückt, tausende Menschen wurden verhaftet und verschwanden.

Als die Syrer 2011 die Aufstände in Tunesien und Ägypten (=arabischer Frühling) sahen, gingen sie im März 2011 ebenfalls auf die Straße um gegen das Regime und für ein freies und sicheres Leben zu demonstrieren. Assad reagierte mit Waffengewalt durch die Armee auf diese friedlichen Proteste und tötete hunderte der Demonstranten – das stellte den Auftakt zum syrischen Bürgerkrieg.

Schaut euch mal dieses Video aus 2013 zur Übersicht an:

Kurz nach dem Militärschlag gegen das syrische Volk formten sich bewaffnete Rebellengruppen wie die Freie Syrische Armee (FSA), die sich aus desertierten Armeeangehörigen und Zivilisten organisierte, die Regierungstruppen militärisch unter Druck setzte und aus immer mehr Gebieten vertrieb. Das Problem war jedoch, dass diese Gruppierungen das Volk nicht versorgen konnten und sich Hunger und Krankheiten in den durch sie kontrollierten Gebiete breit machten. Das schaffte eine Empfänglichkeit für sunnitische Hilfstruppen, die Nahrung und Medikamente hatten. Hierbei sollte es bei euch klingeln: Der Islamische Staat ist, wie oben erwähnt, auch eine sunnitische Organisation.

Diese sunnitischen Hilfstruppen bewaffneten sich nach und nach immer mehr und der Widerstand, der ursprünglich gegen das Assad-Regime gerichtet war, begann eine immer religiöser gefärbte Richtung anzunehmen. Waren die Anhänger erst begeistert, mit Nahrung versorgt und als Kämpfer sogar besoldet zu werden, litten die Menschen auf einmal sehr unter der religiösen Gesetzgebung, der diese Organisationen nachgingen und dem daraus resultierenden brutalen Vorgehen im Falle eines Übertretens ebenjener Gesetze. Zudem wurden Terroranschläge gegen Institutionen und Menschen anderer Glaubensrichtungen gestartet, Journalisten, offizielle Hilfsorganisationen und deren Angehörige ins Visier genommen und Selbstmordattentäter, Verschleppungen, Folter und Vergewaltigungen zogen in den Alltag ein.

Aufgrund dieser dramatischen Wendung erstarkte Assads Regime entgegen aller Voraussagen wieder und bekam Zulauf, und als 2013 die schiitische Hisbollah aus dem Libanon kam um Assad zu unterstützen (vermutlich initiiert durch den Iran, der seinen Einfluss in diesen Gebieten ausweiten möchte), konnte er wieder wichtige Schlüsselgebiete im Land besetzen.

Ebenfalls 2013 geschah etwas, das eine Welle der Empörung in der Welt auslöste und von dem ihr vielleicht ebenfalls in den Medien gehört oder gelesen habt: Im August 2013 Jahres gab es einen Giftgasanschlag mit vielen Todesopfern unter der zivilen Bevölkerung, der von einigen Seiten Assad und von anderen Stellen jedoch den Rebellen oder anderen Parteien zugeschrieben wird. Die Angaben variieren von rund 280 bis 1.700 Opfern. Viele weitere tausend Menschen wurden mit schweren neurotoxischen Vergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert.

Falls ihr euch fragt: Und was macht der Rest der Welt eigentlich? Aufgrund der Giftgas-Anschläge wollte die NATO eine Intervention starten, jedoch lehnten dies die Mitgliedsstaaten ab. Als die US Regierung einen Militärschlag plante um einzugreifen, wurde dies durch Russland gestoppt, das die syrische Regierung überzeugte, ihr Chemiewaffenprogramm einzustellen und den Bestand an Chemiewaffen unter internationaler Aufsicht zu zerstören.

Die Kämpfe gingen immer weiter und spitzten sich zu. Mitte 2014 trat dann der Islamische Staat offiziell und mit aller Härte ebenfalls mit aufs Parkett. Zunächst ging er gegen die kurdische Miliz im Land vor, die sogenannten Peschmerga, die sehr engagiert sind, die islamistischen Terrorgruppen in Schach zu halten und zu bekämpfen.

Das brutale Vorgehen dieser Terrororganisation ist uns allen aus den Medien bekannt. Tausende Frauen und Mädchen wurden und werden verschleppt und als Sexsklavinnen oder Zwangsehefrauen an die islamistischen Kämpfer gegeben. Die Männer und Jungs werden gezwungen, mitzukämpfen oder sterben. Islamistische Gerichte verhängen drakonische Strafen für absurde „Vergehen“ und ein freies normales Leben ist nicht mehr möglich. Frauen müssen vollverschleiert sein und dürfen ohne ihren Mann das Haus nicht mehr verlassen. Kinder können nicht mehr in normale Schulen gehen sondern werden ganz speziell und dem islamistischen (!! nicht islamischen) Glaubensgrundsätzen nach „ausgebildet“, die Bürger werden zwangsverheiratet und zwangsrekrutiert. Ein gesellschaftliches Leben ist nicht mehr möglich, die Wirtschaft liegt am Boden.

Durch das Vorrücken des IS und den erbitterten Kampf um Kobanê im September 2014 sah sich der Westen dann doch gezwungen, zu intervenieren. Seitdem werden von mehreren Staaten Luftangriffe auf Stellungen des IS geflogen, allen voran durch dieUSA, aber auch durch die Türkei, die aufgrund von Luftangriffen gegen die Kurdenkritisiert wurden. Für die Türkei ist das gerade recht praktisch, da sie die Kurden als Minderheit unterdrücken und natürlich kein Interesse haben, dass diese Gruppe erstarkt. Zwei Fliegen mit einer Klappe? Hm.
Trotz der Luftangriffe konnte der IS weiter vorrücken und kontrollierte im Mai diesen Jahres das erste mal die Hälfte des syrischen Staatsgebietes. Nun zog auch Russland nach und baute eine Basis auf, von der aus Kampfflieger die Regierungstruppen unterstützen können und verbündet sich damit auch auf einer Weise mit Assad, was von der internationalen Gemeinschaft kritisch gesehen wird.

2. DIE MASSENFLUCHT AUS SYRIEN & FLÜCHTLINGSBEWEGUNGEN NACH EUROPA

Wenn ihr bis hierhin aufmerksam mitgelesen und euch vielleicht auch die Videos angeschaut habt, könnt ihr euch vermutlich vorstellen, wie Syrien nach Jahren des Krieges aussieht. Gebe ich bei Google „Syrien Bilder“ ein, springen mir diese Fotos ins Gesicht:

Das Land ist zerbombt und die überlebende Bevölkerung macht, das sie aus diesem Höllenschlund rauskommt. Die Überlebenschancen in Syrien sind marginal, daher kommt es seit 2014 nachvollziehbarerweise zu massenhaften Fluchtbewegungen in angrenzende Staaten wie den Libanon, aber auch nach Europa, wo diese Menschen Chancen auf Asyl und ein freies Leben haben.

Viele „besorgte Bürger“ kritisieren, dass die junge Generation ihr Land verlässt und meinen, die Leute sollten lieber da bleiben, gegen den IS kämpfen und das Land wieder aufbauen. Hier stellt sich die Frage: Wie? Womit? Die Männer müssen entweder für den Diktator Assad kämpfen und stehen dann tausenden bis an die Zähnen bewaffneten Gotteskriegern gegenüber, denen egal ist, ob sie beim Kampf sterben und daher viel risikofreudiger und furchtloser kämpfen, oder der Islamische Staat kriegt sie in die Finger und zwangsrekrutiert sie. Was in beiden Fällen mit den zu ihnen gehörenden Familien passiert, kann man sich ausmalen. Zudem gibt es keine Möglichkeit, die Ernährung der Familie sicherzustellen, da die Wirtschaft wie gesagt komplett am Boden liegt. Ein weiteres Problem: Viele Frauen und Kinder würden die monatelange Flucht durch das kriegsgebeutelte Land und anschließend noch über das Mittelmeer gar nicht überleben. Daher verstecken sie sich und hoffen, dass es wenigstens eines der männlichen Familienmitglieder nach Europa schafft, sodass sie legal per Familiennachzug aus Syrien aus- und nach Europa einreisen können.

An dieser Stelle lege ich euch nochmal meine Flüchtlings-FAQ für „Besorgte“ und Ahnungslose ans Herz, in der ich noch ein paar weitere Fragen zu den Flüchtlingsbewegungen und der Asylsituation versuche, aufzudröseln.

Als Schluss bleibt nur zu sagen: Ja, es kommen viele Menschen. Und ja, es werden noch mehr kommen. Wenn man jedoch betrachtet, woraus zum Beispiel der Islamische Staat entstand (Irakkrieg), sollte der Westen eventuell mal ein bisschen leiser stöhnen. Wir können so viel debattieren wie wir wollen und Grenzkontrollen einführen, wie wir lustig sind: Menschen, die aus dieser Hölle lebend rauskamen und diesen irrsinnigen Weg durch solch ein Land und über das Meer geschafft haben, lassen sich sicherlich nicht von einer geschlossenen Grenze aufhalten. Diese Menschen haben einen unglaublichen Lebenswillen und stehen für ihre Familien ein. Sie werden weiterhin kommen, Grenzen überwinden und entweder jammern wir jetzt ein bisschen rum und sind dann wieder „total überrascht“, oder aber wir reißen uns zusammen und schauen, dass wir die ganze Sache für beide Seiten so gut wie möglich über die Bühne kriegen.

Achso: Ich möchte euch auch ganz doll diese großartige Multimedia-Reportage ans Herz legen, in der ihr weitere Hintergründe zur Flucht und auch Augenzeugenberichte und Fotos finden könnt, und diesen Facebook-Beitrag von Jan Böhmermann.

Refugees welcome!

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Update: Hier ist übrigens noch ein Video aus der ZDF Sendung „Die Anstalt“ aus Oktober, das das auch nochmal beleuchtet:

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