Das wird man doch wohl noch hetzen dürfen – die FAZ & ihr Gastbeitrag zur Ehe für alle

Vor 24 Stunden habe ich den Artikel “Wir verraten alles, was wir sind” über einen Tweet von Anna-Mareike Krause gelesen:


Eigentlich wurde dazu alles schon gesagt… von mir, von anderen, und so weiter. Doch die Stellungnahme der FAZ dazu bringt mich jetzt dazu, meine Gedanken dann doch noch einmal länger aufzuschreiben und dadurch zu sortieren, auch für mich. Ich würde den ganzen Text am liebsten mit den beiden Mittelfingern in die Tastatur hacken, aber dafür sind meine Finger zu schwach. Jedenfalls: Das hat das Social Media Team der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dazu geschrieben:

Das regt mich dann doch etwas auf. Dieses Muster kennt man ja auch aus Richtungen der AfD: Erst das Fass aufmachen, ordentlich mit Gülle füllen und sich dann wundern, wo die ganze Scheiße da drin her kommt und man habe es gar nicht so gemeint.

Es ist ja nicht so, als gäbe es ein Gesetz, das besagt, dass man Gastartikel drucken MUSS. Die Redaktion hat den Artikel abgenommen, vermutlich redigiert, den Artikel ins Layout geschickt, gesetzt, gedruckt. Es ist kein Versehen, es ist nicht so, als habe das niemand mitbekommen. Ich meine: Was ist, wenn die NPD mal einen Gastartikel über Juden in der FAZ publizieren will? Können die das dann? Auch, wenn es vielleicht nicht die Redaktionsmeinung widerspiegelt, dass man sich vor dem Weltjudentum hüten müsse? Was war die Qualifikation dieses Gastautors, der offensichtlich unter Pseudonym schreibt?

Ganz besonders interessant ist die Stelle im Text, in der sich der Autor über die Intoleranz der schwulen Community aufregt:

Ich weiß nur zu gut, wie schwierig das sachliche Argumentieren dieser Angelegenheit in der Gay-Community ist – wer etwas anderes meint, wird gleich als “Verräter” gebrandmarkt.

Äh ja. Also wenn sich jemand hinstellt und erzählt, dass Schwule und Lesben viel eher Kinder missbrauchen als Heteros, dann verwundert es mich nicht, dass die Gay-Community da nicht sagt: Geiles Argument, danke! Der Gastautor kann sich ja gern mal zu ein paar Polen stellen und erörtern, wie es so ist, dass die alle Autos klauen. Oder er stellt sich mal zu ein paar Türken und fragt wie es ist, Islamist zu sein und seine Frau zu schlagen. Steile These: Ich vermute mal, dass diese Themen ebenfalls “schwierig” zu diskutieren sind.

Alle Menschen sind gleich, aber Heteros sind gleicher

Aber schauen wir uns doch mal ein paar der Thesen an:

Da haben wir jahrhundertelang um die Anerkennung unserer Differenz gekämpft, unsere Besonderheit und Auszeichnung nicht reproduktiver Sexualität (…)

Ich bin heterosexuell, habe aber viele Schwule und Lesben in meinem Freundeskreis. Ich habe noch nie mitbekommen, dass jemand gesagt hat: Ich kämpfe für das Recht, dass ich anders wahrgenommen und behandelt werde als Heteros – aufgrund meiner sexuellen Präferenz. Eigentlich hatte ich immer den Eindruck, es ginge um Gleichberechtigung und Gleichstellung, darum, dass man sagt: Schwul oder lesbisch ist nicht seltsam, sondern gehört zum Spektrum des Menschseins genau so, wie hetero zu sein, bi, trans oder sonstwie queer. Es ist “normal” (eigentlich mag ich das Wort nicht) und passt schon alles so. Aber nun gut, was weiß ich schon.

Aber die “besten” Stellen kommen noch.

“Wir wollen so sein wie alle (…)”

Nein, natürlich nicht. Schwule und Lesben wollen ausgestoßen, gebrandmarkt und dann mit Peitschen aus der Stadt getrieben werden. Oder so. Wieso so wie andere Menschen wahrgenommen werden, püh.

Aber mal im Ernst, lieber Gastautor: Nur, weil es die Ehe für alle geben wird, bedeutet das nicht, dass du mit Frauen schlafen musst. Du musst nicht plötzlich hetero werden. Chill deine Base, meine Güte.

Weiter im Text behauptet er, genau wie im Titel, dass sich Schwule und Lesben selbst verraten würden durch die Ehe für alle und das damit verbundene Adoptionsrecht. Hier meine Frage: Seit wann definiert ein anonymer Gastautor, wie sich einzelne Menschen identifizieren? Womit sie sich selbst definieren, was sie ausmacht?

Was ist das überhaupt für ein “Kinderwunsch”? Wird euch das Kind nicht zur Ware narzisstischer Selbstbefriedigung?

Auf Twitter und Co. habe ich gestern und auch generell schon öfter gelesen, der Wunsch von Schwulen oder Lesben nach einem Kind sei selbstsüchtig. Hier frage ich mich gerade, was den Wunsch eines Heteropaares nach einem Kind irgendwie altruistischer macht? Bekommen die das Kind für’s Vaterland oder was? Für die Rentenkassen? Fragen die das Spermium und die Eizelle vorher, ob die Bock haben, gemeinsam zu deren Kind zu verschmelzen? Was genau ist bitte am Kinderkriegen NICHT egoistisch und was daran ist bitte schlecht? Man bekommt das Kind, weil man es sich selbst wünscht. Idealerweise macht man das nicht für andere, sondern allein für sich. Weil man Mama oder Papa werden möchte, ganz einfach. Und das ist gut und richtig so. Man selbst hat den Wunsch, ein Elternteil zu werden: Go for it. Es ist nicht so, dass heterosexuelle Menschen anders fühlen als homosexuelle Menschen. Und es ist nicht so, dass die Beweggründe und Intentionen Heterosexueller irgendwie “ehrenhafter” oder edler als die Homosexueller sind. Der Kinderwunsch ist etwas ganz Natürliches, das vielen Menschen innewohnt. Und jeder sollte das Recht und die Möglichkeit haben, ihn auszuleben. Ob man ein gutes Elternteil ist, hängt nicht davon ab, ob man als Frau lieber Brüste knetet oder als Mann lieber in der Armkuhle eines bärtigen Riesen einschläft.

Schwul = pädophil – und andere Märchen

Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt, und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?

Das ist ziemlich harter Stoff. Dass Homosexuelle, vor allem Schwule, pädophil seien ist ein so altes Märchen wie das, dass die Juden Brunnen vergiften. Und genau so ist es einfach Unfug. Dass so etwas in einer großen deutschsprachigen Zeitung abgedruckt wird, ist ein Skandal. Und es bringt auch nichts, dass man jetzt auf “das wird man doch wohl noch fragen dürfen” macht. Wenn man das fragen darf, dürfte ich auch fragen, ob man im dortigen Ressort morgens erst einmal Aufwärmübungen mit dem rechten Arm macht, bevor man sich an die Tastatur setzt. Denn wessen Geistes Kind dieser Auswurf ist, ist ja wohl offensichtlich: Die AfD und Neue Rechte trieft aus jeder Zeile.

Übrigens hat MEEDIA auch schon eine Idee, wer das war. In der rechten Szene ist dieser Autor kein Unbekannter, auch mir begegnet sein Blog bei Recherchen im rechten Netz immer wieder:

Auch wenn dieser “Publizist” in seinem Twitter-Feed so tut, als sei es eine Verschwörungstheorie: Ich glaube kaum, dass er einen kompletten Text von der FAZ kopiert und damit eine Klage riskiert. Daher ist es durchaus wahrscheinlich, dass der Text von David Berger stammt. Laut FAZ Ist der Autor “Philosoph” und “Psychologe”, der NGOs berät. Na und ratet jetzt mal, was David Berger studiert hat ;-)…

Dieser Autor ist übrigens auch der Urheber dieser Glanzleistungen:

Schon klar, der berät bestimmt Flüchtlingshilfsorganisationen oder so.

Ich möchte hier noch einmal einen Teil aus dem MEEDIA-Artikel zitieren:

Auf die harschen Reaktionen auf den Gastbeitrag angesprochen, sagt FAZ-Redakteur Müller: „Die ‚Fremde Feder‘ ist, wie der Name schon sagt, ein Ort für pointierte, auch provozierende Debattenbeiträge von Fremdautoren. Insofern haben wir mit Reaktionen gerechnet. Uns hat dennoch die Intoleranz einiger Kommentare überrascht.“

Statt sich zu entschuldigen, wird hier ein feiger Versuch gestartet, sich aus der Affäre zu ziehen. Dass Menschen sagen: “Hallo, ich find es scheiße, dass ihr mich als pädophil darstellt”, ist also verwunderlich. Scheiß die Wand an, wer hätte damit rechnen können?!

Aber okay, das lass ich jetzt einfach mal so stehen. Nur eins noch:

Dass eine Gruppe mehr Rechte als vorher und damit dieselben Rechte wie man selbst bekommt, ist nichts Schlimmes. Es wird euer Leben nicht beeinträchtigen. Ihr könnt noch genau so viel machen oder sein lassen wie vorher. Noch genau so euer Leben lieben oder hassen, wie bislang auch. Es macht euer Leben nicht besser, wenn ihr eine Gruppe kleiner haltet, einfach nur aus Angst, dass jemand glücklicher sein könnte als man selbst.

Ende.

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10 Kommentare

  1. Danke. Find ich auch.
    Ich hätt mir halt gewünscht, dass man, wenn nicht jetzt, dann irgendwann, das Konzept Ehe grundsätzlich reformiert und auf rationale Füße stellt, für echte Gleichberechtigung dir alle.
    Aber die Ehe für ein paar mehr ist ein erster Schritt. Hoffentlich.

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  2. Ich bin mit meinen Händen in der Regel sehr zufrieden, heute hätte ich aber gerne mehr als zwei Daumen, um sie alle hochzurecken für diesen großartigen Kommentar, den ich – trotz des Ärgers über den Sachverhalt – mit viel Vergnügen gelesen habe. Danke dafür!

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  3. Hey Jasmin,

    Finde toll wie beherzt du hier schreibst, was den meisten vernünftigen Menschen genau so auf der Seele liegt. Lass dich nicht verbiegen und bewahre dir deinen kritischen Blick. Aber lass deinen berechtigten Frust am Ende jedes Artikels auch enden und sei ein glücklicher Mensch. Denn die Bergers dieser Welt haben es nicht verdient, dass man ihretwegen so verbittert und misepetrig wird wie sie.

    Chris

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  4. Danke für Deinen Kommentar! Spricht mir durchaus aus der Seele.

    re: “Uns hat dennoch die Intoleranz einiger Kommentare überrascht.”
    Genau, dann sind es plötzlich immer die anderen, die intolerant, man selbst ist es nie. (Für solche Texte ist es auch immer ein guter Test, die genannte durch eine andere Minderheit zu ersetzen und zu schauen, was passiert. Hint: Klingt meistens ultrarassistisch.)
    Ich für meinen Teil muss solch braune Suppe nicht quersubventionieren: die Kündigung für diverse FAZ-Produkte ist schon abgeschickt. Mein Geldbeutel ist da ganz intolerant. Nennt es Filterblase, aber mein hart Erspartes ist mir für so einen Schmarrn zu schade. Und ich bin nachtragend.

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