Tinderst du noch, oder liebst du schon?

Tinder ist sicher den allermeisten von euch ein Begriff. Das ist die App, die angeblich niemand installiert hat, während jedoch alle heimlich auf Tinder-Dates rennen und hoffen, dass man sie dabei nicht ertappt. Eh klar. Ich habe mittlerweile schon so un-glaub-lich viele Tinder-Dates in meine Lieblingsbar um’s Eck geschleppt, dass die mir bekannten Kellnerinnen und Kellner mittlerweile wohl schon denke, ich sei eine Prostituierte. Oder eine Männer-Mörderin. Man weiß es nicht, man munkelt nur.

Aber dazu später, erstmal von Anfang an: Tinder ist DAS Casting für den nächsten One-Night-Stand, die nächste Affaire, die nächste Beziehung, oder eben auch die nächste Enttäuschung. Während man sich früher noch richtig anstrengen und Zeit nehmen musste, jemanden in freier Wildbahn kennenzulernen und ihn oder sie auf sich aufmerksam zu machen, wischt man jetzt Menschen nach links (meeeh…) oder rechts (mega!) oder mittlerweile sogar nach oben (OMG BITTE BEACHTE MICH!!!) und führt dann ein kurzes Bewerbungsgespräch. So weit, so langweilig.

Im Herbst 2014 kam es an einem Rotwein-Abend (=Rotwein-Besäufnis, ja okay) mit einer Freundin dazu, dass sie mich fragte:

“Sag mal, kennst du Tinder?”

Das war eigentlich der Anfang vom Ende. Wir haben die App installiert, mein Profil eingerichtet und dann los gewischt. Sobald man nach rechts wischte, hatte man in 80% der Fällen eh ein Match und wurde auch schon angeschrieben. Und bevor jemand motzt: Jaaa, die coolen Leute sagen “swipen”, ich bin aber nicht cool, sondern Single, lebe mit einem halbverrückten Hund zusammen und esse gerne Kartoffeln mit Spinat, und das auch problemlos 3 Tage hintereinander.

“DARF ICH DIR DIE FÜSSE ABLECKEN?”

An Typen Mensch findet sich da alles mögliche, nur eben krasser auf die Spitze getrieben und sehr kondensiert. Nach einer Weile war mir klar, dass ich Männer mit Urlaubsbildern, Hochspring-Fotos, Sport-Fotos und oben-ohne-Bildern getrost aussortieren kann, genau so wie die mit “inspirational quotes” (“Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum”). Ich bin mir bis heute nicht klar, was ich dort mache, aber der Sozialvoyeurismus hat mich fest im Griff. Die meisten Männer dort haben aber einen festen Fahrplan, stelle ich fest. Die wissen genau, was sie wollen, wenn sie dich fragen, ob du Bock hast mit ihrer Ehefrau zu schlafen, während sie selbst daneben sitzen und sich einen von der Palme wedeln.

Spoiler: Nö, ich hatte keinen Bock. ¯\_(ツ)_/¯

Übrigens: Ich habe auch keine Lust, mir die Füße ablecken zu lassen, euch beim Sex mit der Faust Vollgas ins Gesicht zu hauen, sodass ihr ohnmächtig werdet, euch mit einem Dildo zu verprügeln und nein, ich lasse mich nicht von einem fremden Menschen “vielleicht ein bisschen fesseln, so kunstvoll, mit einem Seil, weißt du?”. Falls ihr also gerade schon in die Tasten hauen wolltet: Sorry, spart es euch.

Neben den Leuten, die sich ihre normalen bis exotischen oder ich-renne-schreiend-weg Fetische erfüllen lassen wollen, gibt es dort jedoch auch Männer, die eben die üblichen Bedürfnisse haben. Sex, Liebe, irgendwas dazwischen, so dies und das. Das kam dazu, dass ich mich aus Neugier einer wirklich immensen Zahl Männern in Bars gegenüber fand und diese Arten “Bewerbungsgespräche” führte. Ich erhoffte mir dadurch auch, im “echten Leben” selbstbewusster zu werden und dann mal einen Mann ansprechen zu können, ohne stammeln vor Scham im Boden zu versinken. Denn so selbstbewusst ich so vielleicht bin: Geht es an diese Jungs-Mädchen-Sache, geht bei mir das Licht aus. Also: Tinder = Übung für den Ernstfall, dachte ich mir. (Spoiler: Alles sinnlos. Wenn ihr dann jemandem gegenüber sitzt, den ihr echt mögt, seid ihr wieder 13. Shit.)
Ich habe bis auf zwei Männer keinen ein zweites Mal wiedergesehen. Nur in diesen 1-2 Stunden in der Bar und dann eine freundliche Verabschiedung mit dem darauffolgenden diskreten Entfernen der Verbindung bei Tinder und – falls diese ausgetauscht wurde – dem Löschen der Handynummer.

Für die, die geifernd auf wilde Sex-Geschichten gewartet haben: Sorry, damit kann ich nicht dienen. Ihr könnt hier dann aussteigen. Für den Rest geht es jetzt noch ein bisschen weiter.

TINDER HAT UNS ZU UNRUHIGEN, NERVÖSEN ZOMBIES GEMACHT.

Denn was mir auffällt: Tinder hat aus uns unruhige, nervöse Zombies gemacht, die von der Masse an Möglichkeiten und Optionen vollends überfordert von Date zu Date taumeln, immer auf der Jagd nach dem noch perfekteren Menschen, dem noch tolleren Hintern, dem noch beeindruckenderen Kreativprojekt-Leiter. Diese Masse an Möglichkeiten findet man in der Standard-Bar-Situation nun einmal nicht, da ist diese Tinder-Welt wahnsinnig verführerisch. Man trifft sich und ist der Meinung, einen Menschen nach 1-2 Verabredungen einschätzen und bewerten zu können. Man denkt dann, man wisse genau, was einen erwartet und dann steht man vor zwei möglichen Entscheidungen: Entweder man steigt da jetzt voll ein und zieht das Ding durch – zack 3 Dates, zusammen! – oder man serviert die Person ab, weil man denkt: Ne du, da kann noch mehr gehen.

Das Absurde ist, dass sich diese beiden Optionen für mich gar nicht bieten. Und mir ist es egal, dass ich jetzt wie Opa Herrmann klinge, der vom Krieg erzählt, aber: Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der man jemanden kennenlernte und dann erstmal total viel miteinander unternahm. Man nannte das auch nicht “Date” und suggerierte damit, dass das hier unplatonisch ist, sondern hielt sich jeglichen Handlungsspielraum offen und schürte keine Erwartungshaltungen. Man hing miteinander ab, man schrieb sich aber nicht nur, weil man “MUSSTE”, da man ja ein Match hatte, sondern weil man wollte. Weil einen die andere Person umgehauen hat, irgendwas war da, wie sie lacht oder spricht oder ein Grübchen, irgendwas fesselte einen und man war sich nichtmal bewusst, dass es vielleicht eine amouröse Komponente war, man wusste nur:

Ich will mehr davon. Mehr. Mehr mehr.

Und je öfter man sich sieht, je entspannter man im Umgang miteinander wurde, umso größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass man sich beim gemeinsamen nächtlichen Schaukeln zum anderen rüber beugte und ihn küsste – einfach so. Ganz ungeplant. Ohne digitalen Wisch-Antrag, der vorher ausgefüllt wurde und bestimmte, wie sich diese Sache nun zu entwickeln hatte. Du küsst einfach jemanden, von dem du nicht weißt, wieviele Kinder er haben will, wieviele Beziehungen er hatte und ob er später mal einen Hund haben möchte. Du küsst jemanden, weil er da neben dir auf der Schaukel sitzt und viel ruhiger ist als du, was dich entspannter macht, der Kuss kommt, weil du einen ruhigen Gegenpol zur eigenen Hektik brauchst, was dich glücklicher macht, was dich wiederum verknallt macht, und was dazu führt, dass du dich rüber beugst.

“KÖNNEN WIR FREUNDE BLEIBEN?”

Heute jedoch triffst du dich einmal, zwei Mal mit einer Person und du fährst 60 km/h Opa Herrmann Style, die andere Person fährt aber 180 km/h. Während du nach dem zweiten Treffen vielleicht (!) langsam auftaust und realisierst, dass du in den anderen nicht unverknallt bist, was dich nervös macht, ist der andere schon bei viel grundlegenderen Fragen. Während du dich nämlich fragst, wie es wohl ist, die Haare des anderen durch zu wuscheln, grübelt er gerade darüber nach, ob er vielleicht nicht zu langweilig für dich ist, weil du ja so eine krasse Künstlerin bist die schreibt und malt und Musik macht und Marketing und alles. Und während du überlegst, ob du ihn fragst, ob er noch zu dir mit kommt, bildet sich der andere schon eine feste Meinung über dich und wenn du dann darüber nachdenkst, ob jetzt vielleicht der Moment ist, nach dem kleinen Finger zu greifen, sagt der andere dann Sachen wie “Du bist eine tolle Person” (und du weißt: Das geht nicht gut aus), “ich glaube wir passen beziehungstechnisch nicht” (Beziehung? Was? Ich kenn dich gar nicht. Was passiert hier gerade?), “ich wäre dir viel zu langweilig” (Hä? Hast du mich am Wochenende mal Brot backen und gärtnern sehen? Baby, ich zeig dir mal was richtige Langeweile ist, gib mir mehr Langeweile, gib mir bitte so richtig dreckige Langeweile!!). Und dann wirst du gefragt, ob ihr Freunde bleiben wollt und dann stehst du da und sagst “Nö”, denn was sollst du in dieser Situation sonst spontan sagen?

Geil. So weit, so scheiße. Und der andere, der denkt, du seist so mega hammer aufregend und brauchst den ultimativen Kick in der Beziehung, wird nie erfahren, dass du eigentlich Geborgenheit und Beständigkeit willst, jemanden brauchst, der nicht kreativ sondern eher rational ist, der dich am Boden hält, wenn du dich wieder verwirrt in die Luft verschraubst, dass dein Leben gar nicht so wild ist, wie es einem von außen immer angedichtet wird. Du wünschst dir jemanden, der ruhig ist, eher gemütlich, der schlau ist, mit dem man reden kann. Aber geschenkt – who cares?

Das geht ja alles nicht. Das erfährt man nur, wenn man einwilligt, ungezwungen Zeit miteinander zu verbringen und sich zu beschnuppern. Wenn man sich eben nicht zwei Mal zum Bewerbungsgespräch trifft, sondern einfach in der Nähe des anderen seine Kreise ziehen will – weil man sich in ebendieser Nähe vielleicht und potenziell wohlfühlen könnte(!).

Gib mir Zeit, lass dich fallen, ich spring schon hinterher, ich fang dich, wirklich, versprochen, warte doch einfach noch kurz, renn jetzt nich schon davon!

Aber der andere ist schon fort (die Matches warten nicht!) und man selbst liegt angeschossen in Embryostellung unter der Bettdecke.

WIR SIND EINE HERDE EINSAMER, DIE GEHETZT VON MATCH ZU MATCH RENNEN.

Für das Fallenlassen braucht man Zeit – doch die hat niemand mehr. Einfach, weil man sie nicht haben muss – die Auswahl ist ja da. Der Mensch ist von Natur aus bequem, und es ist so viel einfacher, einfach zum nächsten Menschen zu wischen, statt sich auf einen Erzählstrang zu committen und auch etwas zu investieren. Und ja, mein Gott, man könnte verletzt werden, sollte man investieren und dann will der andere doch nicht. Das erfordert eben Mut (Mut – wisst ihr noch?).Wir sind eine Generation, die es nicht mal mehr schafft, einen Zeitungsartikel komplett zu lesen. Deswegen sind diese mittlerweile so aufgebaut, dass es am Anfang und am Ende eine zwei-Sätze-Zusammenfassung für Eilige gibt – das muss man sich mal vorstellen. Wir schaffen es kaum mehr, eine Serie normal zu verfolgen, nein – wir fahren uns in Bingewatch-Manier ganze Staffeln auf einmal rein, bis uns kotzschlecht ist und wir uns wie Scheiße fühlen. Und damit man sich nicht wie ein introvertierter Versager fühlt, der jetzt das ganze Wochenende vor Netflix verschwendet hat, machen wir am Abend immer noch ein Tinder-Date klar, um wenigstens das Gefühl zu haben: Es geht in unserem Leben voran.

Aber das tut es gar nicht. Alle meine Freunde sind Singles. Wir wollen Liebe berechenbar machen und sind eine Herde Einsamer – ein Paradoxon. Und ja, ich bin auch auf der Spitze meiner eigenen Beziehungsunfähigkeit und Bindungsangst. Antrainiert und dann verfeinert. Wir rennen wie gehetzte Windhunde der Liebe und den Menschen hinterher ohne zu begreifen, dass emotionale Nähe ein Stehenbleiben erfordert. Aber Stehenbleiben würde sowieso nicht mehr gehen, da von hinten schon alle nachschieben, man muss also mit rennen, um Schritt zu halten und nicht von der Herde niedergetrampelt zu werden, und deshalb schlafen wir alle einfach allein ein oder neben jemandem, den wir gar nicht kennen, der jedoch warm ist und einen Puls hat und suggeriert:

Du bist nicht allein.

(Anmerkung: Ich bin froh, meine Hündin zu haben. Die ist total okay damit, dass wir zusammen sind und möchte mich gerne für immer behalten. No Games. Nur Liebe. Es ist also nicht alles schlecht.)

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Ein Kommentar

  1. Kommentare: 8
    #1
    Thomas (Freitag, 12 Februar 2016 20:39)

    Grandios!
    #2
    Linchen (Montag, 22 Februar 2016 13:39)

    Recht hast du 😉 musste so lachen :))
    #3
    Carli (Mittwoch, 24 Februar 2016 00:40)

    Eine zutreffende (und leider deprimierende) Perspektive auf unsre verzweifelte Suche nach Nähe!
    Ob ich mir vielleicht auch Tinder holen sollte?!
    #4
    Imma (Dienstag, 15 März 2016 14:48)

    ..mir aus der Seele gesprochen 🙂
    #5
    Manuel (Dienstag, 15 März 2016 15:21)

    Wo ist die Kurzzusammenfassung am Ende des Artikels?
    #6
    moritz (Dienstag, 15 März 2016 19:02)

    wunderbar, trifffts voll auf den punkt, danke dir!
    #7
    Sebastian (Mittwoch, 16 März 2016 16:55)

    Sehr schöner Artikel, musste ich sogar komplett durchlesen. 🙂
    Irgendwann verfestigt sich bei vielen der Gedanke “die Zeit läuft, ich bin allein, ich brauch’ eine Beziehung, jetzt, sofort” – aber nur eine Beziehung um der Beziehung willen? Es gibt Sachen, die kann man nicht erzwingen, und Liebe, Zuneigung, Vertrauen, …gehören nunmal dazu.

    Antworten

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