Umberto Eco, die AfD und der Urfaschismus

Ich weiß noch genau, als ich Der Name der Rose das erste Mal sah. Es war zusammen mit meiner Mutter, ich dürfte 8 oder 9 gewesen sein. Sie und ich waren allein zu Hause mit meinem kleinen Bruder, der nebenan schlief; ich saß auf einem der beiden Sofas und zeichnete. Was Umberto Eco eigentlich für ein Mensch war, für eine Persönlichkeit, wusste ich damals nicht. Für mich (und ich glaube auch, für meine Mutter) war er einfach Kriminalautor – ich habe den Film geliebt (und tu dies noch). Gestern starben er und Harper Lee – und was das bedeutet, weiß ich mit mittlerweile 28 durchaus.

Der Tod solcher Persönlichkeiten bewegt uns immer dazu, uns noch einmal eingehend mit ihnen und ihren Positionen und Werken auseinanderzusetzen. Ich habe daher Ecos Urfaschismus (1995) ausgegraben und die Thesen mit den Positionen von AfD und NPD in Beziehung gesetzt.
Noch einmal kurz zurück zu Umberto Eco. Der Name der Rose ist ein Buch, das mich durch mein ganzes Leben begleitet hat. Ich sah den Film, ich las das Buch, ich hörte das Hörbuch. Mehrfach. Alles. Und je älter ich wurde und je öfter ich mich damit beschäftigte, umso genauer entfaltete sich das Bild dieser Geschichte, der Metaphern, der Bilder. Die Geschichte passte zu jeder meiner Lebensabschnitte. War sie doch erst Kriminalgeschichte, wurde sie in meiner Pubertät für mich eine Sektion des Christentums, wurde dann in meinen späten Teens zu einem essayistischen philosophischen Spiegel der Epoche und ist jetzt für mich immer noch so facettenreich.

Später las ich noch mehr von Eco – Das Foucaultsche Pendel, Die Geschichte der Hässlichkeit, Essays.

Ganz besonders spannend fand ich seinen Essay aus dem Jahre 1995. In der deutschen Übersetzung trägt er den schlichten Titel Urfaschismus und ist in meinen Augen so aktuell wie eh und je – gerade jetzt.

Auf ZEIT Online könnt ihr euch den gesamten Essay hier durchlesen. Für diesen Blogartikel habe ich meine liebsten Stellen zusammengefasst und verbinde am Ende Ecos Thesen zum Urfaschismus mit den Positionen der AfD und NPD.

“In meinem Lande sagen einige Menschen heute, der Befreiungskrieg sei eine tragische Zeit der Spaltung gewesen, und wir bedürften der nationalen Versöhnung. Die Erinnerung an diese schrecklichen Jahre müsse unterdrückt werden, refoulée, verdrängt. Aber aus Verdrängung entstehen Neurosen. Versöhnung mag Mitleid bedeuten und Respekt für alle, die aufrichtig ihren eigenen Krieg kämpften, aber Vergeben ist nicht Vergessen. Ich könnte sogar Eichmann zugestehen, daß er allen Ernstes an seine Mission glaubte, aber ich kann nicht sagen: “Also gut, komm zurück, und tu es noch mal.””

“Und obwohl auch mich die verschiedenen naziähnlichen Bewegungen hier und da in Europa einschließlich Rußlands beunruhigen, werde ich ebensowenig glauben, daß der Nazismus in seiner ursprünglichen Form als nationale Bewegung wiederauferstehen könne. Dennoch: Politische Regimes können zwar gestürzt, Ideologien kritisiert und abgelehnt werden – aber hinter einem Regime und seiner Ideologie steht immer eine Art des Denkens und Fühlens, eine Anhäufung kultureller Gewohnheiten, obskurer Instinkte und unauslotbarer Triebe.

Sprachgewohnheiten bieten häufig wichtige Hinweise auf zugrundeliegende Gefühle.”

Ganz besonders wichtig finde ich hier Elemente, aus denen Eco einen Ur-Faschismus zusammensetzt und der in allen faschistischen Regimes und Einstellungen aufzufinden sind. Ich liste sie hier verkürzt als Zitate auf, ausgeführt findet ihr sie im oben verlinkten Artikel.

Ich setze die einzelnen Punkte darunter knapp in Verbindung mit rechten und rechtspopulistischen Strömungen wie AfD, NPD & Co. Die Zitate dieser Parteien werde ich nicht verlinken – so ein Schund braucht nicht noch Linkpower von mir. Ihr findet die Passagen jedoch ganz leicht, indem ihr sie googlet.

Die 14 Prinzipien des Urfaschismus & die Positionen der AfD und NPD

    1. “Das erste Merkmal des Urfaschismus ist der Traditionskult.”
      Parteien, die sich “heimatlich” ausrichten – zum Beispiel die AfD oder NPD – fokussieren das Thema Tradition ganz stark. Beispiele: AfD: “Sächsische Tradition unterstützen” (offizielle Webseite AfD Fraktion Sachsen). “Jede religiös geprägte Kultur, die neben sich keine ‚bunte Vielfalt’ duldet, bedroht die Traditionen in unserem Land.” (Webseite AfD Kompakt). NPD: “Kultur und Tradition sind keine Modeerscheinungen, sondern Produkt der Genese unseres Volkes, unserer Mentalität” (Hauptseite der Partei).

    2. “Traditionalismus impliziert die Ablehnung der Moderne.”
      Hier kann man ebenfalls wieder die obigen Quellen als Beispiele nehmen. Zur Moderne gehören zum Beispiel die Lebensrealität von uns Frauen, die sich deutlich vom Leitbild Mutter und Hausfrau aus den 50ern unterscheidet. Rechte Strömungen pochen auf eine Wiederbesinnung auf dieses rückständige Bild der Frau. Übrigens auch bezogen auf das Familienbild (Zwei Eltern, hetero, Kinder) und der Sexualität. Zu finden in beiden Parteien, Beispiel AfD: “Die AfD will, dass sich die Familienpolitik des Bundes und der Länder am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern orientiert.” (Hauptseite der Partei).
       
    3. “Irrationalismus ist auch abhängig vom Kult der Aktion um der Aktion willen.”
      “Mißtrauen gegenüber der Welt des Intellekts war immer ein Symptom des Urfaschismus.”
      Diese Punkte treffen ebenfalls auf die AfD und NPD zu. Hier ist aber ein interessanter Unterschied zu bemerken. Inszeniert sich die NPD als reine “Volks”partei, also vom “Volk”, für das “Volk” und lehnt Professoren, Politiker, Künstler, Musiker und andere intellektuelle “Eliten” ab, geht die AfD aus einem Setup als “Professorenpartei” hervor. An der Parteispitze stehen Doktoren und Lehrer, die sich bürgernah geben und dem “Volk” voranstehen. Dennoch wirbt die AfD mittlerweile auch vermehrt gegen “Eliten”, zu denen die Funktionäre jedoch selbst gehören. Es wird Misstrauen gegen Intellektuelle, Journalisten und Politiker geschürt.
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    4. “Kein synkretistischer Glaube kann analytischer Kritik widerstehen.”
      “Der kritische Geist macht Unterscheidungen. In der modernen Kultur lobt die Wissenschaft mangelnde Übereinstimmung als nützlich für die Bereicherung des Wissens. Für den Urfaschismus ist fehlende Übereinstimmung Verrat.”
      Dieser Punkt liest sich etwas sperrig, lässt sich aber beispielhaft auf den Umgang der Anhänger von NPD und AfD mit “Gutmenschen” und der “Lügenpresse” herunterbrechen. Diese beiden Gruppen – in Kombination mit den Politikern der Volksparteien – stellen für die Rechtspopulisten die immer schön skandierte Gruppe der “Volksverräter” dar. Die Meinungen weichen von ihren ab, weshalb sie falsch und destruktiv sein müssen. Alles muss auf Linie sein – Forschung, Kunst, Kultur. Na, von wem kennen wir das noch? Richtig, von Hitler und aus der DDR.
    5. “Der Urfaschismus wächst und sucht Unterstützung, indem er die natürliche Angst vor Unterschieden ausbeutet und verschärft.”
      “Der erste Appell einer faschistischen oder vorfaschistischen Bewegung richtet sich gegen Eindringlinge. So ist der Urfaschismus qua Definition rassistisch.”
      Dass Menschen Angst vor neuen und/oder fremden Sachen, Personen und Umständen haben, ist erst einmal nicht verwerflich. Und wenn eine Oma aus Sachsen, die noch nie einen Ausländer getroffen hat, erst einmal Angst vor der Migration hat, ist auch noch nicht ungewöhnlich oder verabscheuungswürdig. Angst vor Unbekanntem ist erst einmal einfach menschlich, beziehungsweise etwas, das wir mit allen Lebewesen teilen. Angst warnt uns und – jetzt kommt das wichtigste – wird überwunden. Wenn jene Oma dann das erste Mal mit einem Türken spricht, merkt sie, dass sie keine Angst haben muss. Wir sind vernunftbegabte Wesen und können unsere Vorurteile überwinden. Das macht uns menschlich.
      Was jetzt Parteien wie die AfD und NPD – und teilweise sogar die CSU – daraus aber machen, ist aus diesen unbewussten Urängsten ein Feuer zu entzünden, das in irrationalen Hass abdriftet. Ich möchte die CSU hier an dieser Stelle nicht mit rechten Gruppierungen in einen Topf werfen, aber dennoch macht sie sich dieser Tage leider sehr häufig ebenfalls des Populismus schuldig und bedient rechte Ressentiments. Soll heißen: Ihr Topf steht auf demselben Herd. Dieses Zündeln führt dazu, dass aus geistiger Brandstifterei brennende Flüchtlingsheime werden. Die Menschen, die “besorgten Bürger” werden von diesen politischen Meinungsführern betrogen, benutzt, verkauft und verraten. Doch das merken die Betroffenen gar nicht, da sie perfide abgelenkt, umgarnt und hinters Licht geführt werden.Hier passt auch eine Stelle aus Joachim Fests Hitler-Biographie (S.77, Ullstein 2010):”In “Mein Kampf” hat Hitler die Auffassung vertreten, man dürfe der Masse nie mehr als einen Gegner zeigen, weil die Erkenntnis verschiedener Feinde nur den Zweifel wecke, und zutreffend hat man darauf verwiesen, daß dieser Grundsatz mehr noch für ihn selbst gegolten habe: immer hat er seinen Affekt mit ungeteilter Intensität auf eine einzige Erscheinung konzentriert, in der sich alle Übel der Welt ursächlich zusammenfanden; und immer war es eine konkret vorstellbare Figur, auf die der Vorwurf geballt zulief, niemals dagegen ein schwer greifbares Geflecht von Gründen.”
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    6. “Der Urfaschismus entstand aus individueller oder sozialer Frustration.”
      “Deshalb gehörte zu den typischen Merkmalen des historischen Faschismus der Appell an eine frustrierte Mittelklasse, eine Klasse, die unter einer ökonomischen Krise oder der Empfindung politischer Demütigung litt und sich vor dem Druck sozialer Gruppen von unten fürchtete.”
      Dass vor allem in den neuen Bundesländern die Flüchtlingsheime brennen, ist kein Zufall. Oft sind die Täter Personen, die bei der Wende sozial und ökonomisch abgehängt und komplett vergessen wurden, aber auch im Westen gibt es viele Frustrierte, die empfänglich für ein Feindbild sind. Gregor Gysi hat im Interview mit Jung&Naiv großartig erklärt, wieso die Wiedervereinigung eigentlich eher ein BRD+1 war, was den neuen Bundesländern versprochen wurde und wie man das Grundgesetz so umgebogen hat, dass man nach dem Zusammenschluss keine gemeinsame Verfassung ausarbeiten musste, wie es eigentlich vorgesehen war. Gewinner zünden keine Flüchtlingsheime an, sondern Verlierer und Versager. Selbstmitleid ist nämlich so viel angenehmer und einfacher, als sich mit seiner Situation auseinanderzusetzen und konstruktiv daran zu arbeiten, sie zu verbessern. Diese Menschen sind begierig auf ein Feindbild, das erklärt, wieso es ihnen schlecht geht. Das sagt, sie seien nicht selbst Schuld. Ein Bild, das suggeriert, dass es nicht viele komplexe Gründe für die individuelle Lebenssituation gebe, sondern einen einzigen. Bei der AfD und der NPD sind das: Die Ausländer. Ganz besonders die Geflüchteten im Moment.
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    7. “Den Menschen, die sich einer ausgeprägten sozialen Identität beraubt fühlen, spricht der Urfaschismus als einziges Privileg das häufigste zu: im selben Land geboren zu sein.”
      “Dies ist der Ursprung des Nationalismus. Außerdem bezieht eine Nation ihre Identität nur aus ihren Feinden. (…) Die Anhänger müssen sich belagert fühlen.”
      Eine Nation identifiziert sich durch Abgrenzung von anderen. Um in unserem deutschen Nationalstaat zu leben, muss man sagen: Ich bin Deutscher, was immer auch impliziert: Und kein Franzose/Österreicher/Türke/Araber. Ein Nationalstaat bedeutet immer: Ich bin hier, und nicht da. Ich bin ich, und nicht die anderen. Abgrenzung ist normal und gesund, zum Beispiel im Bereich des Individuums. Um sich zu definieren, muss man auch immer sagen, was man nicht ist. Ich bin zum Beispiel ich, und nicht du. Ich bin keine Rassistin. Ich mag Lakritze. Ich bin eine Frau.Was im individuellen Kontext wichtig und gesund ist, so lange es in Maßen geschieht, kann auf politischer Ebene hässliche und gefährliche Züge annehmen. Und am einfachsten ist es sich über etwas zu definieren, das man in die Wiege gelegt bekommen hat: Über die Nation. Die Ethnie. Das Geschlecht. Die sexuelle Orientierung. Und wenn man dieses Set mit genug Menschen teilt, kann man sich als die Norm sehen und alle anderen Zusammenstellungen an Eigenschaften als “abnormal” – also von der Norm abweichend – herausstellen und dann auch ausgrenzen. Als die anderen. Als nicht vertrauenswürdig. Gefährlich.
      Und genau damit spielen NPD und AfD – vor allem im Bezug auf das “belagert” sein. Selbst die CSU spricht von Flüchtlingsströmen, -wellen, etc. Sehr beliebt ist unter AfD-Politkern das Begriffsset “Invasion” und “Invasoren”. Das alles ist brachiale Sprache, die uns Angst machen soll.
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    8. “Die Anhänger müssen sich vom offensichtlichen Reichtum und der Macht ihrer Feinde gedemütigt fühlen.”
      Hiermit spielen AfD und NPD auch ganz im Hinblick darauf, dass wir Gutmenschen ja so privilegiert seien, während “das Volk” abgehängt würde. Wir studierten, wir hätten ja keine Ahnung von der Realität. Wir sollten aufwachen. Und die Flüchtlinge haben sogar alle Smartphones. Die Medien leben von unseren “GEZ-Zwangsgebühren”, die Leute leben von UNSEREN Steuergeldern, pipapo. Ihr wisst, was ich meine.
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    9. “Im Urfaschismus gibt es keinen Kampf ums Überleben – das Leben ist nur um des Kampfes willen da.”
      Einfach mal ne Rede von Björn Höcke anhören. Das sagt schon alles.
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    10. “Elitedenken ist ein typischer Aspekt jeder reaktionären Ideologie, insoweit sie im Grunde aristokratisch ist, und aristokratisches und militaristisches Elitedenken hat eine grausame Verachtung des Schwächeren im Gefolge.”
      “Der Urfaschismus kann nur ein allgemeines Eliteempfinden vertreten. Jeder Bürger gehört dem besten Volke der Welt an, die besten Bürger sind die Mitglieder der Partei, jeder Bürger kann (oder sollte) der Partei beitreten.”
      AfD-Anhänger und NPD-Leute  brüsten sich damit, “die Wahrheit” zu haben. Die wissen Bescheid. Die sehen durch. Alle, die der NPD und AfD folgen, haben endlich die “Augen geöffnet”. Sie sind auserwählt zu sehen, was die ganzen “linksgrünversifften Gutmenschen”, diese “Schlafschafe” nicht wahrhaben können oder wollen. Klar soweit?
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    11. “In einer solchen Perspektive werden alle zum Heldentum erzogen.”
      Und wieder verweise ich einfach auf Björn Höcke, der übrigens – ganz in nazistischer Tradition – große Stücke auf germanische Heldensagen, Geschichte und Religion hält.
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    12. “Da sowohl endloser Krieg als auch Heroismus recht schwierige Spiele sind, überträgt der Urfaschist seinen Willen zur Macht auf die Sexualität.”
      “Hier liegt der Ursprung des machismo (zu dem Frauenverachtung ebenso gehört wie gewalttätige Intoleranz gegenüber ungewöhnlichen Sexualgewohnheiten, von der Keuschheit bis zur Homosexualität).”
      Einfach mal das Frauenbild der AfD und NPD prüfen. Und die Einstellung zur Homosexualität. Ich denke, das muss ich nicht noch weiter ausführen, da das einfach sonnenklar und bekannt ist. Sahnehäubchen dazu: Die Angst vorm “afrikanischen Ausbreitungstyp” (Höcke) und generell der Sexualität des “virilen muslimischen Mannes”. Die AfD träumt auch schon davon Gesetze, die diese Gruppen schützen, abzuschaffen: “Vertragsfreiheit bewahren. Die AfD tritt für die Bewahrung bzw. Wiederherstellung der bürgerlichen Selbstbestimmung im Zivilrechtsverkehr ein. Deshalb lehnen wir sogenannte “Antidiskriminierungsgesetze” ab.” (AfD-Wahlprogramm)
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    13. “Der Urfaschismus gründet sich auf einen selektiven Populismus, einen sozusagen qualitativen Populismus.”
      “In einer Demokratie haben die Bürger individuelle Rechte, aber in ihrer Gesamtheit besitzen sie politischen Einfluß nur unter einem quantitativen Gesichtspunkt – man folgt den Entscheidungen der Mehrheit. Für den Urfaschismus jedoch haben Individuen als Individuen keinerlei Rechte, das Volk dagegen wird als eine Qualität begriffen, als monolithische Einheit, die den Willen aller zum Ausdruck bringt.”
      Der Ruf “Wir sind das Volk” spiegelt genau diese Einstellung wieder. Es gibt keine Individuen, es gibt nur den Willen des Volkes, geteilte Einstellungen und Positionen, die man mit Kerzen, Plakaten und Fackeln in der Hand in die Dresdner Nacht hinausruft. Ungeprüft und egalitär. Alle Individuen sind gleich, das Volk ist gleich, nur ist das Volk eben gleicher als zum Beispiel Flüchtlinge oder linkspolitisch eingestellte Bürger. Ganz viele Leute aus diesem “Volk” glauben ja tatsächlich, dass sie die Mehrheit sind. Dass sie DAS Volk sind. Ganz klarer Filterbubble-Effekt und deshalb sind Rechte auch immer so wild auf Volksentscheide. Umso wichtiger ist es ihnen laut und entschieden entgegenzutreten und zu zeigen: Nein, seid ihr nicht. Ihr seid ein Teil des Volkes, das Volk ist divers. Und wir anderen finden euch kacke, übrigens.
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    14. “Der Urfaschismus spricht Newspeak.”
      “Orwell erfand in “1984” Newspeak als offizielle Sprache von Ingsoc, dem englischen Sozialismus. Aber Elemente des Urfaschismus sind verschiedenen Formen der Diktatur gemeinsam. Alle Nazi- oder faschistischen Schulbücher bedienten sich eines verarmten Vokabulars und einer elementaren Syntax, um die Instrumente komplexen und kritischen Denkens im Keim zu ersticken.”
      Rechte und rechtspopulistische Strömungen haben ihre eigene Sprache, mit der sie sich untereinander erkennen und miteinander identifizieren. Beispiele: Lügenpresse, Gutmensch, links-grün-versifft, BRD GmbH, Volksverräter, Schlaf-Schafe, Widerstand, Zensur, Öko-Stalinisten, Gender-Ideologie, Schwarz-rotes Regime, Nazikeule, Facharbeiter, Multikultiwahn, kulturelle Bereicherung. Die Liste ist endlos. Dabei werden ganze argumentative Passagen in neudeutsche Begriffe zusammengedampft oder bestehende Begriffe werden umgedeutet. So reduzieren sich Diskussionen – zum Beispiel in den Kommentarspalten von Facebook, Spiegel Online und Co. – auf das simple Herausfeuern dieser Begriffe, sodass Gleichgesinnte direkt wissen, was gemeint ist. Mehr muss man da nicht erklären. Jeder weiß, was gemeint ist. Und wenn nicht, sind es Linksgrünversiffte – und mit denen redet man ja eh nicht.

Darüber, wie demokratisch die AfD ist, könnt ihr euch jetzt ja ein eigenes Urteil bilden. Zur NPD muss man hier, glaube ich, nichts mehr sagen. Und diesen Text beende ich ganz einfach mit dem letzten Satz aus Ecos Essay:

Freiheit und Befreiung sind eine niemals endende Aufgabe.

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Ein Kommentar

  1. Kommentare: 7
    #1
    Alex Z. (Sonntag, 21 Februar 2016 14:44)

    Also ich finde die AfD gut… trotzdem, der Artikel kann was, und er hat mich zum nachdenken gebracht.

    Aber ich verstehe einfach nicht, was denn die “Gegenposition” sein soll. Die funktioniert doch nur dann, wenn es flächendeckender Wohlstand auf (sagen wir mal) norwegischem Niveau gibt, so bald das nicht mehr der Fall ist, bricht doch die ganze Party zusammen, und dann, in welcher Gruppe werde ich mich als weisser männlicher Deutscher wiederfinden?

    Doch in der Position der Minderheit, und das ist ein mathematischer Fakt, die weissen “Ur-Einwohner” werden im Deutschland von morgen zur Minderheit werden, wenn die Tendenz, der demografische Wandel der letzten Jahre anhält, und das wird er. Und genau hier ist die Ur-Angst von Leuten “wie mir”.

    Ich lehne eure Idee nicht ab weil ich sie schlecht finde, ich glaube halt nicht an ihre Umsetzung, ich halte das monumentale Scheitern für die logische Konsequenz und die Folgen daraus fürchte ich wie den Tod…

    Das müsst ihr verstehen, wenn ihr uns “Wutbürger” ansprechen wollt. Ich habe überhaupt keine Lust auf Faschismus, und Diktatur… aber gegen eine ungarische Demokratie habe ich nichts, nicht weil ich die so toll finde, ich sehe das Ganze einfach als den besten Kompromiss, bzw. das kleinste Übel.

    Kann man das verstehen auf der Gegenseite?
    #2
    La Vie Vagabonde (Sonntag, 21 Februar 2016 18:07)

    Moin Alex,

    vielen Dank für deinen Kommentar!

    Wie ich in einem anderen Artikel schon schrieb, ist die Angst vor Veränderung erstmal nichts “Schlimmes”. Ich kann sogar verstehen, wenn Leute Sorgen und Ängste haben, wenn sich doch jetzt so viel ändert. Ich teile die zwar nicht – aber höre ihnen erst einmal zu.

    Zudem: Ich denke ebenfalls, dass die ganze Flüchtlingsproblematik chaotisch angegangen wird. Ohne uns freiwillige HelferInnen würde nichts klappen. Kritik ist angebracht und notwendig. Das spricht ja niemand ab!

    Dennoch finde ich, dass das kein Grund sein kann, eine in meinen Augen antidemokratische Partei wie die AfD zu unterstützen. Nur, weil sie einen Missstand kritisiert, bedeutet es nicht, dass ihre Positionen okay sind.

    Die AfD birgt gefährliches Potenzial in sich.

    Wie dir sicher aufgefallen ist, Alex, bin ich linkspolitisch eingestellt. Dennoch wünsche ich mir eine Demokratie, in der es eine starke Linke, aber auch eine starke Konservative Gruppe gibt. Das bereichert unsere Gesellschaft und die Demokratie und korrigiert Fehler. Eine Demokratie lebt von Vielfalt.

    Jedoch: Die AfD ist nicht konservativ. Sie ist rechts. Und sie akzeptiert keine “Abweichler”. Keine politische Vielfalt. Alles, was nicht AfD ist, ist “Lügrenpresse”, “Gutmensch” oder “linker Mainstream”. Das ist doch Unsinn. Absolut an der Realität vorbei.

    Wenn du Sorge hast, was du als weißer Mann wählen sollst: Wie wäre es, wenn du dir keine Gedanken machen musst, ob du weiß oder ein Mann bist? Wenn du eine Partei aussuchst, die für alle Leute einsteht, weil sie das beste für Deutschland als ganzes Land möchte? Männer, Frauen, weiß, dunkel, egal?

    Wie gesagt: Ich kann deine Sorgen verstehen und erst einmal akzeptieren, auch, wenn ich sie nicht teile. Das ist Meinungsfreiheit. Das ist Demokratie. Und ganz im Ernst: Die Parteienlandschaft macht mich gerade auch nicht gerade an.

    Dennoch sind die Parteien wie die AfD keine Alternative. Sie haben ja nichtmal Lösungsvorschläge. Hast du dir mal Gedanken darüber gemacht, was mit unserer Wirtschaft passiert, wenn wir die Grenzen schließen? Wir haben nur so eine gute Wirtschaft, weil wir so viel über den Binnenhandel verdienen. Wenn die Grenzen geschlossen werden, wirst du es nicht fassen können, wieviele Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren werden. Wie es bergab mit der Konjunktur gehen wird. Das kann nicht die Lösung sein. Leute an den Grenzen erfrieren lassen auch nicht.

    Auch, wenn du Sorgen hast und dich nicht von SPD oder CDU repräsentiert fühlst: Nimm nicht gleich die AfD. Sie ist der Wolf im Schafspelz. Schau dir mal die Positionen der FDP an. Schau dir meinetwegen auch ALFA an, wenn es denn sein muss.

    Aber nicht die Antidemokraten. Die Augenwischer. Die Verführer.

    Liebe Grüße
    Feli
    #3
    Gerda Jäger (Dienstag, 23 Februar 2016 20:43)

    Dankeschön für die ausführlichen politischen Statements zum “Wie” konnte es geschehen und zur Situation in Europa und den Ursprüngen des Faschismus. Mit Gewinn gelesen.

    Auch das: “Auch, wenn du Sorgen hast und dich nicht von SPD oder CDU repräsentiert fühlst: Nimm nicht gleich die AfD. Sie ist der Wolf im Schafspelz. Schau dir mal die Positionen der FDP an. Schau dir meinetwegen auch ALFA an, wenn es denn sein muss.
    Aber nicht die Antidemokraten. Die Augenwischer. Die Verführer.”

    Habe ich selbst schon empfohlen, denn die AfD ist KEINE Alternative.
    #4
    Susanne K. (Donnerstag, 25 Februar 2016 21:51)

    Hallo Felice,

    Toll, dein Blog. Ganz wichtige Gedanken – wir müssen aufpassen auf unsere gesellschaftliche Moral und auf den Frieden – dazu leistest du einen beeindruckenden Beitrag – in eine ganz zeitgemäße literarische, künstlerische Form gegossen.

    Toller Lesetipp von dir: Umberto Eco “Urfaschismus” – er schreibt ja alles, was dem Faschismus zugrunde liegt:
    Traditionskult – Ablehnung moderner Bewegungen – Irrationalismus – keine Widersprüchlichkeiten aushalten – Unterschiede nicht aktzeptieren – Sozialfrust – Klammern an die Nation als Identifikationsgrundlage – Selbstüberschätzung – Weltherrschaftsansprüche – Elitedenken, das eine Kompensation tatsächlichen Mangels ist – falscher Heroismus – sexuelle Unterdrückung und Intoleranz – Volksgläubigkeit – Verflachung der Sprache, Anti-Intellektualität – Simplifizierung des Denkens und Wertens.

    AfD-Freunde solten ihre Sympathien für diese Partei genau analysieren und überlegen, ob sie nicht mit den rechtslastigen Patentrezepten auf eine faschistoides Ammenmärchen hereinfallen. Unsere Welt ist komplex, sie ist uneinheitlich, wir leben in einer digitaliiserten, globalen Weltgemeinschaft, wo die ethische Aufgabe ist, die Postiion des Individuums einzunehmen. Auch die des Anderen, des Andersartigen.

    #5
    Harry K. (Montag, 14 März 2016 23:38)

    Wenn ich mir die einzelnen Merkmale so durchlese, fühle ich mich in die Zeit zurückversetzt. Ein bisschen Schmunzeln musste ich, aber eher aus einer Erinnerung heraus: Damals war Serdar Somuncu noch unterwegs und hat Lesungen aus Hitlers “Mein Kampf” gehalten – Das war das erste Mal, dass ich bei der Auseinandersetzung mit faschistischem Gedankengut lachen musste. Nur eben nicht, weil die Folgen desselben lächerlich sind, sondern eher weil mir klar wurde, wie absurd und widersprüchlich die Gedanken und Gefühlskonstruktionen sind, auf denen er beruht.

    Viele Punkte hier sind demzufolge auch in “Mein Kampf” vorhanden: Von Frustration (Versailler “Knebelverträge”, Wirtschaftskrise, …), sehr vereinfachtem “naturalistischem” Gesellschaftsverständnis (Sozialdarwinismus, “Recht des Stärkeren”, Euthanasie, etc.) bis hin zu vollends esoterischen und verschwörungstheoretischen Konstruktionen. Nur ist es heute nicht mehr der “Arier als Kulturbegründer” oder sein vermeintlicher Gegenspieler, der sexuell überpotente Jude – sondern eher das “Volk” und der “Kopftuchmädchen” produzierende Türke nach Lesart Sarrazins.

    Interessanterweise haben sich diese Denkmuster kaum verändert, sie zeigen eben nur andere Blüten – in all ihrer Lächerlichkeit, wie auch Grausamkeit.
    #6
    Asinello (Sonntag, 03 April 2016 12:53)

    In der Liste kommt (meines Erachtens) ein Aspekt zu kurz: Die Hackordnung.
    Angedeutet ist sie in Punkt 12, aber Sexualität ist nur ein Unterpunkt.

    Gesunde Hierarchien gründen sich auf Aufgaben und Verantwortungsbereiche, Autorität ist an Kompetenz gekoppelt: Wer’s besser kann, sagt eben an. Menschen sind so gestrickt, dass sie stets Gruppen mit “Ansagern” bilden, denen gefolgt wird. Das ist menschlich, also okay. Faschistische Bewegungen übertreiben das in ungesundem Maß, das letztlich allen schadet. Man erkennt sie leicht daran, dass jede Stufe dieser “Hühnerleiter” immer etwas mit Macht zu tun hat – die man “drunter” auch zu spüren bekommt. Auch ihre Argumente haben immer irgendwie mit Macht zu tun.
    (“Denn WIR entscheiden, wie viele einwandern dürfen, und nicht SIE, Frau Merkel!” Frauke Petry, November 2015 in Mainz)

    Der Mensch braucht wen zum Treten. Je schlechter er sich fühlt, desto größer ist das Bedürfnis. Das hat nichts mit “Unterschicht” zu tun. Das macht auch vor Leuten nicht halt, die einen hohen Grad an Bildung mitbringen, angesehen und großzügig bezahlt werden und sich zu Recht zur Oberschicht zählen (bestes Beispiel ist Herr Sarrazin).

    Während ein gewisses Maß an Rangordnung unter Menschen üblich ist, geht es bei einer Hackordnung um Abwertung und Schwächung Anderen, um die eigene Position aufzuwerten und zu stärken. Zwar, wer andere zu Verlierern erklärt, wird davon kein bisschen zum Gewinner. Aber er fühlt sich einen Moment lang besser. Na, toll.

    Augenfällig wird Hackordnung beim Verhältnis von Männern zu Frauen, die wiederum über Minderheiten stehen, die wiederum über Auslädern stehen… in den meisten Ländern ein ganz normales Bild. Faschistisch wird es, wenn (irgendwie definierte) Gruppen zum Hassen freigegeben werden und selbst schwere Gewalt gegen sie nahezu straflos bleibt.

    Klar, jedes “Wir” braucht “Andere”, um die Gruppe abzugrenzen. Um zu sagen, wer dazugehört – und wer nicht. Aber es macht einen Unterschied, ob man “andere” nicht mitspielen lässt, oder ob man sie verprügelt.

    Es ist eine Binsenweisheit, dass man gemeinsam etwas aufbauen kann, es sich (so gut es geht) schön machen kann. Und dass bei Streit viel kaputt geht und man nicht halb so weit kommt, es schön zu haben. Das haben Kleingartenvereine mit Slums gemeinsam. Wer auf das Trennende setzt, auf Ausgrenzung und Antipathie, wer den Streit schürt, tut dies zum eigenen Vorteil:

    Die AfD setzt klar auf Ausgrenzung – und sitzt gut bezahlt im Landtag. Noch so eine Wahl, und Herr Höcke braucht sich um Alterarmut ganz sicher nicht sorgen. In Sachsen und Thüringen sitzen 22 AfD-Politiker im Parlament, während in ihren Bundesländern das Klima vergiftet und Häuser brennen. Im alten Rom nannte Cäsar dies: “Teile und herrsche”. Hauptsache, die Streithähne merken nicht, wer davon etwwas hat, dass sie einander angiften. Genau das ist die Gangart des Urfaschismus: Aus menschlicher Gemeinschaft macht er unmenschliches Gegeneinander – und beim “Klassenkampf im Armenhaus” gewinnen nur die Anführer, die immer nur stänkern und anstacheln, aber selbst nie mitkämpfen.

    Ich kann gut verstehen, wenn jemand als weißer Christ auf dunkle Moslems herabblickt – und Angst davor hat, dass die mal in der Übermacht sein könnten. Wenn die genauso ticken, dann Gnade ihm der weiße Christengott.

    Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet nur Umdenken. Wer sich hier einlebt, übernimmt auch die Tradition. Wo die auf Miteinander ausgerichtet ist, braucht sich niemand wegen Religion oder Hautfarbe zu ängstigen – egal wie die Mengenverhältnisse sind. Dafür muss man nicht jeden liebhaben. Man schaue nur mal in die Schweiz, da klingen auch nicht immer nur harmonische Melodeien. Die Alternative zu solchem “Multikulti” wäre, sich gegenseitig die Köppe einzuhauen und ständig Angst zu haben – während die Angstmacher daran verdienen.

    Hitler bekam Rückhalt im Volk, weil dieser dunkelhaarige, braunäugige Ausländer “seinen Ariern” einige unbeliebte Gruppe zum Hassen freigab und kräftig schimpfend anschob. Wenn ich sehe, welche Einstellung NPD wie AfD gegen “Fremde” pflegen, bin ich für diesen Blog-Artikel sehr dankbar.
    #7
    Emil G (Freitag, 27 Januar 2017 12:48)

    «Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: “Ich bin der Faschismus.” Nein, er wird sagen: “Ich bin der Antifaschismus.”» (Ignazio Silone).
    Von daher : Ob nun Nationalsozialismus (NS) für die Wirtschaft und Nationalismus (NSIS) für den Krieg oder Islamsozialismus (IS) für die Wirtschaft und Islamismus (ISIS) für den Krieg.
    ���
    #8

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