Kontrolle.

Wann du verlernt hast, Kontrolle abzugeben, kannst du nicht mehr genau sagen. Als Kind ging es schon irgendwie nicht mehr richtig, zum Beispiel beim Einschlafen. Bis heute fürchtest du den Moment, in dem das Bewusstsein hinübergleitet, dir entgleitet, der Moment, in dem du die Kontrolle über dein Ich und deinen Körper an unbewusstere Hirnareale und deine Umwelt abgibst. Leute, die sagen: Ich liebe es, zu schlafen!, hast du nie verstanden. Wie kann man etwas lieben, das man gar nicht mitkriegt? Lieben die es dann auch, tot zu sein? Tot sein ist nichts für dich.

Kontrolle abgeben geht auch beruflich nicht, daher bist du selbstständig. Du musst alles selber steuern, die Notbremse ziehen, falls nötig. Dein Leben hast du dir so gebaut, dass du alles im Griff hast und selbst steuerst. Du krallst dich in alles, als seist du die ganze Zeit kurz vorm Ertrinken. Du fühlst dich gehetzt, gejagt, hast das Gefühl, als sei alles ganz knapp, als wollten alle dauernd Dinge von dir und du rennst davon, weil du selbst bestimmen willst. Du kannst einfach nicht loslassen, nichtmal beim Sex. Da bist du immer oben, weil es dich nervös macht, wenn sie den Ton angibt. Wenn du nicht antizipieren kannst, was als nächstes kommt.

Als du sie getroffen hattest, faszinierte dich ihr Schweben. Ganz ehrlich, sie hatte wirklich nichts in ihrem Leben auch nur ansatzweise unter Kontrolle, aber auch keine Loslassenangst, sie stürmte und schwebte und fiel und fing sich wieder auf. Immer und immer wieder. Hast du nicht verstanden. Hatte sie keine Angst? Wenn du ihr in die Augen geschaut hast, sahst du nur blaue Tiefe, du sahst den Marianengraben, der dir das Fürchten lehrte, ganz ehrlich. Irgendwas zog dich hinein, es war wie das Gefühl, das man manchmal an Gleisen hat. Das Gefühl, dass eine weit entfernte Stimme einem befahl, da jetzt runterzuspringen, was natürlich total absurd war. Lagt ihr ganz nah beinander und berührten sich eure Nasenspitzen, hörtest du jedes Mal diese Stimme. Spring. Spring. Spring.

Das ging natürlich nicht, sowas machen doch nur Verrückte, dieses Springen und Loslassen und all das, das ist irrational, das ist falsch. Du hast sie weggeschoben, erst im Bett, dann aus deinem Leben, das Herz schlug dir bis zum Hals, Panik, Panik, Panik. War. Das. Knapp. Zu nah. Alles zu nah. Alles nicht vorhersehbar, zu wenig Kontrolle, zu wenig Verstehen. Du siehst all die Liebenden um dich herum und verstehst aber nicht. Haben die keine Angst. Stürzen die nicht ineinander. Verletzen die sich nicht. Was. Ist. Da. Los.
Manchmal siehst du sie noch beim Einkaufen oder wenn du deinen Hund ausführst und sie im Park liest. Wenn sich eure Blicke jetzt kreuzen, ist der Strudel versiegt. Kein Marianengraben mehr, keine Tiefe, es war, als hätte sie ihre Hände über die Augen gelegt, damit du keinen Zugang mehr hast (vielleicht tat sie es auch wirklich, du keine Ahnung).

Seitdem hast du das Gefühl, wieder freier zu atmen. Allein zwar, aber es reicht doch auch irgendwie, alle zwei bis drei Monate kurz jemandem ein bisschen nah zu kommen und dann weiterzuziehen. Richtig nahkommen ist für Taucher und du hasst Schwimmen schon seit du in der dritten Klasse warst, vom Tauchen gar nicht zu sprechen. Klar hast du auch Sehnsucht nach mehr, klar denkst du manchmal, dass dein System Fehler haben könnte. Aber eigentlich ist es schön, wenn alles wie immer bleibt.

So richtig schön unter Kontrolle.

 


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