„In welchen Stellungen sollte man Sex haben?”

Sextipps vom Kinderkanal!!! In der AfD ist man entsetzt. ENT-SETZT! Der Aufregung nach würde man meinen, dass auf dem KiKa zur Besten Sendezeit gerade Lilo Wanders sitzt und mit Gummipimmeln um sich haut, während sie dauernd “Analverkehr, Analverkehr!!!” skandiert. Nackt. Bestens ausgeleuchtet. Während sie auf dem Programmleiter sitzt, der – ebenfalls nackt – wild masturbierend “bitte nachmachen!” ruft. Ihr habt jetzt komische Bilder im Kopf? Dann habt ihr wohl was mit den AfD-Fans oder den Redakteuren der Jungen Freiheit gemein, denn so etwas scheinen sie unter “Aufklärung” zu verstehen.

(Quelle: https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2016/jf-tv-dokumentation-perversion-im-klassenzimmer/)

Natürlich wollte ich wissen, was denn da “Perverses” im Kinderkanal läuft. Deshalb habe ich mir die Sendung einfach mal angesehen. Erwartungsgemäß wurde da weder live masturbiert, noch wurden Kinder dazu angehalten, möglichst schnell möglichst viel Sex mit fremden Menschen zu haben. Live-Demonstrationen von Sexspielzeugen seitens der Moderatoren gab es auch nicht – viel Lärm um nichts also.

Es ging einfach um die normalen Fragen, die man als junger Mensch so hat, wenn diese Sache mit dem eigenen und den fremden Körpern losgeht. Die Moderatoren und eine Frauenärztin beantworten Fragen wie “in welchen Stellungen sollte man Sex haben” (Antwort: je einfacher, umso besser am Anfang! Weniger Akrobatik, einfach aufeinander konzentrieren und schauen, was beiden gefällt), “muss ich mir die Schamhaare rasieren” (Antwort: Du musst gar nichts. Wenn du es schön findest, wieso nicht – tu aber nichts, weil du denkst, das zu “müssen”) oder “hilft Masturbation dann später Sex zu haben” (Antwort: Es ist schon gut, wenn du weißt, wo du gerne berührt wirst und wo nicht).

Das sind alles so Fragen, die man ungern den Eltern stellt. Das bedeutet, dass man die Freunde fragt – die genau so wenig Ahnung haben wie man selbst. Meine Mutter hatte mich früh aufgeklärt, während viele meiner Freunde noch irgendwas von Bienchen und Blümchen quatschten. Einem Kind im Kindergarten zum Beispiel wurde erzählt, dass es aus irgendeinem Kristall käme, das die Mutter im Feld gefunden hätte (????). Auch in der 1. Klasse war das Mädchen überzeugt davon, dass das so läuft.

Und das ist das Glied!

Denke ich an den Sexualkundeunterricht in meiner Schullaufbahn, sehe ich nur eine Anhäufung bizarrer Szenen vor mir. In der Grundschule ging das im Sachunterricht los – 2. Klasse. Wir besprachen den menschlichen Körper und dann ging es auch ein bisschen ans Eingemachte. Ich werde nie vergessen, wie Malte von Fr. S. (kurz vorm Rentenalter) vorgerufen wurde. Sie nahm einen langen Zeigestock von der Tafel und zeigte auf diverse Körperregionen. Die Klasse musste rufen, wie das heißt. Der Stock zeigt auf den Kopf (“KOPF!!”), den Arm (“ELLENBOGEN! UNTERARM!”), geht weiter nach unten und landet irgendwann auf der Höhe des Schritts. Die Klasse schweigt, Malte hat einen knallroten Kopf und hält die Hände schützend vor seinen Schritt. “Wie heißt das?” Kein Mucks, einzelnes Kichern. “DAS IST DAS GLIED!” ruft die Lehrerin. “Da kommen die Babys her!”

Newsflash! Newsflash! Die Babys kommen aus dem Penis! Wie die da rein kamen? Kein Plan. Absolute Verwirrung in der Klasse. In der Pause ging es dann richtig rund. Ich wusste da schon, wie das läuft, aber manche Kinder hatten die absurdesten Theorien. Ein Mädchen war überzeugt davon, dass die Babys aus dem Penis des Mannes wie kleine Legofiguren in die Scheide der Frau “geschossen” wurden und dort dann wuchsen – im “Blumentopf” der Frau. Diese Meinung setzte sich dann auch unter den Kindern durch, schließlich hatte Frau S. gesagt: “Da kommen die Babys her”. Klare Sache.

Auf dem Gymnasium hatten wir dann mal in der 6. Klasse eine erneute Lightversion des Themas, bis es dann in der 8. oder 9. Klasse nochmal so richtig losging. Wir bekamen Broschüren wie “Wie Selbstbefriedigung das Leben zerstören kann, wenn man davon süchtig wird” (kein Witz! Da wurde erzählt, dass es dazu kommen könne, dass man das Haus nicht mehr verlässt weil man nur noch am rubbeln ist und auch nicht mehr zur Schule geht) und haben Filme geschaut, in denen es immer darum ging, dass das Mädchen versehentlich schwanger wurde. Oft landete die Protagonistin dann auf dem Strich und in der Drogensucht.

Unsere Biolehrerin vertrat auch eine eher, äh… ich nenne es mal: extrem pragmatische Sicht in Punkto Abtreibung, gerade, was das frühe Erkennen von Beeinträchtigungen anging. Die gläubigen Schüler (da gab es ein paar) fanden das nicht so gut. Generell fanden wir den Unterricht etwas skurril, vor allem, da sie wirklich zu jedem Problemfall jemanden kannte. Kind kommt mir Trisomie 21 zur Welt? Sie kennt eine Frau, die hat 3 Kinder damit bekommen – hintereinander!!! Geschlechtskrankheiten? Hatte schon ihr halber Freundeskreis! Teenie-Schwangerschaft? Die Freundin ihrer Cousine gleich 2 Mal! HIV? 2 Bekannte, beide tot. Egal worum es ging, Frau R. kannte jemanden und es war immer super tragisch. War man mit ihr befreundet oder verwandt, gehörte man anscheinend schon automatisch zur Risikogruppe von ALLEM. So richtig ernstgenommen haben wir das nie, und wenngleich sie wirklich gute Arbeit leistete was die Aufklärung über Verhütung anging, empfanden wir diese Unterrichtsstunden immer als sehr weit weg von unserer Lebensrealität. Wirklich SEHR weit weg. Denn neben den härteren Themen wie Abtreibung oder Geschlechtskrankheiten hätten wir gerne gewusst, was man machen soll, wenn der Sex einfach nicht klappt. Oder wie man überhaupt Sex haben soll, wenn die Eltern immer da sind? Und wie es sich anfühlt, wenn das erste Mal ein Penis in einem drin steckt (an die jungen Leserinnen: als ob du pinkeln musst, aber das legt sich nach ein paar Mal) und ob man sich wirklich den Penis brechen kann (an die jungen Leser: nein).

Die fehlende Verbindung zum Alltag eines Teenagers hat man auch gesehen, als wir dann zu Pro Familia gingen. Die Mädchen und Jungs wurden separiert. Die Jungs gingen mit unserem Chemie-Lehrer in einen Workshop, wir mit unserer Biolehrerin. Wir sprachen einige Stunden über Verhütung, über Ängste, die wir im Bezug auf Sex hatten, rollten Kondome über Gummipenisse, setzten Diaphragmen in Modelle ein, besprachen die Pille, bekamen Proben und Infomaterial. Als wir die Jungs wiedertrafen, war die Stimmung sehr gelöst. Was die gemacht haben? Von den 3 Stunden bisschen über Krankheiten gesprochen, die meiste Zeit jedoch über Stellungen und Vorlieben. Sofort dachten wir Mädchen: OH GOTT UND WIR WISSEN JETZT GAR NICHTS ÜBER STELLUNGEN! Wer größere Geschwister hatte, wurde beauftragt, alles über Stellungen in Erfahrung zu bringen. ALLES! Schließlich wollten wir das ja alles auch “richtig” machen, nicht nur die Jungs (die hingegen keinen Plan hatten, wie man ein Kondom aufrollt).

Panik, Panik, Panik.

Ich wäre damals vermutlich froh gewesen, wenn es so eine Sendung gäbe. Im Internet. Ich hätte mich wohl kaum mit meinen Eltern ins Wohnzimmer gesetzt und mir gemeinsam bei ner Tüte Chips sowas angesehen. Ich starb ja schon jedes Mal, wenn ich bei einer Freundin zu Hause war und eine Tamponwerbung lief, während wir mit ihren Eltern TV schauten. Ich weiß nicht, was daran pervers sein soll, wenn Kindern und Jugendlichen die Fragen beantwortet werden, die sie nunmal haben.

Übrigens: Wenn ihr jüngere Kinder habt, kann ich euch dieses Buch total ans Herz legen (kein Affiliate-Link!!!): KLICK

Ich habe mir das Buch tatsächlich gekauft, obwohl ich weder Kinder noch einen Kinderwunsch habe. Dort werden echte Kinderfragen (ernst!-)genommen und sehr offen und altersgerecht beantwortet, ohne auch für die Eltern vielleicht auf den ersten Blick unangenehme Themen auszusparen. Heiklere Dinge wie „Wenn man schwanger ist und will kein Baby – was passiert?“ oder auch Amüsantes wie „Kann ein Kind im Bauch furzen?“. Ich fand das unglaublich toll, gerade in Verbindung mit den Illustrationen und habe mir das komplett durchgelesen. Mittlerweile ist das zu meinem Standard-Mitbringsel an junge Eltern geworden, die wirklich SEHR erleichtert wirken, wenn sie da durchblättern. Die Fragen fangen nämlich nicht erst mit 15 an.

Ich hätte mich gefreut, wenn ich so ein Buch gehabt hätte, als ich jünger war. Oder so eine Sendung wie im Kinderkanal hätte sehen können. Und wenn man so etwas als Frühsexualisierung oder “pervers” empfindet, liebe Junge Freiheit und liebe AfDler – dann sollte man vielleicht das Verhältnis zum eigenen Körper oder das eigene Sexualverhalten mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Ahoi!

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11 Kommentare

  1. Oje das erinnert mich an meinen eigenen Aufklärungsunterricht……….. 😀 war auch echt keine Glanzleistung damals bei uns. Super peinlich!

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  2. Wir mussten sehr lachen beim Lesen! Unsere Kleine fängt nämlich auch schon an zu fragen… danke für den Buchtipp!

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  3. Wirklich gut geschrieben ich musste ein paar mal laut lachen! “OH GOTT UND WIR WISSEN JETZT GAR NICHTS ÜBER STELLUNGEN!” hihi

    Das Buch muss ich mir als Geschenk für junge Eltern merken 😉

    lg Babsi

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        1. Na und? Da steht auch nicht “existiert ein Penisbruch?”, sondern ” ob man sich wirklich den Penis brechen (!!!!) kann”. Und nein, das kann man sich nicht 🙂 Einfach mal gründlich lesen, ne? 😉

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  4. Pff.. Wenn die wüssten wie amerikanisch das ist. Brutalität, ja. Liebe, nein.. Also jetzt so vom Thema her. Lilo Wanders finde ich, trägt nun auch nicht unbedingt zur Aufklärung, sondern eher zur Ververkel.. verkel.. Verdammt! Verklärung bei.

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  5. Amen!
    Wobei ich froh bin, dass ich nicht solche Horror-Sexualkunde-Erfahrungen machen musste. XD

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  6. Als wir damals zu Pro Famila mussten, wurden Mädchen und Jungs nicht getrennt. Alle saßen zusammen und haben erstmal ein ca. 10 – 15 Minütigen Aufklärungsfilm geschaut, danach wurde eine Fragerunde gestartet in der alles gefragt werden konnte, was man wissen wollte.

    Nach der Fragerunde wurde alles über Verhütung erklärt, welche Arten es gibt, welche Nebenwirkungen die Pille hat/haben kann, wie man ein Kondom richtig verwendet, usw…

    Am Ende hat jeder noch eine Broschüre bekommen, um die wichtigsten Dinge zu Hause noch einmal nachlesen zu können. Dort war auch die Telefonnummer von Pro Familia vermerkt und man konnte jederzeit einen Termin für eine Einzelberatung machen, falls man sich in der Gruppe nicht getraut hat etwas zu fragen.

    Im Grunde wurde alles genauso gehandhabt wie in der Sendung, die ich mir vor dem Lesen dieses Beitrags auch einmal angeschaut habe.

    Ich sehe hier absolut keine Perversionen oder eine Aufforderung dazu so schnell wie möglich Sex zu haben.

    Man merkt deutlich, dass hier einfach eine Sendung für den “Wahlkampf” instrumentalisiert wurde ohne sich im Vorfeld mit dieser zu befassen.

    Typische AfD Moves.

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