„Wo ist der Stand der Jungen Freiheit?“ – „Da vorne gleich rechts.“

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Dieses Jahr begleite ich den Orbanism Space auf der Frankfurter Buchmesse mit Fotos, Skizzen und Text. Während der Zeit, die ich dort verbringe, schaute ich mir unsere Nachbarschaft mal ein bisschen genauer an. Dabei fiel mir auf: ganz schön eklig.
Direkt neben uns ist ein Stand, der voller Hitler- und Marx-Plakate hängt, und irgendwie kam mir das alles, zusammen mit den Leuten im Stand, sehr seltsam vor. Zuerst war ich jedoch zu beschäftigt, mich genauer damit auseinanderzusetzen.

Irgendwann hatte ich dann mal Leerlauf und stand am Tresen gegenüber des Standes, der sich als der des „Ahriman-Verlages“ herausstellte. Ein bisschen ratlos sah ich mir die präsentierten Inhalte genauer an, und ich hatte spontan Sorge, dass mir ein Aluhut aus dem Kopf wächst, während mein rechter Arm nach oben zuckt. In den Plakaten geht es um „den Gender-Wahnsinn“ unserer Welt, um die Massentierhaltung, viel um Sigmund Freud, um die Angst vor „dem System“ und der „Propagandamaschine“ unserer Regierung. Direkt ins Auge gesprungen ist mir dieses Cover:

Jaja, das böse Finanz-/Weltjudentum. Die Judenkrake kennt ihr noch, oder? Diese hat ihren Ursprung in der Nazi-Zeit, z.B. im „Stürmer“. Bis heute ist dieses Symbol ein Klassiker im linken Antisemitismus und Antizionismus. Natürlich habe ich den Ahrimann-Verlag dann auch mal gegooglet, und siehe da: Sie sehen sich als linken (!) antifaschistischen (!!) Verlag. Aha, aha. Super links und nett und antifaschistisch! Naja, außer bei den Juden halt, da vielleicht nicht so.

Ach, wo wir gerade beim Thema Juden und Drittes Reich sind: Im Genozid-Leugnen ist dieser Verlag auch groß dabei. Im Rahmen des Bosnien-Krieges kam es zum „Massaker von Srebrenica„, welches durch UN-Gerichte als Genozid klassifiziert ist. Hierbei wurden um Srebrenica herum über 8000 Bosniaken (=bosnische Muslime) abgeschlachtet, die meisten davon Jungen und Männer. Dieser Genozid wird allgemein als das schlimmste Kriegsverbrechen angesehen, dass in Europa seit dem 2. Weltkrieg geschehen ist, da dieser Massenmord unter anderem nicht „spontan“ oder „zufällig“ im Krieg geschah, sondern von langer Hand geplant und organisiert wurde.

„LÜGEN-AUSCHWITZ DER NATO“

So weit, so schrecklich. Der Ahriman-Verlag meint jetzt jedoch, die ECHTE Wahrheit zu kennen. Das war nämlich angeblich alles ganz anders – die Kriegsverbrechen wurden nämlich nicht VON den Serben verbrochen, sondern AN ihnen. Und zwar genau anders herum. Dabei sind sich die Autoren „Alexander Dorin“ (Pseudonym für Boris Krljic) und Zoran Jovanovic nicht zu schade, den Genozid zu relativieren, teilweise zu verleugnen und zu rechtfertigen. Dieses Buch hatte schon auf der Leipziger Buchmesse zu Protesten geführt. Der Schweizer Tagesanzeiger schreibt dazu:

„Bereits im 2009 erschienen Buch «Srebrenica. Die Geschichte eines salonfähigen Rassismus» hat er die 7000 bis 8000 Toten als Erfindung bezeichnet und behauptet, General Ratko Mladic habe die Zivilisten «aus Sicherheitsgründen evakuiert». Seit Jahren betätigt sich Krljic im Internet als serbischer Propagandist. Kritische Journalisten prangerte er als Serbenhasser an und publizierte deren Koordinaten. […] Krljic und Verleger Peter Priskil stellten das neue Buch im März an der Leipziger Buchmesse vor. Auf Veranstaltungshinweisen bezeichneten sie Srebrenica als «das Lügen-Auschwitz der Nato». Vergeblich hatte die Gesellschaft für bedrohte Völker Deutschland versucht, die Veranstaltung verbieten zu lassen.“

Ich möchte hier mal kurz innehalten. Nicht nur, dass dieser Verlag es total okay findet, einen Genozid zu leugnen, nein. Die Bezeichnung „Lügen-Auschwitz der Nato“ kann man ohne viel Fantasie als Holocaust-Leugnung lesen, wenn man das in den Kontext der antisemitischen Symboliken und Themen in Verbindung setzt, die der Verlag benutzt. Sich selbst sieht er zwar eher als „in der Tradition Sigmund Freuds“ (als Patienten?!), aber gut. Dass der Aluhut etwas eng sitzt, sieht man schon auf ihrer Webseite:

Unbedingt den kleinen Text lesen ;-). „Schlimm“, denke ich und frage mal inoffiziell bei jemandem von der Buchmesse nach, wieso so etwas generell auf Buchmessen kein Problem darstellt. Ich meine die huschen ja nicht nur auf der Frankfurter Buchmesse herum, sondern wirklich überall. Anscheinend ist es bei solchen Großveranstaltungen leider kein Problem, solche „netten“ Sachen auszustellen, solang man seine Standgebühr zahlt und keins der Bücher explizit den Holocaust leugnet oder ähnlich strafbare Inhalte aufweist. Auch wenn er wirklich wollte (was wirklich stimmt!), er könne da nichts machen, da das eben Messe-Politik sei. Das deckt sich mit dem, was die anderen Standbetreiber mir erzählt haben.

EINE ECKE WEITER: DIE RECHTE ZEITUNG „JUNGE FREIHEIT“

Leute, die bei uns am Stand stehen, wundern sich über den Verlag und sind genau so abgestoßen wie ich, beziehungsweise wir. Einer erzählte mir gestern: „Joah, eine Ecke weiter ist die Junge Freiheit“. Die Junge Freiheit ist eine rechte Zeitung, in der der Ahriman-Verlag auch schon mal inseriert hat.
„Wo ist der Stand, den würde ich mir gerne mal ansehen!“, frage ich.
„Den Gang runter gleich rechts.“ (sic!)

Alles klar. Ich schlender also mit Leander dort hin, und schon sehen wir den Stand, der wirklich, wirklich groß ist. Da wurde also ordentlich Kohle reingepumpt, da das Schmierblatt (nix für ungut) sein 30jähriges Bestehen feiert. Während sich beim Ahriman-Stand seltsame dünne, langhaarige und verschüchtert und esoterisch wirkende Gestalten in der Ecke ihres Standes herum-drückten, stehen bei der Jungen Freiheit blonde, große Männer in Anzügen, selbstbewusst, „sympathisch“. Gegenüber: Der kleine Stand der Amadeu-Antonio-Stiftung. Diese haben ihren Stand in Sichtweite der Rechten mit Plakaten wie „Kein Platz für Neonazis“ und „Wir haben was gegen Antisemitismus“ zugehängt.

Auch der Stand mit Indiemagazinen auf der anderen Seite der Jungen Freiheit wirbt gegen die Rechten mit einer freundlichen Service-Leistung: Das rechte Werbematerial kann man dort umweltschonend entsorgen.

OH, THIS RECHTSPOPULISMUS-WONDERLAND

Dass Rechtspopulismus mittlerweile schwer im Trend ist, kann man eben auch bei so großen Veranstaltungen sehen. Sie sind ein guter Indikator für das, was bei uns passiert. Mir sind noch mehr Stände mit rechtspopulistischen Verschwurbelungen aufgefallen.

Die Frankfurter Buchmesse ist die größte Buchmesse der Welt. Das bedeutet, dass dort wirklich jeder ausstellen darf. Keine Ahnung, ob und wie z.B. auch bei den fremdsprachigen Ständen eine Kontrolle erfolgt und wie das organisiert ist sicherzustellen, dass keine strafrechtlich relevanten Publikationen dort auftauchen. Ich bin da nicht drin, vertraue aber einfach darauf, dass da schon genauer hingeschaut wird. Dass die Buchmesse diese rechte Geisteshaltung nicht unterstützt, ist mir klar. Sie möchte sich eben neutral platzieren.
Für mich gibt es jedoch Meinungen, die schon so abseitig von Sarrazin und Co. sind (die ich einfach nur scheiße und menschenverachtend finde, die jedoch noch nicht justiziabel sind), dass es nicht mehr okay ist, ihnen eine Plattform zu bieten – Meinungsfreiheit hin oder her.

Wie sagt man: „Es gibt zwar eine Meinungsfreiheit, aber keine Faktenfreiheit“, und die Leugnung eines Genozides ist einfach keine Meinungsfreiheit mehr. Anscheinend ist eine Genozid-Leugnung abseits des Holocaust jedoch nicht justiziabel, sondern total okay. Genau wie Antisemitismus, weshalb diese Aussteller eben auch zu finden sind. Wir sollten es machen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung: Tapfer dagegenhalten, die Leute an den Ständen ansprechen und nachhaken, was da los ist. Den Ausstellern zeigen: Mit uns nicht. Und bei der nächsten Wahl auf keinen Fall braun wählen.

Verdient ihr Geld mit Schreiben, Zeichnen und Social Media in Berlin | ursprünglich Biologin | Irgendwas mit Harry Potter & einem Hund
  • Peter

    Das Problem ist ein rein juristisches: die Leipziger und die Frankfurter Buchmesse haben juristisch gesehen ein sogenanntes „Quasi-Monopol“ als größte Veranstaltungen dieser Art im deutschsprachigen Raum (im Fall Frankfurts sogar international), was zur Folge hat, dass sie keinen Verlag als Aussteller ablehnen dürfen, dessen Publikationen nicht verboten sind. Die Messeleitungen und -Mitarbeiter können und dürfen da also leider nichts machen.

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