Wo du wohnst

Wenn ich dich besuche, weiß ich mittlerweile, wo ich hin muss, du bist ein in mein Weltgeschehen eingebundener Mensch, keine Flocke mehr, die auf den Erdboden fällt, sondern eine Galaxie. Du bist eine Wohnung, eine Homebase und ich weiß, wo das ist. Alles ist im Wandel und der Weg zu deinem Zimmer sieht immer anders aus, aber trotzdem kenne ich ihn – Glück gehabt. Lippen wie die Hell-Dunkel-Mondseiten, die ich auswendig geküsst habe – frag mich ab, ich kann alles. Das Gute am Lächeln ist, dass es unendlich viele Facetten hat, da es unendlich viele Auslöser gibt genau wie Tränen, aber am schönsten ist es ja, wenn man sie weglässt.

Ich gehe zu dir, weil ich weiß, wo du wohnst, da ist das ganz einfach und ich weiß, wo du schläfst, isst, ruhst und liest und ich bin ein bisschen traurig, dass sich die Reihenfolge der Bücher in deinem Regal geändert hat. Immer Bewegung, immer Bewegung. Ich vermisse den kleinen runden Tisch im Flur und meinen Rucksack direkt daneben.
Lass uns den Abend wie im Galopp durchstoßen, lass ihn Butterbrotpapier sein, hörst du ihn knistern? Komm schon, sei kein – ach. Ich weiß, wo du lebst, wie du lebst und – am besten! – dass du lebst. Lass uns in ein französisches Lokal gehen und uns als Erdnuss fühlen, zwei Kerne in der Schale, schwer erreichbar für andere (hoffentlich werden wir direkt nacheinander gegessen!).

Die anderen sehen uns an, dass ich weiß, wo du wohnst, dass ich Teil deiner Welt bin, wir sind nicht verknotet aber kreisen im respektvollen Abstand durch’s All, hängen nicht aufeinander aber unsere Umlaufbahnen kreuzen sich immerzu, alles ist erleuchtet. Ich sehe aus wie eine Frau, deren Zahnbürste in deinem Regal liegt, ich berühre deine Hand wie meine und lass uns doch nachts durch die Gassen spazieren, hüpfend und vielleicht ein bisschen torkelnd (oder taumelnd?), ich führe uns nach Hause, ich weiß ja, wo du wohnst. Ich weiß es. Vertrau mir.

Ab in die Baumkrone, wir verstecken uns wie Vögel, lass uns die Geheimnisse in die Nacht hinaus zwitschern, die anderen verstehen sie eh nicht, ist doch egal, ist doch egal. Das Gold der Herbststonne bildet einen Strahlenkranz um dich.

Wollen wir noch ein bisschen kopflos sein? Ein bisschen noch. Nur ein bisschen, ja? Lass uns schaukeln, bis die Übelkeit kommt die man als Kind nicht kannte, erwachsen sein ist eben kein Zuckerschlecken. Wir machen Winterschlaf bis in den Frühling, Schulter an Schulter, alles fühlt sich doch so viel leichter an, wenn man das Fenster nachts wieder offen lassen kann, wenn man schaukelnd junge Blätter in der Hand halten kann. Mit dir halte ich Blätter am festesten, die Goldenen und die Grünen und dann trinken wir Tee, der ist eine Instanz.

Siehst du manchmal die Spinnfäden, die uns aneinander weben? In der Sonne sind sie golden und im Nebel sammeln sich Tautropfen daran, aufgereiht wie die Szenen einer Geschichte, die Rahmenhandlung, das Storyboard. Jetzt wird es langsam kalt, ab nach Hause, ich geh voran und ziehe dich hinter mir her, hektisch und eilig aber das ist kein Problem, deine Beine sind lang und das Bett steht in Flammen, ich führe uns in dein Nest denn ich weiß ja, wo du wohnst. Ich weiß das.

– Wien, 2011

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