Halloumi

Andere Leute sind bestimmt auch oft traurig, denkst du und rennst zur Tramhaltestelle, nicht schon wieder die scheiß Tram verpassen, nicht schon wieder!, es ist schon super spät und es nieselt. Dein Halloumi im Brot schlackert in der dünnen Plastiktüte an deinem Handgelenk, während du die Schritte beschleunigst und kurz bevor die Türen schließen, springst du noch schnell rein – geschafft! Dein Tageshighlight und besser wird es vermutlich auch nicht mehr, es ist ja schon kurz vor zehn Uhr abends.

Aussteigen, ab in Richtung U1 an der Warschauer, du trittst in etwas, das wie ein halbaufgegessener Hotdog aussieht. Als du dich umblickst, siehst du einen komplett überlaufenen Mülleimer aber was soll’s, Berlin eben. Trotzdem irgendwie traurig und trostlos und so, vielleicht würde jemand aus Kreuzberg ein Foto davon machen und es Kunst nennen, traurige Kunst halt, kein Plan. Beim genaueren Hinschauen bemerkst du, dass der meiste Müll Essensreste oder Servietten oder Pappteller oder Plastikbesteck oder Kaffeebecher sind, alles Relikte dieser unsäglichen Unterwegs-schnell-noch-was-essen-Kultur. Das muss doch nicht sein, denkst du, dieses unterwegs essen, was soll das, kann man nicht eine Stunde warten, bis man dann eben zu Hause oder im Hotel ist und sich hinsetzen kann wie jeder andere Otto-Normal-Traurige. Essen muss man doch zumindest der Form halber genießen und nein, du denkst sicher nicht, dass du ein verfickter Gourmet bist, wenn du dir morgens deine zwei labberigen Scheiben Toast in den Toaster steckst. Dennoch kann man sich doch die kurze Zeit nehmen, du frisst deinen Halloumi ja hier auch nicht vor allen Leuten auf der Straße wie ein Tier, das direkt am Ort des Gemetzels beginnt, sich an dem erlegten Kadaver zu laben. Fehlt ja nur noch, dass sich alle auf ihre scheiß Knie werfen. Das macht dich halt auch wieder traurig, diese Hektik, dieses Gerenne, das ist doch alles nichts, denkst du. Und nicht nur traurig macht dich das, nein, es macht dich auch einfach fertig.

Fertig steigst du dann die drei Stockwerke in die Wohnung hoch, du gehst ins Bad, Hände waschen weil eklige Öffi-Hände, dann pinkeln (wer fasst seinen Schwanz denn auch mit Öffi-Händen an), dann halt nochmal Hände waschen. Der Halloumi liegt auf der Waschmaschine und wartet geduldig, während du dich fragst, was für eine komische WG das hier ist, da liegen ja nichtmal Comics neben der Toilette, wieder traurig. Bei ihr zu Hause lagen Katz & Goldt Bücher auf dem kleinen Tisch neben dem Waschbecken, die hast du immer gelesen, wenn du auf der Schüssel saßt, das war schön. War eh alles schön mit ihr, ist jetzt aber halt auch vorbei.

Du gehst in dein Zimmer, der Halloumi ist mittlerweile kalt geworden und matt stopfst du das Zeug in dich rein, aber sitzend, mit Serviette und so, du bist zwar traurig aber immer noch kein Tier, du hast immerhin noch ne scheiß Würde, Herrgott, auch wenn du das Zeug in deinem Bett frisst und dir dein Kater dabei zusieht. Kann eh nicht sprechen das Vieh, wem soll er’s also erzählen, ist doch eh peinlicher, dass du dabei auch noch Maischberger schaust, auch egal.

 


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