Populismus Party Pooper

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Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich mich frage: Wieviele „Oh mein Gott, JETZT hat Trump es aber übertrieben und ist im Arsch“-Artikel muss ich eigentlich noch lesen, bis wir verstehen, dass das igendwie gar nichts bringt?
Die neuste Sau im Dorf, neben Trumps Sexismus-Kram: Er hat jahrzehntelang Steuern legal vermieden. Natürlich sind wir jetzt alle erst einmal wieder extrem empört. Schon krass, der Typ, oder? Wie kann er nur, also wirklich! Und überhaupt… pipapo, all das. Stimmt ja auch, miese Nummer, shame on him.

Über Trump empört sein ist mittlerweile schon ein Reflex. Und es ist total einfach, weil dieser Mann ja auch wirklich eine absolute Katastrophe ist. Die Medien sind gleich mit empört, und so werden über jede neue Entdeckung hunderte Artikel geschrieben, die in ihrer Kernaussage etwa so lauten:

Trump hat xy gemacht oder mal wieder getwittert.
Das geht aus [Gründe einsetzen] gar nicht!
Diverse Menschen/Gruppierungen sind verletzt, entsetzt, empört, usw.
Durch diese Entdeckung ist er endlich besiegt!
Trumps Meinung zum Impact dieser Artikel dürfte in etwa diese hier sein:

Und das Frustrierende ist: Er hat Recht.

Ich meine wir reden hier von einem Mann, der eine Mauer bauen lassen möchte und einen anderen Staat dafür zahlen lassen will. Spätestens hier hätte man ja eigentlich schon die netten Jungs mit der Zwangsjacke gerufen, und sehr lange hat ihn deshalb auch keiner ernst genommen. Er glänzt durch Stilblüten wie „Ich könnte mitten auf der 5th Avenue stehen und auf jemanden schießen, und ich würde trotzdem keine Wähler verlieren“, oder über die US-Journalistin Arianna Huffington auf Twitter: „Sie ist unattraktiv, von innen und von außen. Ich verstehe total warum ihr früherer Ehemann sie für einen Mann verlassen hat, er hat eine gute Entscheidung getroffen“.

Stellt euch mal vor, dass Obama oder unsere Bundeskanzlerin so etwas sagen. Absurd, oder? Ja, haha… ha… ne, gar nicht mal so witzig das alles. Aber er sagt diese Dinge. Immer und immer wieder. Er pöbelt, er beleidigt, er hat absolut keinen Plan von Politik und wenn man sich vorstellt, dass er als Präsident der Vereinigten Staaten Kontrolle über Atomwaffen hat, hat man den Drang bei der NASA anzurufen und nervös zu fragen, wie das eigentlich forschungstechnisch mit dem Auswandern auf andere Planeten so voran geht und ob man da nicht ein Crowdfunding… naja. Ihr wisst schon.

WAS? TRUMP IST EIN RASSIST? IST. NICHT. WAHR!

Aber es sind ja nicht wirklich News, oder? Das ist ja eben die Sache: Das ist Trump. Er war schon immer so. Er wird immer so sein. Und deshalb wählen ihn die Leute. Genau dafür.

Diese ganzen Skandale, die man aufdeckt und über die groß berichtet wird, haben keinen Impact auf die Wählerschaft, die auch bisher in den Umfragen für ihn stimmt. Würde man sowas bei Obama aus der Kiste zaubern, wäre das eine ganz andere Nummer. Denn Politiker wie Obama haben eine moralische und wertegebundene Fallhöhe, die Trump einfach nicht hat. Diese „News“, dass Trump Steuern vermeidet, ein Sexist ist und rassistische Einstellungen hat, sind in etwa so überraschend und „breaking“ wie die Beobachtung, dass mein Hund sich das eigene Ar***loch lecken kann. Es ist ein Hund. So ziemlich jeder Hund kann das. Wenn ich das jemandem erzähle, ist einfach niemand überrascht. Keiner sagt: „Wow, das ist total krass! Hätte ich nicht gedacht, das verändert total, wie ich deinen Hund jetzt sehe.“

Donals Trump ist eine Katastrophe. Vielleicht ist er sogar das Böse. Aber: Das ist nichts Neues.

DAS LEBEN IM POSTFAKTISCHEN ZEITALTER

Die Trump-Fans haben geschlossen mit ihm unseren Heimatplaneten verlassen und schweben in Sphären, in denen Fakten keinen Einfluss mehr auf irgendetwas haben; Böhmermann hat es das „postfaktische Zeitalter“ genannt. Dieses Phänomen ist auch hier nicht unbekannt. Schnappt man sich so einen fanatisch „besorgten“ AfD-Fan (es gibt da ja auch Abstufungen und manche sind harmloser und andere wieder schlimmer), erreicht man ihn mit Argumenten gar nicht mehr. Wenn man ihm wirklich beweisen kann, dass seine Aussagen falsch sind und die Zahlen nicht stimmen, glaubt er es einem nicht. Ich weiß, das ist verrückt! Aber es ist so. Ich könnte ihm sagen „mein Blut ist rot“, mir vor seinen Augen in den Finger schneiden und alles vollbluten, er würde es nicht glauben. Wir sind wieder im Mittelalter angelangt, wo es nicht mehr um Wissen und Fakten, nicht mehr um Wissenschaft und messbare Sachen geht. Es geht – oh Mann, schon wieder! – um Glauben und Gefühl. Noch ein Jahr und wir schmeißen die Hexe wieder mit Gewichten in den Beinen in den Fluss um zu schauen, ob sie schwimmt.

Auf dieser Basis können wir so viele Artikel über Skandale der Populisten wie Trump, von Storch, Höcke und Co. verfassen, wie wir wollen. Damit erreichen wir nur die Leute, die sowieso schon unserer Meinung sind. In den Augen eines AfD-Mitglieds bin ich auch Elite. Ich und meine Akademiker- und Politiker-Freunde, alles Elite, alles Volksverräter. Die Leute, die wir eigentlich erreichen müssten – also die Menschen, die Trump und die AfD wählen – sind schon lange nicht mehr in unserer Range. Sie haben schon längst mit der „Lügenpresse“ abgeschlossen und entweder sehen sie diese Artikel erst gar nicht (welcher Trump-Fan liest denn schon noch Washington Post oder die New York Times?), oder wenn doch, bestärken sie sie in ihrem Glauben: Wir gegen die. Wir befeuern den Mythos, aus dem sich die Populisten nähren.

LINKS VON EINEM AFD-FAN STEHT MAN IMMER ERSTMAL RICHTIG

Es ist wirklich einfach, sich hier zu positionieren und die „richtige“ Seite zu wählen. Indem ich mich gegen Trump und rechte Parteien wie die AfD-Seite stelle, stehe ich schonmal grundsätzlich moralisch und auch faktisch richtig. An diesem Standpunkt fühlt es sich auch erstmal einfach und richtig an, Artikel „über die“ zu schreiben. In solchen Artikeln können wir uns positionieren und sagen: Krass Leute, schaut mal, wie richtig wir stehen, im Gegensatz zu „denen“! Das lesen dann all die anderen Leute, die auch schon richtig stehen, und sagen sich: Krass, schau mal! Die stehen total richtig und ich auch! Und diesen Artikel leiten wir an unsere Freunde weiter, die praktischerweise gerade neben uns stehen, weil sie – haha! – auch richtig stehen.

Doch während wir da so rumstehen und uns gegenseitig dafür gratulieren, so verdammt richtig zu stehen und symbolisch irgendwelche Sachen auf Facebook teilen, bevor wir nen Kaffee für 6 Euro trinken gehen, merken wir nicht, dass das eben absolut egal ist. Wir reden ununterbrochen über diese Leute, die Trump-Fans, die AfDler, aber wenn ich mal so rumfrage, hat kaum jemand in meinem Umfeld jemals mit einem AfD-Anhänger gesprochen. Wohlgemerkt sind das aufgeschlossene Freunde und Bekannte, die Rechte (zu.. höhö… Recht!) dafür kritisieren, rechts zu sein und noch nie mit nem Ausländer gesprochen zu haben. Wir sagen dauernd: Wir müssen dagegenhalten! Und das ist absolut richtig. Aber doch nicht gegenseitig hier, wo wir doch eh alle dieselbe Meinung haben! Dagegenhalten bedeutet: Sich der Meinung eines Rassisten aussetzen und bei ihm dagegenhalten. Nicht weggucken, wenn wir Rassismus im Alltag sehen. Mutig sein. Ganz direkt. Wenn Onkel Hans mal wieder über „die Neger“ spricht und sich alle verschämt abwenden, ist das der Moment, wo du dagegenhalten kannst. Wo du auf den Tisch hauen und sagen solltest: „Alter, NEIN! Das ist nicht wahr und…“, naja und so weiter. Aber doch nicht, indem wir Leuten mit derselben Gesinnung einen Artikel weiterleiten und zeigen, wie doof wir Rassismus finden. Das ist auch wichtig, aber eben nichtmal ansatzweise irgendwie genug oder hilfreich.

In den Artikeln (die ich natürlich auch gedankenlos teile, shame on me) wird zum Teil so abwertend über AfD-Fans und Trump-Anhänger gesprochen, dass man sich fragt, ob das überhaupt Menschen sind, über die da berichtet wird, oder vielleicht doch eher Aliens. Denn, hallo – wer würde denn so über Leute schreiben, nech, zwinker zwinker liebe Mit-Journalisten? (Ich fasse mich hier übrigens auch an die eigene Nase!)

SELBSTHILFETHERAPIE „AUTOGENES ARTIKELSCHREIBEN“

Das Ding ist: Diese „Aliens“ lesen das. Und sie lesen, dass wir sie nicht wollen. Auch die Leute, die noch zwischen den Stühlen stehen und unsicher sind. Und dann fragen sie sich, wer sie eigentlich will. Und das ist genau die Stelle, an der Trump, Petry und Co. mit der Angelrute stehen und fischen. Sie fischen das ab, was wir nicht haben wollten. Körbeweise ziehen sie diese Leute an Land, die wir seit Jahrzehnten gesellschaftlich ausgrenzen und freuen sich über super Wahlergebnisse, während wir uns fragen, was eigentlich los ist. Und Artikel schreiben. Immer diese Artikel, weil wir so entsetzt sind, mein Gott, es ist wie eine Selbsthilfetherapie für uns. Autogenes Artikelschreiben.

Ich weiß noch, wie wir über die AfD gelacht haben, ganz voran ich. Wisst ihr noch? Hihihi, sind die blöd! Wie wir über Trump gelacht haben, Junge, was ein Freak! Dass er sich nominieren lassen wollte. Es getan hat. Haha Kandidat wird er aber nicht! Oh. Naja. Dass er echt der Kandidat der Republikaner ist. Wir dachten immer: Okay, seltsam. Aber noch weiter wird das nicht gehen. Und Trump kam Runde um Runde weiter.

Ich lache mittlerweile nicht mehr. Ich krame in mir rum und versuche hektisch herauszufinden, was schiefgelaufen ist, dass es soweit kam. Was ich definitiv sehe ist, dass wir mehr Transparenz brauchen. Mehr Teilhabe. Enger als Gesellschaft zusammenrücken. Und eben diese „Bürgernähe“, die so viele Politiker gerade hektisch googlen oder durch peinliche Social Media Beträge versuchen, zu erzeugen. Wir brauchen mehr gesellschaftliche und politische Gegenangebote gegen die Populisten, denn Artikel mit vielen schönen Fremdworten werden es halt echt nicht richten. Und okay ja, sie nerven mich halt auch. Aber das ist ja das Schöne am eigenen Blog: Man kann manchmal auch einfach mal ein bisschen nörgeln.

¯\_(ツ)_/¯

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund
  • Tea

    „She will say anything and change nothing. Hillary can’t be trusted and isn’t qualified to be president“ Obama, 2008

  • M

    Ich verstehe das auch nicht. Haben denn all die Leute nicht die Artikel gelesen oder die ganzen Promi-Videos gesehen?? Und auch die deutsche Medienlandschaft hat sich versammelt gegen Trump entschieden. Haben die das da drüben nicht mitbekommen?

    Man hätte die weiße Mittelschicht vielleicht einfach noch entschiedener beschimpfen sollen. Vielleicht hätte das geholfen.

  • Postfaktisch? Das ist doch auch ein lustiges Wort. *aushol* Einige sind der Meinung, dass Demokratie und Kapitalismus führungslos in den Ruin führen. Die Natur. Also alles irgendwie. Also Leute, die man gern als Gutmenschen bezeichnet Die sich allerdings nicht wirklich faktisch eine Ökodiktatur wünschen. Nun ist es so, dass man dazu ja stehen kann, wie man will, aber es scheint schon so zu sein, dass unliebsame Entscheidungen getroffen werden müssen. Das ist allerdings mit der Macht der Medien nicht zu bewerkstelligen. Also könnte man behaupten, dass Politiker mit solchen Winkelzügen einfach abheben müssen. Die Ziele und Beweggründe unserer Politiker will ich nicht schönreden, schließlich sind sie immernoch Lobbyismus – Marionetten, wie immer, aber diesen „alternative Fakten“ und „Postfaktisch“ – Käse unserer Zeit kann ich sehr gut nachvollziehen. Mit den Medien ist kein Staat zu machen. Das schaffen auch die Grünen nicht.

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