„Hi, ich bin Jasmin!“ – „Hi, ich bin Flüchtling.“ – „?“

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In den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass ich total übersättigt bin, wenn es um das Vokabular der Flüchtlingsdebatte geht. „Migranten“, „Flüchtlinge“, „Integration“, „Leitkultur“, „Wirtschaftsflüchtling“, „Islam“ – ich bin total müde. Gibt es keine Alternativen?
„In einem auch von Migranten bewohnten Haus“ beginnt ein Tweet der Süddeutschen Zeitung. Es geht um ein Feuer in Eisleben, vermutlich Brandstiftung, fremdenfeindlicher Hintergrund nicht ausgeschlossen. Ich seufze.

Ich stelle fest, dass ich total übersättigt bin, wenn es um das Vokabular der Flüchtlingsdebatte geht – und mit dem Wort geht es ja eigentlich schon los. „Migranten“, „Flüchtlinge“, „Integration“, „Leitkultur“, „Wirtschaftsflüchtling“, „Islam“ – ich bin müde. Es ist total subjektiv und irgendwas mit Emotionen und Assoziationen, aber ich lese ungern solche Schlagzeilen. Und jetzt nicht nur wegen des Inhalts, sondern wegen der Begriffe. „Migranten“, als seien das nicht eben auch einfach Leute oder Menschen. Als würde sich deren Identität aus keinen anderen Eigenschaften speisen, außer zugewandert oder geflohen zu sein. Aber ja, ich weiß auch, dass es in diesem Kontext ja passte und wichtig war, aber hm. Vermutlich ist es auch nicht cool, immer mit dem Diminuitiv „Flüchtling“ bezeichnet zu werden. „Flüchtling“, wie in alten Sci-Fi-Filmen immer die Erdenbewohner „Erdlinge“ genannt wurden. Und da war meist irgendwie abwertend gemeint. Die Erdlinge mit ihrer rückständigen Technologie, tz! Ich versuche gerade hartnäckig, mir diese Worte abzutrainieren, denn: Ich habe sie mir selbst angewöhnt, und das finde ich nicht gut.

Mir ist klar, dass man sie irgendwie „braucht“, diese Worte – gerade im nachrichtlichen Kontext und in der öffentlichen Debatte – um abzugrenzen und einzuordnen. Dennoch macht mir das alles ein komisches Gefühl. Wenn ich über diese Menschen spreche, sag ich mittlerweile „Geflohene“ oder umschreibe es lieber. „Er ist aus Syrien vor dem Krieg geflohen“ dauert natürlich ne Milisekunde länger als zu sagen „er ist Flüchtling“, aber die kann man durchaus mal investieren. Ich bin schließlich auch kein „Weiblein“ oder ein „Menschling“, sondern eben Jasmin, eine Frau, ok und Batman, aber da hängt auch kein -ling dran.

IDENTITÄT: FLÜCHTLING. DAS WAR’S?

Wenn ich mit den Menschen aus Syrien spreche, stelle ich fest, dass viele schon ganz schön lange hier in Deutschland sind. Stellt euch vor, ihr würdet nach 5 Jahren in eurer Firma immer noch als „die Neue“ bezeichnet werden – ihr wärt wohl mehr als empört, und das zu Recht. Nach 5 Jahren habt ihr euch vermutlich schon spezialisiert und eine gewisse Expertise in einem Bereich erworben. Vielleicht geht ihr auf Konferenzen und haltet Talks. In der Firma kennt man euch z.B. als Expertin für neue Zahlungskonzepte, ihr habt euch etabliert und das soll gewürdigt werden – und das muss es auch. Und niemand mag es, wenn er seit 10 Jahren in dem kleinen bayrischen Dorf wohnt und da immer noch als „Neuer“ gilt. Nur, weil er da nicht geboren wurde.

Geht es aber um unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger, kann man lange warten bis der Punkt kommt, sie in diesem vor uns her getragenen „wir“ zu inkludieren. Für manche Personen kommt er nie. Es sind immer die anderen, die Migranten, die Flüchtlinge. Dieser Punkt der Biographie haftet für immer an, dabei sind diese Menschen so bunt, individuell und vielfältig wie wir. Sie hatten ein Zuhause, sie hatten Professionen, ein Umfeld, ihre ganz persönlichen Orte. Orte, an denen sie ihren ersten Kuss bekamen, Orte, an denen sie das erste Mal ihr Enkelkind im Arm hielten, das Café, in dem man sich immer mit den besten Freundinnen traf – alles Sachen, die identitätsstiftend sind.

Wir stehen Menschen gegenüber, die versucht haben, ihr Leben, das ihrer Kinder und einen Teil ihrer Identität vor Fassbomben, Folter und Vergewaltigung zu retten. Sie stehen mit nichts vor uns, kleine Partikel im losen Raum und versuchen, sich an etwas in sich selbst zu klammern, weil wir ihnen hier nicht mehr als den Stempel „Flüchtling“ bieten.

Wenn sich Menschen ausgeschlossen fühlen, hängen sie sich oft an ihre Religion, ihre Familie, die „Ehre“ – man nennt das auch Diaspora-Effekt, das lernten wir schon in der Schule. So entstehen diese Parallelgesellschaften, über die so viel gesprochen wird. Diese Menschen sind genau so identitätssuchend wie wir alle. Und was machen wir? Wir drücken bieten ihnen die Rolle „Flüchtling“ an. Und zwar dauerhaft. Ist das etwas, mit dem ihr euch identifizieren wolltet? Dass jeder, der euch sieht, denkt „oh, ein Flüchtling, aha“? Als sei das eine ganz andere Spezies, „oh, eine Giraffe“ oder „oh, ein Oktopus“. Etwas Fremdes, nicht wir.

AUCH MEINE FAMILIE IST GEFLOHEN

Ganz besonders bewusst ist mir das Perfide daran einfach durch die Fluchtgeschichte meiner eigenen Familie Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre. Mein Großvater war Lehrer in der DDR und kam dort im System nicht zurecht. Es widerstrebte ihm, junge Menschen diese Ideologie aufzudrücken und in einem Klima der Angst zu leben. „Die beruflichen Perspektiven und die Verantwortung für die heranwachsende Jugend waren für Opa so erdrückend, dass das nicht seine Zukunft sein konnte. Die Flucht nach West-Berlin geschah am nächsten Tag ganz spontan, ohne, irgendjemanden zu informieren“, erzählt mir meine Oma.

Was dann kam, war ziemlich hart für meine Großeltern. „Die Eingliederung war nicht leicht: Es begann mit einem Lagerleben in Mehrbett-Räumen, anschließend gab es die Einweisung nach Rheinland-Pfalz in ein Dorf. Wir lebten alle zusammen in einem einzigen Raum über einem Kuhstall. Beruflich gab es nur das Angebot von Feldarbeit bei Bauern statt des Schuldienstes, unsere Ausbildungen wurden nicht anerkannt und so weiter.“ Probleme, die die Asylbewerber hier in Deutschland gerade zu gut kennen. Genau so wie das Heimweh. Vor allem meine Oma hat unter der Flucht sehr gelitten. Sie sehnte sich nach ihrer Familie, die sie dann ja Jahrzehnte lang nicht sah.

Erkannt hat man meine Großeltern als „Flüchtlinge“ an ihrer Sprache – sie kamen aus Thüringen und hatten einen starken ostdeutschen Dialekt. Aufgrund dessen wurden sie von der alteingesessenen West-Bevölkerung geschnitten, sie waren die Neuen, die Flüchtlinge und alle waren sich sicher: Die wollen unsere Jobs und unser Geld! Es stand ebenfalls fest: Die passen

kulturell gar nicht hier her. Im Osten war ja nicht so viel mit Religion, und auch damals sah die deutsche Bevölkerung ihr christliches Wertgefüge in Gefahr. Es hieß auch: Die passen sich nie an! Die Zeitungen schrieben „wieso kommen die noch?“.

Die Integration meiner ostdeutschen Großeltern ist dann doch noch geglückt, puh! Wir sind sogar alle getauft und konfirmiert, haben uns also dem christlichen Abendland gut angepasst. Als „Flüchtlinge“ sieht sie heute keiner mehr. „Jetzt sind wir Hessen“, sagen sie mir heute – fast dialektfrei.

Sprache schafft Bewusstsein. Geben wir den Leuten aus Syrien und Co. doch die gleiche Chance wie meinen Großeltern, hm?

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund

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