Die Höcke-Rede in Eisleben: Kriegsfantasien und Sprache

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz durch die rote Armee befreit. Seit ungefähr 20 Jahren feiern wir diesen Tag als Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Die meisten Politikerinnen und Politiker der Parteien links der AfD und NPD äußerten sich dazu auf Twitter, um ihre Anteilnahme zu zeigen – nur bei der AfD war es verdächtig ruhig. Von ihnen kam genau: Nichts. Hier und da ein Tweet über den Kinderkanal oder den Parteitag, sonst war Ruhe. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Wohl kaum.

Als Strache auf dem rechten Akademikerball den Antisemitismus auch in den eigenen Reihen verurteilte, ging anschließend durch seine Anhänger ein Shitstorm auf ihn nieder. Die AfD hat sich das wohl angeschaut und beschlossen, die Füße still zu halten und den Tag einfach so verstreichen zu lassen. Das passt gut zur “erinnerungspolitischen Wende”, die sich Björn Höcke ja so sehr wünscht.

Das hier wird lang. Wenn du Scanner-Leser bist, kannst du dich an den Überschriften und am Fettdruck langhangeln. Aber bitte lies wenigstens kurz rein. Überflieg es. Bleib hier und da hängen, denn: Das ist wichtig. Es ist eine subjektive Interpretation der Worte. Wenn du andere Ideen, Interpretationen und Anmerkungen hast: Tob dich gern im Kommentarbereich aus!

Rassistische Ausfälle sind schon Alltag

Gerade lese ich parallel zur Hitler-Biographie von Joachim Fest die Tagebücher des deutschen Juden Victor Klemperer, die die komplette Herrschaft des Nationalsozialismus abdecken. Es ist erschreckend zu sehen, wie viele Parallelen es zum Aufstieg der AfD gibt. Und es ist erschreckend zu sehen, wie sich das alles immer stärker normalisiert.

Und Normalisierung ist schon an der Tagesordnung. Wenn ein AfD-Politiker mal wieder einen verbalen Ausfall hat, nehmen wir es mittlerweile hin. Wir sagen “lasst die doch, wir können nicht bei jeder Äußerung was sagen, die wollen doch die Aufmerksamkeit”. Ja, die wollen sie und ja, das ist auf jeden Fall kalkuliert. Aber schon zu Zeiten Hitlers dachte man: Ach, lasst die doch. Nicht jedes Mal ein Fass aufmachen. Die sind halt so, einfach ignorieren! An das, was diese Strategie des Aussitzens, Aushaltens und Schweigens gebracht hat, erinnern wir uns jetzt jeden 27. Januar und darüber hinaus.

Höckes rassistische und demokratiefeindliche Rede in Eisleben

Am 20. Januar hat Björn Höcke mal wieder eine seiner Reden gehalten, diesmal in Eisleben. Er sprach über den Islam, die Politik, das Klima, pipapo. Dabei sind mir deutliche Parallelen einerseits zu einer Rede des Identitären Martin Sellner aufgefallen, in der dieser beschreibt, wie er die Macht im Staat durch eine “friedliche Revolution” an sich reißen will, als auch solche zur Machtergreifung Hitlers und der Strategie und Entwicklung der NSDAP.

Deshalb habe ich mir einfach ein paar Passagen herausgegriffen, um sie zu analysieren und ja, ich werde es immer wieder tun. Da ich es furchtbar finde, wie wir uns an diese Diktion schon gewöhnt haben und wenn man genau hinhört erkennt man, dass es genau das ist, was die Rechten wollen: Die Sprache kontrollieren und damit auch unser Denken so beeinflussen, dass solche Einstellungen immer stärker normalisiert werden.

Los geht’s. (Grammatikfehler und seltsame Satzbauten habe ich nicht geändert).

“Liebe Patrioten, ich freue mich, hier zu sein.”

Da geht’s schon los. Patrioten, nicht Damen und Herren (Frauen werden während der kompletten Rede übrigens nicht einmal angesprochen, es sei denn, es geht um sie als Opfer. Dann jedoch wird aber auch nur in der dritten Person über sie geredet). Damit ist auch schon klar, woraus sich das Publikum zusammensetzt.

“Ich habe größte Freiheit bei der Redegestaltung gehabt, die habe ich auch gleich ausgenutzt, du wirst es gleich sehen, Robert.”

Auch das stimmt. Denn was er so äußert strotzt nur so von Kriegsfantasien, Besatzungsträumen, Geschichtsvergessenheit und Rassismus. Hätte ein deutscher Politiker und Abgeordneter vor 10 Jahren so eine Rede gehalten, wäre es ein Skandal. Jetzt ist es komplett normal. Ist halt der Höcke, ist ja nicht so schlimm. Kennt man ja, macht der Immer.

“(…) dass diese Partei einen besonderen Auftrag hat, denn diese AfD, unsere junge Partei, unsere zukünftige Volkspartei, ist die letzte evolutionäre Chance für unser Vaterland, liebe Freunde, und das wird sie auch bleiben.”

Nein, ich habe mich hier nicht verhört, diese Passagen kommen noch zwei Mal in der Rede vor. Er spricht von “evolutionärer” Chance, nicht von revolutionärer. Das zeigt, dass seine komplette Ideologie auf einem rassistischen Biologismus beruht. In seiner Vorstellung sind anscheinend nicht alle Menschen gleich, er unterscheidet Menschen nicht nur in verschiedene Kulturen, sondern allem Anschein nach auch in verschiedene Arten, die um Lebensraum, gute Gene (=evolutionärer Vorteil/Sieger) und die Vorherrschaft kämpfen. Stichwort “afrikanischer Ausbreitungstyp”.

Und wer hat schon einmal um “reine” Gene und Lebensraum gekämpft? Richtig, Adolf Hitler im Zuge der Judenverfolgung und seinen Plänen zur “Osterweiterung”. Himmler gab den sogenannten “Generalplan Ost” in Auftrag, was bedeutete: Eine “Germanisierung” der Ostgebiete und Vertreibung und Auslöschung der “rassisch unerwünschten” Menschen.

Diese Fixierung auf unseren Grund und Boden, auf unseren Lebensraum hört man während der kompletten Rede heraus. Später spricht er noch verklausuliert von Machtergreifung am Bosporus und immer wieder von Landesgrenzen, die es zu verteidigen gilt.

Nachtrag: Bei anderen Leuten würde man vielleicht sagen “okay, ist zweideutig, könnte auch Marx sein” – nicht aber bei Höcke. Das ist kein Zufall, dass er das immer so formuliert, dass man heruminterpretieren muss. Gerade jemand, der vom afrikanischen Ausbreitungstyp spricht? Na geh.

Frauen als zu beschützende Opfer

“Ich will eingangs einige Sätze zu Kandel formulieren, die mir richtig und wichtig erscheinen. Das polit-mediale Establishment dieses Landes versucht uns einzureden, dass Kandel, also der Mord an der 15-jährigen Mia durch einen wahrscheinlich nicht minderjährigen unbegleiteten Flüchtling eine gewöhnliche Beziehungstat mit lediglich regionaler Bedeutung sei. So hörte man es von morgens bis abends in den etablierten Medien, das ist auch der Tenor der Stellungnahmen der Altparteien-Politiker.”

Hier finde ich die ganzen Neologismen und umgedeuteten Worte interessant. Umberto Eco postuliert in seinen 14 Prinzipien des Urfaschismus, dass dieser “Neusprech” spräche. Solche Formulierungen wiederholen sich ständig und in der Gemeinschaft der Neu-Rechten fallen diesen oft harmlos aussehenden Begriffen ganz bestimmte Bedeutungen und Konnotationen zu. Später wird er, genau wie Martin Sellner, erklären, wieso Begrifflichkeiten so wichtig sind. Diese Formulierungen sind also kein Zufall.

“Diese jungen Männer, die man ins Land gelassen hat, kommen aus archaischen tribalen Kontexten. Sie kommen aus Stammesgesellschaften (…)”

Wenn man das alles hört, hat man sofort das kolonialherrschaftliche Bild des “Wilden” im Kopf: unzivilisiert, gefährlich. Schon zur Zeit der Kolonien haben Kolonialmächte durch solche Beschreibungen und Diktion versucht, die Ureinwohner Afrikas, Nordamerikas, Australiens etc., und später auch die Nationalsozialisten die Juden zu entmenschlichen und diese Gruppen unterlegen darzustellen. Sie sollen als Bedrohung unserer “höheren” Kultur wahrgenommen werden, es wird eine emotionale Distanz hineingebracht, die Mitleid vermindert und Hemmschwellen senkt.

Der Holo-was?

“Dort Mia, ein junges Mädchen, das nicht aufgeklärt wurde, das im Gegenteil von den Schulen, durch die sie gegangen ist, von den Fernsehsendern, die sie wahrscheinlich geguckt hat, noch dazu ermutigt worden ist, in fahrlässiger und lebensbedrohlicher Art und Weise sich mit einer Kultur einzulassen, die tödlich sein kann. Mia als Mensch aus unserem Volk, ein Volk, das durch den Humanismus gegangen ist, das durch die Aufklärung gegangen ist, das durch und durch pazifiziert ist, also friedfertig ist. Ein Volk, das gelernt hat, das Gewaltmonopol des Staates zu achten. Das gelernt hat, dass das Recht des stärkeren niemals zu einer vollendeten Staatlichkeit führt, wie wir sie aufgebaut haben und wie wir sie leben durften. Ein Volk, das über Jahrhunderte in eine Vertrauensgesellschaft aufgebaut ist, das ist das Produkt von Jahrhunderten gewesen, diese Vertrauensgesellschaft, die auch die Basis unseres wirtschaftlichen Erfolgs im Übrigen ist, die wird jetzt in wenigen Jahren zerstört.”

Diese längere Passage ist sehr interessant. Erst einmal kommen, wie eingangs schon erwähnt, Frauen nur als Opfer des archaischen und gefährlichen Feindes vor. Schon die Nationalsozialisten schürten die Angst bei deutschen Männern, “der Jude” würde sich an den deutschen Frauen vergehen und sie schänden. Es wird an eine gewisse Definition von Ehrgefühl und ein ganz bestimmtes Bild von Männlichkeit appelliert (das übrigens – haha! – archaisch ist), die unschuldigen deutschen Frauen vor den gefährlichen Juden/Moslems/wer auch immer gerade Feindbild ist, zu schützen.

Was darauf folgt, trägt für mich den Hauch des Versuchs, an der Kante zum Geschichtsrevisionismus so entlang zu balancieren, dass es nicht in Konflikt mit bestehendem Gesetz kommt, aber doch von der Zielgruppe verstanden wird.

Höcke stellt unsere deutsche Kultur und Geschichte als überlegen dar und vergisst da bei der seit “Jahrhunderten” ohne Störung gewachsenen Kultur doch ein paar “Kleinigkeiten”, zum Beispiel den Holocaust. Es klingt so, als sei das deutsche Volk (!! Volk, immer das Volk, ebenfalls ein rechter und biologistischer Kampfbegriff in diesem Kontext) seit der Aufklärung ein aufstrebender Heilsbringer, das vor Kunst, Kultur, Freiheit und Gleichheit nur so strotzt. Es klingt, als hätten wir hier seit Jahrhunderten eine blühende Republik, gar eine Demokratie. Als sei dieser Aufstieg ungebremst und wunderschön. Kurz: Als hätte es die Shoah, den Holocaust nie gegeben oder stehe nicht im Widerspruch mit dem reinen, humanistischen deutschen Volk – oder beides. Man kann es also deuten als: Holocaust? Nie gehört. oder auch als Holocaust? Halb so wild.

Wie beides zu bewerten ist, muss ich hier ja kaum ausführen. Und apropos Vertrauensgesellschaft: Gestapo? Stasi? I don’t think so.

Gleichberechtigung Level AfD

“Es war ein Angriff auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die für uns nicht verhandelbar ist.”

Aha, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist für die AfD also nicht verhandelbar. Dann gucken wir uns doch mal ein bisschen das Frauenbild der AfD an.

Die Partei wirbt für eine Rückabwicklung der Errungenschaften zum Thema Gleichstellung, die die Frauenbewegung in vielen Jahrzehnten hart erkämpft hat. So will sie laut Parteiprogramm zum Beispiel das Antidiskriminierungsgesetz abschaffen: “Vertragsfreiheit bewahren. Die AfD tritt für die Bewahrung bzw. Wiederherstellung der bürgerlichen Selbstbestimmung im Zivilrechtsverkehr ein. Deshalb lehnen wir sogenannte ,,Antidiskriminierungsgesetze“ ab.” Solche Maßnahmen bezeichnet sie als „Genderwahn und Gleichmachung von Geschlechtern unter einem ideologisch verbrämten Etikett“ (AfD Hessen). Höcke fordert „schädliche, teure, steuerfinanzierte Gesellschaftsexperimente, die der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung dienen“, abzuschaffen. Frauke Petry forderte, als sie noch in der Partei war, dass es als wünschenswert angesehen werde, wenn eine „normale deutsche Familie drei Kinder hat“. Na und ratet mal wer zu Hause hockt und diese drei Kinder erzieht? Richtig. Wir Frauen. Frauenbeauftragte möchte die Partei gerne abschaffen, Alleinerziehenden solle die Unterstützung gekürzt werden, was auch wieder hauptsächlich Frauen betrifft. In der Fantasie der AfD gibt es eine Meldepflicht für Abtreibung und damit auch ein Abtreibungsregister.

Sagt es mir, wenn ich falsch liege, aber Gleichberechtigung sieht für mich anders aus. Wie sagt Hagen Rether so schön: “Mit dem Balken im Auge den anderen totschlagen, weil dieser einen Splitter im Auge hat.“, womit er sich auf Matthäus bezieht.

“Und in Kandel war das diesmal anders. In Kandel, das ist der tiefste Westen, das ist das Land, oder der Teil dieses Landes, in dem die Umerziehung und die Materialisation, der Konsum, unsere Landsleute 75 Jahre lang breiig im Hirn gemacht hat.”

Hier sind gleich drei Sachen sehr auffällig. Erstens finde ich es interessant, wie antikapitalistisch Björn Höcke sich in seiner kompletten Rede gibt. Später hangelt er sich sogar an Marx und Gramsci bei seiner Argumentation entlang, ich dacht ich hör nicht recht(s, höhö ja ok bin still). Direkt fiel mir hier die Parallele zum Nationalsozialismus auf, der den Kapitalismus ebenfalls ablehnte, aber eben, weil er etwas “Jüdisches” war. Hier würde mich mal genauer interessieren, wieso genau Höcke den Kapitalismus so ablehnt, wo andere Funktionäre in seiner Partei doch genau diesen feiern und nutzen. Später sagt er auch noch:

“Nein zum Marxismus, nein zum Kommunismus, aber ich sage auch Nein zum Turbokapitalismus amerikanischer Provenienz, liebe Freunde. Wir brauchen einen anderen Weg um die Zukunft zu gehen, solidarischer Patriotismus ist hier schon gefallen, ja zum solidarischen Patriotismus, ja, zu einem kontinentaleuropäischen, zu einem vor allem auch von einem deutschen Denker erdachten Art des marktwirtschaftlichen Miteinanders, ja zu einem solidarischen Miteinander in der Marktwirtschaft, ja zur solidarischen Marktwirtschaft.”

Anti-Amerikanismus geht oft auch mit Antisemitismus einher. Er geht leider nicht tiefer auf das Warum ein, doch irgendwie habe ich so eine Ahnung. Er sagt ja auch Dinge wie: „Christentum und Judentum stellen einen Antagonismus dar. Darum kann ich mit dem Begriff des christlichjüdischen Abendlands nichts anfangen.“

Christentum und Judentum gehören – wie der Islam im Übrigen auch – zu den abrahamitischen Religionen. Antagonistisch, naja, wenn er meint. Ein großer Christ ist er ja auch nicht, aber das kommt später. Ich würde auch gern mal hören, was er mit solidarischer Marktwirtschaft meint. Sie steht ja schon irgendwie der sozialen marktwirtschaft antagonistisch (höhö) gegenüber, oder? Ich bin keine Ökonomin, ich weiß es nicht.

Vor 75 Jahren alles entspannt?

Viel teuflischer finde ich jedoch die zweite Implikation, die das Ausgangszitat, das ich hier gerade bespreche, in sich trägt. Höcke sagt, dass uns seit 75 Jahren das Hirn breiig gemacht werde. Das impliziert, dass es davor nicht der Fall war. Vor 75 Jahren hatten wir 1943, das Jahr, in dem Goebbels während seiner Sportpalast-Rede den “totalen Krieg” gefordert hatte. Ein Jahr, nachdem in Auschwitz die industrialisierte Massenermordung der Juden so richtig begann. Höcke findet also, dass damals die Hirne der Deutschen nicht breiig waren? Dass vorher alles paletti war und das deutsche Volk (!) jetzt erst verführt werde?

Einfach mal Augen zumachen und wirklich darüber nachdenken, was diese Passage beinhalten kann.

Die folgende dritte Implikation, die dieses Zitat hat, ist dieser selbstentlarvende Versprecher im Bezug auf West- und Ostdeutschland. Westdeutschland scheint für ihn ein ganz anderes Land zu sein. Das spürt man auch in dieser späteren Passage:

“Und ich hab immer gesagt, wenn es noch mal eine Wende zum Guten für dieses Land und dieses Volk gibt, dann wird der Impuls im Osten entstehen und er wird vom Osten, er wird von uns in Richtung Westen gehen.”

Na danke auch.

So oder so: Die AfD ist auf die sogenannte “Mauer in den Köpfen” angewiesen. Höcke und die eher völkischen Hardliner sind für Ostdeutschland zuständig und konzentrieren sich darauf dafür zu sorgen, dass sich die Ostdeutschen weiterhin stark benachteiligt fühlen. Im Westen findet man die oft eher marktliberalen AfD-Funktionäre, die die Themenschwerpunkte der Zielgruppe gemäß etwas anders setzen. Perfekte Arbeitsteilung.

Höcke und das Christentum: eher angespannt

“Der Christ, und wir sind alle in diesem Land auch irgendwie christlich geprägt, auch wenn das Christentum verdientermaßen, wenn ich die Kasper in den Kirchen Führungsetagen sehe, Gott sei Dank verdientermaßen unter einem bedeutsamen Mitgliederschwund leiden, verdientermaßen.”

Jaja Landolf, komm, is gut. Wir wissen ja, dass du ziemlich begeistert bist vom Germanenkult und Co. Weißt du übrigens, wer das auch war? Richtig: Hitler und seine Freunde.

Falls ihr nich wisst, wer Landolf Ladig ist, hier ein Screenshot einer Webseite des Zentrums für Politische Schönheit:

Quelle: Screenhot landolf-ladig.de

Die AfD-Spitze ist sich nach einem Gutachten sicher, dass Höcke früher unter dem Pseudonym Landolf Ladig für die NPD geworben hat. Trotzdem gilt er nach einem erfolgreich im Sande verlaufenen Parteiausschlussverfahren mittlerweile als rehabilitiert.

Aber zurück zum Thema.

Anfangs noch, das kann man in den Tagebüchern Victor Klemperers gut nachvollziehen, nutzten die Nazis das Christentum noch als Deckmäntelchen, unter dem sie ihre wahren Positionen versteckten. Schon wenige Wochen nach der Machtergreifung Hitlers tauchten entsprechende Hinweise auf. So schrieb Klemperer am 3. April 1933: “Am Sonnabend rote Zettel an den Geschäften: “Anerkannt deutschchristliches Unternehmen”.” Vor jüdischen Geschäften stand die SA mit “Kauft nicht beim Juden”-Schildern. Kleine Nebeninfo an dieser Stelle: Der Vize-Parteichef der AfD Kay Gottschalk rief gerade erst zum Boykott türkischer Läden auf. Noch gab es Widerstand aus den eigenen Reihen und in der Bevölkerung dazu – doch wie lange? Der Judenboykott hat übrigens auch bei den Nazis erst nicht so gut funktioniert. Es hat eine Weile gedauert, bis die Bevölkerung so weit war, sich dem zu fügen. Aber zurück zum Christentum.

Irgendwann ist auch Hitler umgeschwenkt und hat sich offen feindlich gegen die Kirchen positioniert und plante angeblich, eine Art eigene Religion, die an den Germanenkult angelehnt sein sollte, zu erschaffen.

“Das Christentum, liebe Freunde, und ich erinnere an Jesus Christus, ich bin christlich erzogen, bin dann aber durch die Beschäftigung mit der Philosophie meiner Glaubensgewissheit verloren gegangen, bin aber keiner, der sich als Atheist bezeichnen würde. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass es etwas gibt, das uns leitet. Aber Gott ist eher in mir, braucht die Institutionen nicht.”

Das sagt Höcke. Ihr könnt eure Schlüsse ja selbst ziehen.

Begehrlichkeiten und Kriegsfantasien am Bosporus?

Jetzt kommt das Zitat, das ich am entlarvendsten finde:

“Das, was wir jetzt noch nicht durchsetzen können, weil wir noch nicht die Macht haben, aber wir werden die Macht bekommen, und dann werden wir das durchsetzen, dann werden wir das durchsetzen was notwendig ist, damit wir auch noch in Zukunft euer/unser freies Leben leben können. Dann werden wir nämlich die Direktive ausgeben, dass am Bosporus mit den drei großen M, das heißt Mohammed, Muezzin und Minarett, Schluss ist, liebe Freunde.”

Der Bosporus ist eine Meerenge zwischen Europa und Asien und trennt die Stadt Istanbul in zwei Teile. Kurz: Höcke spricht hier von der Türkei. Er spricht quasi davon, den Islam in der Türkei abzuschaffen. Wie er das machen will? Tja. Hier geht es ihm also wohl nicht mehr um die “Verteidigung” des “Abendlandes”. Hier spricht er zwar verklausuliert, aber doch offensichtlich von “Direktiven” und der Ausdehnung der “Macht” (was auch immer das sein soll) bis auf türkisches Staatsgebiet. Das geht natürlich nur, wenn man die Türkei einnimmt, und wie nimmt man Länder ein? Genau, durch einen Angriffskrieg wie Hitler damals beim Überfall auf Polen. Diese Bestrebungen interpretiere ich auch in dieses Zitat hinein. Bei jedem anderen wäre es vielleicht unklar, aber nicht bei Höcke. Er lässt extra viel Interpretationsspielraum wie auch beim “Denkmal der Schande”, sodass es gerade noch so geht, die Zielgruppe aber versteht, was dahinter steckt. Das ist kein Zufall.

Eine Direktive ist übrigens eine Anweisung, die von einer übergeordneten Stelle gegeben wird. Das kann man durchaus so lesen, dass Björn Höcke davon spricht, dass sie (=die AfD?), sobald sie an der Macht in unserem Staat sind, Anweisung geben werden, in muslimische Länder kriegerisch einzufallen und den Islam auszurotten. Man kann die Passage wie gesagt auch so lesen, als würden die Muslime am Bosporus stop machen und diesen nicht überqueren. Aber was bedeutet das für den Teil der Türkei auf der europäischen Seite? den muslimisch geprägten Kosovo? Und die Muslime generell in Europa? Und: Wenn er es so meint, wieso sagt er es nicht eindeutig so? Bei Höcke glaube ich einfach nicht an Zufälle und “Versehen” oder “Missverständnisse”.

Lebensraumerweiterung, ihr erinnert euch? Well. Auch noch eine nette Stelle zum Islam, übrigens:

“Ein Muslim, der friedlich hier lebt und der sich ohne wenn und aber im öffentlichen Raum an Recht und Gesetz hält, dem muss man tolerieren.”

Noch, würde ich mal nach der vorhergehenden Passage sagen? Und muss = man will aber nicht.

“Wir müssen die De-Islamisierung Deutschlands und Europas vorbereiten.”

Das passt wieder zu den Machtfantasien. An anderer Stelle spricht er nämlich von Kontinentaleuropa (!!!) und ich bin mir nicht sicher, dass er hier im Zitat die EU meint, der er ja auch kritisch gegenübersteht. Ich persönlich vermute eher, er meint das geographisch – und das würde eben einen Teil der Türkei beinhalten.

Quelle: Wikimedia Commons

Eine De-Islamisierung setzt ja auch eine Islamisierung voraus, und die ist eben nur in Ländern wie der Türkei überhaupt gegeben, was den Verdacht erhärtet, er möchte ein bisschen Kriegsherr spielen.

“Wir vergessen niemals, dass diese Ideologie [Anm: Marxismus] die menschenverschlingeste Ideologie in der Geschichte der Menschheit mit über 100 Millionen Toten war.”

Falls ihr euch fragt, woher diese Zahl kommt: Ich denke er zieht sie aus dem “Schwarzbuch des Kommunismus”, in dem der französische Herausgeber Stéphane Courtois die Opferzahl des Kommunismus auf 100 Millionen schätzt. In dem Buch werden dem dann 25 Millionen Opfer des Nationalsozialismus gegenübergestellt, was eine verengte Darstellung der Opferzahl des NS-Regimes darstellt. Man geht in der Regel eher von 80 Millionen Todesopfern durch den Zweiten Weltkrieg (der ja eine direkte Folge des NS-Regimes ist) aus.

So oder so ist es wieder bemerkenswert, wie er in der kompletten Rede keinen Ton über das NS-Regime und die Nationalsozialisten fallen lässt, den Holocaust komplett unter den Tisch fallen lässt, jedoch ausschweifend über den Kommunismus spricht (den ich übrigens auch als falsch empfinde, das mal so am Rande). Weil ja die NS-Ideologie so gar nicht menschenverschlingend und kaum der Rede wert war, ne? Die paar Millionen Opfer, meine Güte, ist jetzt auch mal gut! Erinnerungspolitische Wende, blablabla usw.

(Update: Auch andere Medien, u.a. die WELT, interpretieren es so, dass er den Islam in der Türkei verbieten lassen wolle.)

Höcke bedient sich bei Marxisten und Kommunisten

“Ich habe drei große Impulse durch Antonio Gramsci gekriegt. Der erste nennt sich Hegemonie durch Assimilation. (…)  Das weist auf die Gefahr hin, in der die AFD immer noch ist. Denn das System ist ja noch machtvoll. Es hat immer noch die großen Medien in der Hand, es ist über Jahrzehnte zu einem sehr schlagkräftigen System herangewachsen. Und das bedeutet, dass das System nichts anderes macht, als zu gucken, wo gibt es denn in dieser neuen Parteikräfte, die wir durch ein kleines Entgegenkommen, sodass der große Konsens nicht mehr infrage gestellt wird, irgendwie raus trennen können. Wo können wir den Spaltkeil hinein treiben?”

Hier finde ich es interessant, wie sich Höcke anscheinend als Antagonist zum herrschenden System sieht. Unser aktuell herrschendes System ist eine parlamentarische Bundesrepublik, die sich als freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat aufgestellt hat. Höckes Formulierung macht klar, dass er sich nicht als Teil des Systems sieht, er sieht es als etwas, das seiner eigenen Ideologie feindlich gegenüber steht.

Jaja, aber die AfD ist nicht demokratiefeindlich, natürlich nicht. “Das System” ist etwas, das er und seine AfD-Freunde gerne abgeschafft sehen würden, das geht aus vielen Interviews und anderen Reden hervor. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass er unsere Demokratie, wie wir sie kennen, abschaffen will. Sowas wollen eigentlich nur Verfassungsfeinde.

Mit Sprache reißt die AfD erst den Diskurs und dann schließlich die politische Macht an sich

“Das zweite, was Antonio Gramsci mir mitgegeben hat, ist die Sensibilität für die Notwendigkeit des Kampfes um die Begriffe. (…) Wer die Begriffe prägt, der prägt die Sprache. Wer die Sprache prägt, der prägt das Denken. wer das Denken prägt, prägt den politischen Diskurs, und wer den politischen Diskurs prägt, der beherrscht die Politik, egal, ob in der Opposition ist oder in der Regierung. Kampf um die Begriffe.”

Das ist ein super super super wichtiger Punkt und auch der Grund, wieso ich das alles mache. Wieso ich nicht sage “ach komm, ist okay”.

Der Identitären-Chef Martin Sellner erklärt das im weiter oben verlinkten Video ganz gut. Ich möchte es deshalb hier nochmal mit Timestamp posten, weil es ab Minute 16 wirklich interessant und entlarvend wird. Hört genau hin, ich frage mich, wieso das Video nicht bekannter ist. Das ist der Grund, wieso ich mir wegen der Identitären und auch der AfD so große Sorgen mache, denn: So funktioniert in der Tat der Umsturz einer Hegemonie. Und wir sind mitten drin.

Eine gewaltsame Revolution ist immer ein Risikofaktor. Sie beinhaltet Zwang und Druck und die Bevölkerung nimmt sowas meist übel, da sie sich bei kriegerischen Handlungen wie einem Bürgerkrieg natürlich bedroht fühlt, Angst hat und körperlich und ökonomisch Schaden nimmt. Die Geburt eines neuen politischen Systems durch einen Bürgerkrieg ist ein riesen großes Risiko.

Besser ist es: Man dreht es um. Man versucht, den Diskurs an sich zu reißen. Man kapert die Sprache, man sagt: Hey, ihr seid jetzt schon bedroht, ihr seid von außen bedroht und jetzt kommen wir und regeln das. Man führt eigene Sprachregelungen ein, “Neusprech”, wie Umberto Eco es nennt. Gutmensch, Lügenpresse, linksgrünversifft, Eliten, Bonzen, Merkeldeutschland, all das. Wenn man die “herrschende Ideologie” verändert – Höcke nennt es Zeitgeist – dann wird sich das politische System mitändern, und genau das passiert gerade. Die AfD sitzt im Bundestag. Rechtskonform, demokratisch gewählt. Doch demokratisch gewählt heißt ja nicht direkt okay.

Wittgenstein formuliert es so: “Sprache schafft Wirklichkeit”. Und es stimmt.

“Flüchtling, dass ist jetzt ein Kampfbegriff. Flüchtling, der erzeugt Anteilnahme, Mitleid. Und damit generiert man bei der Bevölkerung, die schon an der Schmerzgrenze lange gekommen ist, eine Aufnahmebereitschaft weit über die eigene Belastungsgrenze hinaus. Liebe Freunde, die kräftigen jungen Männer aus Afrika, die dritten und vierten Söhne afrikanischer und arabischer Großfamilien, die ihre Smartphones nie verlieren, aber immer ihre Pässe, das sind Glücksritter, das sind Hasadeure, die ihr Glück in Europa versuchen, aber eins sind sie mit Sicherheit nicht: Flüchtlinge.”

Und:

“Ihr könnt euch noch erinnern, die unselige DDR, die hat, und ich sei das nachkommen von Ostvertriebenen, die hat die Flüchtlinge, die aus dem deutschen Ostgebieten kamen, als Umsiedler bezeichnet. Und wir durften, wenn wir von Flüchtlingen sprachen, von Ostflüchtlingen sprachen, immer nur von Umsiedler reden. Damit wollte man das Leid, das diesen Menschen zugefügt war, worden ist, denn es waren ja nur Deutsche, es waren die Kriegsverlierer, das durfte nicht thematisiert werden, damit wollte man das Leid aus politischen Gründen minimieren. Diese 12 Millionen Menschen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien, Frauen, Kinder, und alte, die jungen Männer waren alle an der Front, die flohen 1945 vor der Roten Armee. Ihre Tracks wurden von Panzern überrollt, sie wurden von Tieffliegern beschossen, 2-3.000.000 von 12 Millionen verloren – und das waren Deutsche, die von Deutschland nach Deutschland flohen – ihr Leben. Das, liebe Freunde, das waren Flüchtlinge.”

Hier gibt er das zu, was ich weiter oben schon angeführt habe: Er möchte durch die Wahl der Begriffe, durch Sprache die emotionale Verbindung zu einer Gruppe Menschen kappen. Er möchte Mitleid und Mitgefühl unterbinden, er möchte also sozusagen entmenschlichen – was er auch hier tut, er bewegt sich zwar auf der Meta-Ebene, streut aber diese Sache mit den Smartphones und so weiter ein. Egal was er sagt, die Agenda ist immer: Ausländer, Geflüchtete und wen auch immer in den Dreck ziehen, abwerten. Egal wie. Egal, worum es gerade eigentlich geht. Die Nationalsozialisten waren ebenfalls Experten darin und er tritt dieses sprachliche Erbe anscheinend mit Freude an.

“Invasion” und andere Kampfbegriffe der Rechten

“Die deutsche Übersetzung des lateinischen Verbs “invadere” heißt Eindringen, und daraus abgeleitet ist das Nomen Invasion, oder Invator [Anm. unverständlich, hat sich verhaspelt]. Natürlich, liebe Freunde, sind die von mir genannten Menschen, die es nach Europa und Deutschland kommen, in gewisser Weise Eindringlinge, weil sie wie gesagt ihr Glück machen wollen, weil sie aus überwiegend materiellen Gründen nach Europa und Deutschland kommen. Aber auch dieser Begriff trifft es in meinen Augen nicht wirklich (…). Und deswegen finde ich den Begriff “Merkels Gäste” eigentlich auch sehr gut. Er passt schon sehr gut, aber er ist ein bisschen unhandlich, muss vielleicht noch ein besserer Begriff für diese Menschen gefunden werden, aber was mir wichtig ist: dass wir sensibel sind bei dem hantieren mit Begriffen. Tut mir den Gefallen, verwendet den Begriff Flüchtlinge in euren sozialen Kontexten so nicht mehr, aber zumindest nicht mehr undifferenziert, das wäre eine große Bitte und das lehrt uns Antonio Gramsci.”

Zum Thema “Invasion” zitiere ich hier einfach, was ich schon im Artikel zu Professor Rauscher geschrieben habe:


Hier möchte ich kurz einhaken. Ich hätte nie gedacht, das mal einem Jura-Professor erklären zu müssen, aber naja – wir leben in seltsamen Zeiten. Aber, Herr Rauscher, schauen wir uns doch mal die Definition von „Invasion“ an:

1. Die militärische Invasion:
„Eine Invasion (von lat. invadere – dt. hineingehen, eindringen) steht für das feindliche Einrücken von Militär in fremdes Gebiet.Dementsprechend wird eine angreifende Kriegspartei als Invasor bezeichnet.“

Also ich hab jetzt irgendwie noch keinen Flüchtling mit dem Panzer hier einrollen sehen, während er die Flagge seines Landes schwenkte. Sie aber anscheinend schon?

2. Die biologische Invasion
„Als biologische Invasion bezeichnet man allgemein die durch den Menschen verursachte Ausbreitung einer invasiven Art in einem Gebiet.“

Das letzte Mal als ich es geprüft habe, waren Menschen aus anderen Ländern noch keine andere Art. Ich hab mir jetzt die Mühe gemacht, extra für Sie, lieber Herr Rauscher, noch einmal den menschlichen Stammbaum nachzuvollziehen. Bitte sehr:

Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)

Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)

Familie: Menschenaffen (Hominidae)

Unterfamilie: Homininae

Tribus: Hominini

Gattung: Homo

Art: Mensch

Seltsam. Hier steht wirklich nichts davon, dass die Art vom Geburtsort oder der Hautfarbe abhängt. Vielleicht sollten Sie Ihre Biologie-Bücher aus den 30er Jahren wegwerfen und neue besorgen? Man sollte nie den Anschluss an die aktuelle Forschung verlieren!


Jetzt kommt eine Passage, die ich einfach mal so stehenlasse. Man sieht hier einfach, was er vor hat. Wie er sich die “Machtergreifung” durch seine Partei vorstellt. Hitler hat das übrigens genau so getan in den 20er und 30er Jahren. Erst hat er den Diskurs umgelenkt, Feindbilder geschaffen, Sprache gekapert und damit die Stimmung in der Bevölkerung kippen lassen.

“Und das dritte und letzte, das mir Antonio Gramsci mitgegeben hat, dass es die klassische Entscheidung zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und der politischen Gesellschaft. Liebe Freunde, jenseits der Parlamente, jenseits der Verwaltungsapparate dieses Staates wird der Zeitgeist geprägt. Und nur wenn man den Zeitgeist beherrscht, kann man auch die kulturelle Hegemonie erwerben, und nur wenn man die kulturelle Hegemonie erworben hat, wie das die 68er und in Folge die Alt-86er getan haben, kann man irgendwann und wirklich langfristig die politische Macht erwerben. D.h. wir müssen rein in die bürgerliche Gesellschaft, das wäre eine Bitte, die ich heute Abend hier zum Ausdruck bringen muss: Wir Patrioten, liebe Freunde, wir müssen rein, wir müssen rein in die Schützensvereine, wir müssen rein in Jagdgenossenschaften, wir müssen rein in die Kirchengemeinden, wir müssen rein in die Kirmesgesellschaften, da müssen wir überall rein um uns die bürgerliche Gesellschaft zurückzuholen und wir werden uns die bürgerliche Gesellschaft zurückholen. Und parallel dazu müssen wir natürlich die politische Gesellschaft durchdringen. Die AfD ist ja von oben nach unten mit den großen Themen gewachsen, und zwar so schnell und kräftig gewachsen wie keine andere Partei vor ihr seit 1945.”

Anschließend spricht er davon, wie die AfD das politische System infiltrieren muss, von unten ausgehend, also erst kommunal usw.

Die AfD teilt sich die Zielgruppen auf

Wir sind hier gleich durch, keine Sorge. Hier etwas, das nichts mit seiner Sprache und seinem völkischen Denken zu tun hat, sondern eine andere interessante Beobachtung:

“Und niedrige Löhne bedeuten logischerweise eine niedrige Rente. 48 % Rentenniveau. Wisst ihr, was das für uns bedeutet, für unsere Leute hier im Osten? Das bedeutet für die unter uns, die 45 Jahre Beiträge bezahlt haben, und wer kann schon aufgrund der jüngeren Geschichte auf eine wirklich bruchlose Berufsbiografie zurückblicken, dass der nach 45 Jahren, der in den Ruhestand geht, eine Grenze kriegt, von unter 1000 € (…) vor Steuern.”

Er schwingt sich hier also zum Retter des “kleinen Mannes” auf, des hart schuftenden Deutschen. Er weist sogar darauf hin, dass es heutzutage schwer möglich ist, eine nicht gebrochene Erwerbsbiographie zu haben.

Dem stehen die Pläne der Parteiführung wirklich komplett entgegengesetzt gegenüber. Als Meuthen 2017 das Wahlprogramm der AfD vorgestellt hatte, sagte er:

“Was die Lebensarbeitszeit angeht, meinen wir, dass es genug sein muss für den Maximalanspruch an Rentenbezügen, der aus seiner Arbeitsleistung erbracht werden kann, wenn ein Mensch 45 Jahre gearbeitet hat.”

Das AfD-Vorstandsmitglied Glaser fügte danach noch konkreter hinzu:

“Erst wer 45 Jahre gearbeit habe, dürfe auch ohne Abschläge in Rente gehen.”

Wenn also jemand zwischen drin einige Jahre arbeitslos war, kann es sein, dass er oder sie erst mit 70 oder 75 oder 80 in Rente gehen kann, ohne Abzüge hinnehmen zu müssen. Dasselbe gilt für Akademiker, die lange studiert haben, Alleinerziehende, Mütter, die zu Hause geblieben sind und Co.

Das mal so am Rande zu der Frage, wie “sozial” die AfD wirklich ist. Da gibt es noch viele andere Beispiele, die lasse ich hier jetzt aber raus.

An diesem Beispiel sieht man einerseits gut die Verlogenheit der Partei, andererseits auch die Arbeitsteilung. Höcke soll eher die einfachen Leute, die ökonomisch Benachteiligten, vielleicht nicht ganz so Gebildeten und Völkischen abholen. Weidel und Co. geben sich akademischer, neoliberaler und schein-europäischer und sollen das Bürgertum und die Bildungselite abfangen.

Höcke wünscht sich politische “Grundreinigungen” im Staat

Am Ende fabuliert er noch von der Bundesrepublik als “Augiasstall”. Den Stall des Augias auszumisten war eine der 12 Aufgaben, die Herkules – einem Halbgott 😉 – gestellt wurden. Höcke spricht davon, dass sie nun den Augiasstall, den unser Staat darstellt, ausmisten. Dass er hier Menschen meint, die er ausmisten will, muss ich hier ja nicht dazu sagen. Und dass man Kot und Ekremente ausmistet, auch nicht. Und dass das dann bedeutet, dass er Leute (wen eigentlich? Politiker? Medien? Ausländer? Alle zusammen?) mit Exkrementen gleichsetzt und entfernen will, naja. Gauland will ja auch Leute entsorgen, also passt es ganz gut. Und die “politische Grundreinigung”, die er anspricht, ist ja auch nur ein anderes Wort für “politische Säuberung” – und was für Staatensysteme politisch säubern, wissen wir ja alle.

Wie mit der AfD umgehen?

Der Text ist viel zu lang, ich weiß. Aber ich wollte es wenigstens ein einziges Mal aufgeschrieben haben – ich lese eben gerade Klemperer und sie Parallelen sind so gruselig, dass ich es wirklich nicht aushalte, wie sich das alles schon normalisiert hat.

Wenn verbale Ausfälle kommen, werde ich immer etwas sagen. Immer. Immer immer. Denn wenn wir uns daran gewöhnen, wenn wir nicht mehr aufschreien, wenn man andere Menschen als Invasoren, als Plage, als Horde und ähnliches bezeichnen, wenn es nicht mehr schockierend ist, dass eine Gruppe Menschen eine andere Gruppe Menschen jagen, entsorgen, kasernieren und was weiß ich will, dann haben wir verloren. Ich will nicht irgendwann wie Victor Klemperer dasitzen, verwirrt, wieso keiner mehr was sagt, schockiert, wie sein Umfeld sich dem neuen Duktus und der neuen Linie unterordnet, während er verzweifelt darauf hofft, dass vom Ausland jemand eingreift, nur um dann festzustellen, dass das Ausland den Terror duldet. Dass sich das alles normalisiert hat. Irgendwie okay ist. Man sich gewöhnt hat.

Beim Umgang mit der AfD hat man das Gefühl, alles nur falsch machen zu können. Berichtet man nicht, jaulen die rum von wegen Lückenpresse und so weiter, stilisieren sich als Opfer, das von der Berichterstattung ausgeschlossen wird. Berichtet man, schreien alle “gebt denen nicht noch mehr PR”. Aber die brauchen sie gar nicht mehr, die AfD ist schon lange (!) nicht mehr von der medialen Berichterstattung abhängig. Sie haben ihr eigenes Mediennetzwerk, ihre eigenen Kanäle, es ist egal. Sie sind ohne Berichterstattung aus dem Nichts aufgestiegen, dank der sozialen Medien. Die perfekte Vernetzung, direkter Kontakt mit der Zielgruppe, was wollen sie mehr? Nicht egal ist es jedoch in meinen Augen, ob man Minderheiten verteidigt und Grenzen aufzieht, oder ob man das alles über sich drüber rollen lässt. Wenn sich ein AfD-Politiker menschenfeindlich äußert, positioniere ich mich dagegen. Laut. Deutlich. Immer. Das mögen viele falsch finden, ich sehe es aber als einzige Möglichkeit, nicht zu Klemperer zu werden.

Wenn die Rechten und Menschenfeinde das Gefühl haben, dass wir uns gewöhnt haben, das Gefühl haben, dass es okay ist, wie sie sich äußern,  dass wir es akzeptieren und hinnehmen, dann wird es so kommen. Dann wird dieses Gefühl Realität und das gilt es mit allen Mitteln zu vermeiden.


Wenn ihr etwas über die Sprache der Nationalsozialisten lesen wollt, empfehle ich euch neben der Tagebücher Victor Klemperers sein Buch “LTI – Notizbuch eines Philologen”. Ich habe es mir selber bestellt und es wird nächste Woche ankommen. Ich denke, wir werden viele Parallelen zur AfD finden. Bestimmt werde ich dazu dann auch noch einmal bloggen.

“Worte können wie winzige Arsendosen sein: Sie werden unbemerkt verschluckt; sie scheinen keine Wirkung zu tun – und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.” – V. Klemperer


Titelbild: Screenshot Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=SjqdFggKRjw


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50 Kommentare

  1. Danke für die tolle Analyse. Nur an einer Stelle hab ich leichte Zweifel. Ich glaube, das Bosperuszitat bezieht sich auf eine räumliche Grenze. Er will, dass der Islam nicht nach Europa kommt. Was impliziert, dass ALLE Moslems auch nicht nach Europa gehören. Die Folgen solcher Forderungen lesen wir allerdings dann auch bei Klemperer.

    Antworten

    1. Hello, danke für dein Feedback und für’s Reinlesen!
      Ich denke, diese Sache mit dem Bosporus hat mehrere Ebenen. Einerseits die, dass er keine Muslime in Deutschland haben will. Dann spricht er aber wieder von Kontinentaleuropa, zu dem ein Teil der Türkei ja auch gehört, das habe ich ja geschrieben. Und er möchte, dass eben “die drei Ms” am Bospprus ausgelöscht werden – wie soll er das schaffen? Woher die Macht, irgendwas in anderen Ländern zu bewegen? Ländern, die nicht einmal zur EU gehören? Er spricht nicht davon, den Islam dort zu stoppen, damit er sich nicht weiter ausbreitet – nein, er möchte damit dort ein “Ende” machen, was ja bedeutet, dass es einen Anfang gibt, dass also gerade was stattfindet, dass der Islam also dort gerade stattfindet. Man kann nur etwas beenden, das schon läuft.

      Ich finde es wichtig, gerade bei ihm genau hinzusehen. Diese sprachlichen Saltos und Doppeldeutigkeiten sind kein Zufall bei ihm. Bei anderen vielleicht – aber nicht bei Björn Höcke.

      Antworten

  2. Ich stimme dir da absolut zu. Höcke arbeitet zu stark mit Sprache, als dass es ein Zufall sein sollte. Ich finde diese Ausdrücke kriegstreibend, auch andere fassen es so auf, habe dazu einen Artikel auf bento gesehen.

    Er hat sicher tagelang an der Rede gefeilt, dem passieren diese Doppeldeutigkeiten nicht ausversehen.

    Danke für diesen Artikel, ich lese dich sehr gerne und teile ihn auch in meiner Facebookliste.

    Sylvia

    Antworten

    1. Ich finde man kann es auch so lesen als sei der Bospurus die natürliche Grenze Europas. Allerdings bricht das dann wirklich mit der Stelle über Kontinentaleurope und wenn man so überlegt was er als Landolf Ladig geschrieben hat würden diese Raumnahmefantasien schon passen.

      Schwierig. Aber sicher kein Zufall dass er immer so deutungsoffen argumentiert. Er will “falsch verstanden” werden damit er sich hinterher immer rauswinden kann. Aber ich wette im Privaten geht der ab. Er fantasiert ja auch schon immer von Kriegsverherrlichung, ist stolz auf die Wehrmacht und all das.

      Wie gesagt er schrieb für die NPD und diese wollen ja auch “Lebensraum” ausweiten.

      Also finde ich es gar nicht mal soo abwegig das er das so gemeint haben könnte.

      Antworten

  3. Mir fällt gerade noch etwas ein: Er betont ja immer, dass die Deutschen so friedliebend seien und sich der Staatsmacht ganz brav unterwerfen.

    Genau das war ja das problematische im dritten Reich. In den Wirren der Weimarer Republik und in der Wirtschaftskrise sehnten sich die Leute nach einer Führerfigur. Nach Feindbildern. Hitler lieferte beides. Und auch heutzutage gibt es ja Umfragen, in denen rauskommt, dass fast die Hälfte der Deutschen Bock auf nen Führer hätte.

    Für die AfD ist es sehr wichtig, ein obrigkeitshöriges Volk zu haben. Sie tun zwar immer so, als wollten sie die Bürger aufwecken – wollen sie aber gar nicht. Sie wollen alle nur “anders” schlafen legen. Denn sollten sie an die Macht kommen, brauchen sie ein gehorsames Volk. Und darauf arbeiten sie hin.

    Antworten

    1. …genau deswegen ist Sachsen der ideale Prototyp. Da sitzt seit (mindestens) 1694 ein königshöriges Volk. Biedenkopf, Milbradt und Tillich haben das idealerweise auch erkannt und fleißig die aktuelle Situation befördert.

      Danke für deinen Text!!

      Antworten

      1. Danke für diesen großartigen Text. Ich sollte eigentlich für eine Prüfung lernen, aber diese Art Prokrastination war mir jetzt einfach zu wichtig.

        Antworten

  4. Der Text ist überhaupt nicht zu lang. Großes Danke von ganzem Herzen fürs Aufschreiben. Ich wünsch mir nichts mehr, als das so viel wie möglich ihn lesen, und werd ihn immer wieder teilen wo ich kann. Ich hab auch Angst und mindestens eine genauso große Wut, und kann nicht verstehen was da gerade um mich rum passiert und warum das Alles so leichtfertig hingenommen wird. Danke!

    Antworten

  5. Das ist lang…
    Himmel, ist das lang.
    Aber noch immer nicht lang genug.
    Die Protagonisten der AfD gehen 3 Schritte vor, 2 zurück und schieben so den allgemeinen Duktus in ihre Richtung.
    Bei den Flüchtlingen ist es ihnen schon gelungen. Jetzt sind mal wieder die migrantischen Mitbürger dran. Und zwischendurch wird immer wieder auf das linksversiffte Volk hingewiesen, das “aufgeräumt” gehört (Frohnmaier).

    Antworten

  6. Großartige Zusammenstellung von Weltbild, Zielen und Marschrichtung der AfD anhand einer Rede des großen Strategen Höcke. Habe ich mit großem Interesse (und Begeisterung und Beunruhigung) gelesen.

    “Hier finde ich es interessant, wie sich Höcke anscheinend als Antagonist zum herrschenden System sieht.[…] „Das System“ ist etwas, das er und seine AfD-Freunde gerne abgeschafft sehen würden, das geht aus vielen Interviews und anderen Reden hervor. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass er unsere Demokratie, wie wir sie kennen, abschaffen will. Sowas wollen eigentlich nur Verfassungsfeinde.”

    Ich finde es frappierend, wie deutlich der Mann in der Öffentlichkeit wird.

    “Das ist der Grund, wieso ich mir wegen der Identitären und auch der AfD so große Sorgen mache, denn: So funktioniert in der Tat der Umsturz einer Hegemonie. Und wir sind mitten drin.”

    Richtig, und daraus machen Strategen wie Höcke ja auch gar keinen Hehl. Und andere Figuren aus der Partei verhalten sich ganz passend. Die ständigen Pöbeleien von Leuten wie Poggenburg auf Twitter hätten vom Duktus her auch gut in die 30er Jahre gepasst.

    “Die AfD sitzt im Bundestag. Rechtskonform, demokratisch gewählt. Doch demokratisch gewählt heißt ja nicht direkt okay.”

    Ja, das hatten wir in den 30er Jahren auch schon einmal. Ich hoffe, dass die Parallele dann jetzt mal so langsam aufhört.

    Damit sie es tut und wir uns nicht in ein paar Jahren da wiederfinden, wo Klemperer seinerzeit im Dunkeln “aufwachte”, müssen wir weiter aufpassen und diesen Leuten immer wieder auf die (sprachlichen) Finger klopfen. Du bringst es selbst gut auf den Punkt:

    “Wenn die Rechten und Menschenfeinde das Gefühl haben, dass wir uns gewöhnt haben, das Gefühl haben, dass es okay ist, wie sie sich äußern, dass wir es akzeptieren und hinnehmen, dann wird es so kommen. Dann wird dieses Gefühl Realität und das gilt es mit allen Mitteln zu vermeiden.”

    Den Text werde ich auf jeden Fall weiterempfehlen!

    Antworten

  7. Guten Abend
    Der Redetext wurde treffend analysiert. Was sind die wirklichen Konsequenzen?
    Einfach. Deutschland wird diese Enwicklung nicht als Einheit überleben. Der Westen wird sich an Frankreich und Benelux orientieren (Charlemagne) und der Osten, der übrigens schon teilweise im ehemaligen Westen beginnt (Limes) wird zum Cordon Sanitaire.

    Antworten

  8. “und zwar so schnell und kräftig gewachsen wie keine andere Partei vor ihr seit 1945”
    Nicht zu vergessen, in welchen Kontext Bernd seine Partei da stellt…

    Antworten

  9. Das die AfD Verfassumgsfeindlich ist beinalltet schon der Name. Die demagogische Wortwahl ihrer Vertreter in allen politischen Ebenen ist weithin Bekannt. Ausländerfeindlichkeit ist auch nicht neu in Deutschland,neu und beschämend ist das Schweigen, das Schweigen derer die die möglichkeig hätten durch Laut werden diese unsägliche “Partei” inklusive deren Netzwerke bloszustellen. Wo sind die Anwälte,Richter,Lehrer,Musiker und alle anderen die bei jeder gelegenheit Unrecht in der Welt zurecht Anprangern. Unrecht vor der Haustür wird Geduldet?! Danke für diesen offenen Artikel und bitte machen Sie weiter so!!! 🙊🙉🙈 < gibt es zu oft in diesem Land

    Antworten

  10. Wirklich sehr lang der Text! Aber ich habe durchgehalten, finde alles sehr aufschlussreich und auch erschreckend…. kaum zu glauben, was diese Menschen sich heute alles trauen in der Öffentlichkeit heraus zu posaunen!
    Sie haben völlig Recht, solche Dinge kann und darf man nicht einfach so stehen lassen.
    Dank und Anerkennung!

    Antworten

  11. Ich stimme dir bei der Analyse vollumfänglich zu. Neben solchen Analysen, die erklären, was sich hinter bestimmten Phrasen und Worten verbirgt, braucht es eine politische Antwort, die nicht darin bestehen kann, einerseits die Rhetorik der AfD und ihrer Kumpanen, andererseits inhaltliche Kompromisse einzugehen, wie es ausnahmslos alle Parteien tun. So rücken wir die AfD in einen Mainstream-Kontext (bzw haben das ja schon getan). Jedes Mal wenn die AfD “Ausländer raus” fordert müssen wir sagen “lasst uns Türkischunterricht flächendeckend an Schulen einführen” oder fordern, dass Geflüchtete mehr Geld erhalten sollen. Gegenschiene fahren.
    Ein weiteres Problem sind die Medien. Ein Punkt bei dem ich dir nicht zustimme: dass die AfD außerhalb der Berichterstattung gewachsen ist. Seit Gründung der AfD haben viele große Medien sensationsgeil darüber berichtet (vor 2013 war es schier undenkbar dass es eine eurokritische Partei gibt) und sie immer wieder ins Rampenlicht gezogen. Rhetorik wurde übernommen. Anfangs noch als Zitate später ohne als seien es etablierte Begriffe. Es wurde kein Versuch unternommen andere Worte zu finden dem entgegenzuarbeiten. Das zeigt zweierlei: 1 viele Journalist*innen sind der afd zumindest soweit zugeneigt sie anzuhören 2 sensationelles oder sensationalisiertes bringt Klicks.
    Ebenso in Talkshows. In den großen Talkshows ging es in 2016 in 50% der Fälle um Geflüchtete oder verwandte Themen (afaik). Besser konnte der AfD der Ball nicht zugespielt werden.
    Naja, habe noch viele andere Gedanken im Kopf aber ich tippe hier auf dem Handy also evtl heute abend/morgen wenn ich einen Laptop in der Hand habe, schreibe ich ein wenig mehr noch. thx für die Arbeit.

    Antworten

  12. Ich habe mir die Rede nicht angehört, wollte mir nicht die Laune verderben lassen. Dein Text ist super, den habe ich gern gelesen und die Rede höre ich mir trotzdem nicht an. Seine Stimme löst bei mir solche Aggressionen aus…….Nicht nur Worte haben Macht, auch ihr Klang! Das ist ein wichtiger Aspekt um Menschen zu erreichen, ein vielleicht noch zu unerforschter! Danke jedenfalls für deine Ausführungen hier. Ich teile das jetzt bei FB mit einigen markanten Sätzen und hoffe du mögest weiter aufmerksam mit deiner erhellenden Sprache weitermachen und aufklären. Liebe Grüße

    Antworten

  13. Das ist das, was Ignazio Silone meinte als er sagte:
    «Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‹Ich bin der Faschismus›. Nein, er wird sagen: ‹Ich bin der Antifaschismus›.»

    Der Weg der Volksnationalen zurück in die bürgerliche Gesellschaft führt zuallererst über die Umdefinition der Worte. Nur dadurch kann aus Leben “lebensunwertes Leben” und aus einer willkürlich zusammengestellten Gruppe von Menschen ein “Volk” werden.

    Dagegen hilft nur jedes Mal zu widersprechen, wenn man so einen Quatsch hört. Auch wenn es etwas zu lange dauert. 😉

    Antworten

  14. Danke für den Text.

    Die Phrase von letzter möglicher “evolutionärer Veränderung” durch die AfD bringt Höcke schon seit einigen Jahren. Ich verstehe den Satz allerdings nicht biologisch, sondern als unausgesprochene Drohung (Mafia-Style, wie so vieles in dieser Szene): Entweder, die AfD werde mehrheitsfähig (das Modell 1933) oder die Veränderung müsse revolutionär (durch einen gewaltsamen Umsturz) erfolgen. Das ist ein Punkt, der mir große Sorgen macht: das Einsickern dieser Leute in Polizei und Justiz und die zunehmende Bewaffung in der Bevölkerung. Man glaubt gar nicht, wer heutzutage alles einen Waffenschein hat.

    Schwer, Handlungsempfehlungen zu nennen. Ich glaube, es ist immer gut, das persönliche Gespräch außerhalb seiner Filterblase zu suchen und deutlich auf die Gefahren hinzuweisen, die von dieser Partei ausgehen.

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  15. Am gruseligsten fand ich die Stelle, an der er von einer “De-Islamisierung” Deutschlands und Europas spricht. Mir fiel dazu sofort nur Entjudung ein. Gings dir nicht so?

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  16. Sorry ich habe nach zwei Zitaten aufgehört zu lesen. Du kannst nicht einfach “das ist alles Hitler” schreiben – und das mehrfach. Allein schon der Einschub über einen FPÖ-Politiker, der zuvor im Text nicht vorkommt, wird einfach so als Hinweis genommen, warum sie AfD sich nicht äußert. Im Deutschunterricht hätte es dafür bin dicken roten Strich gegeben.

    Du schwurbelst leider sehr extrem herum. Der Tipp, sich an Überschriften entlang zu hangeln, hätte Dir vielleicht Hinweis genug sein sollen, das alles hier lesbarer zu machen. So wirst Du wirklich nur Leute erreichen, für die auch alles Hitler ist was der Mann von der AfD da sagt. Das ist der falsche Ansatz.

    Ich habe Familienmitglieder, sie AfD wählen. Denen kann ich das hier nicht zu lesen geben, sorry. Die schalten sofort auf Durchzug.

    Antworten

    1. Du hast nach 2 Zitaten aufgehört zu lesen und erwartest jetzt ne Auseinadersetzung mit deinem Kommentar? Sorry, aber nein. Habe nach 2 Zeilen aufgehört zu lesen.

      Antworten

  17. Ich häng gedanklich noch beim Bosporus fest. Wenn er den Islam in der europäischen Türkei durch Waffengewalt verbieten will, wie bekommt er die Waffengewalt da hin? Die Türkei ist kein direkter Nachbar Deutschlands und Griechenland wird wohl kaum eine deutsche Armee durchziehen lassen auf dem Weg zum (noch) Nato-Partner Türkei. Und die Staaten zwischen Deutschland und Griechenland sicher auch nicht. Der Mann spricht von einem Angriffskrieg gegen die Türkei aber eigentlich meint er einen Angriffskrieg gegen Europa. Ich wage zu bezweifeln, dass man einem Einmarsch in Osteuropa wieder nur zusieht wie damals bei Polen. Das ist echt harter Tobak den der Mann da auswirft.

    Im Übrigen: Danke für den Text. Er war wichtig!

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  18. “Mit ermüdlicher Beharrlichkeit werfen die Etablierten-Vertreter Jörg Meuthen die angeblichen und tatsächlichen rassistischen Entgleisungen von AfD-Mitgliedern vor. Es handelt sich dabei übrigens stets um Worte, während die Rechtsbrüche der Kanzlerin konkrete Taten sind, die konkrete Opfer und konkrete materielle Schäden produziert haben. Zu den konkreten Angriffen auf Mitarbeiter und Personal der AfD kommen wir gleich. […]
    Bislang wurden freilich nur ziemlich direkte Gewaltaufrufe und – damit auf keinen Fall in Zusammenhang stehende – Gewalttaten gegen AfD-Landtagsabgeordnete bekannt; Uwe Junge, der Fraktionschef von Rheinland-Pfalz beispielsweise, wurde hart, aber verdient ins Gesicht geschlagen, wobei ihm das Jochbein brach, seiner Frau zündeten engagierte Demokratiebeschleuniger das Auto an, und schon machen wir Schluss mit dem Mimimi.”

    Klonovsky

    Antworten

    1. Was soll uns das sagen? Dass behauptete oder reale Gesetzesbrüche der Regierung zukünftige Verbrechen im Namen des deutschen Volkes durch eine AfD-Regierung schon mal im Voraus abgelten? Dass (strafrechtlich zu ahndende, politisch schädliche und generell abzulehnende!) Gewalt gegen AfD-Vertreter deren braunes Gift rechtfertigt? Sag, was DU denkst, statt nur copy/paste.

      Antworten

  19. Einfach nur: Danke. Es ist wichtig und richtig, dass sich jemand die Mühe macht und solche Aussagen so auseinander nimmt.

    Du hast recht, die AfD hat ihr eigenes Mediennetzwerk. Es ist wichtiger ihre Lügen und Hass-Aussagen immer wieder zu benennen, als, dass es ein Risiko ist ihnen mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

    LG Lexa

    Antworten

  20. “…nicht zu Klemperer zu werden.” Au, das hat der gute Mann aber nicht verdient, so verabscheut zu werden. 😛 Vllt. eher “nicht das gleiche Schicksal wie Klemperer zu erleiden”? 🙂

    Ich finde es bezeichnend, dass eine Höcke-AfD durch Tabubruch Diskurse führen kann, eine linke Partei aber bei KPdSU- oder SED-Paraphrasen einpacken müsste. Die im obigen Text analysierten Aussagen sind die Positionen vieler Menschen in diesem Land, auch einiger Privilegierten, die sich gegenüber der arrivierten 68er-Elite im Nachteil wähnen. Es ist frustrierend zu sehen, wie groß die Klaviatur der Agitation für rechte Scharfmacher ist und wie gerne “die Legion der Benachteiligten, der Zurückgesetzten, der Gekränkten” (Stefan Zweig, Schachnovelle) lieber auf Schwache und Minderheiten losgeht, statt konstruktiv auf bessere Lebensumstände hinzuarbeiten.

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  21. *es hätte “einiger Privilegierter” heißen müssen.

    Zum Thema “Alles Hitler”, welches der arme Herr mit der geringen Aufmerksamkeitsspanne und der AfD-Familie ansprach (Bruder, mein Beileid, du scheinst es schwer zu haben): mein Orakel tendiert im Falle eines weiteren Erstarkens der AfD eher in Richtung McCarthy-Ära als in Richtung “4. Reich”. Landolf ist kein Adolf, auch wenn er sich sehr viel Mühe gibt. Die “erlebnisorientierten” rechten Autonomen sind keine SA. Aus NATO und EU wird nicht so schnell ausgetreten, wie aus dem Völkerbund. Es wird im Falle des Falles schmierig, fadenscheinig, scheinheilig und ekelig werden. Als bedroht sehe ich uns oppositionelle “Klemperers in spe” und vor allem alle marginalisierten Minderheiten.

    Antworten

  22. Hören wir auf, uns für einen vermeintlich großen Textumfang zu entschuldigen, oder einen solchen zu kritisieren. Zwar steigt die Aussagekraft eines Textes nicht automatisch mit dessen Länge, aber im Kontext der sozialen Medien ist das Problem häufig eher eine zu geringe Bereitschaft oder Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf bedeutende Gegenstände zu richten, die Zeit und Raum brauchen, eben weil sie von Bedeutung sind, und darum zu komplex, als dass ein Meme zu ihrer Darstellung ausreicht. Das ist auch so eine Normalisierung, die sich so manche/r Manipulator/in zunutze macht. – Gut also, dass du dich eingehend und aussagekräftig mit Bernds Neusprech und den daraus zu erkennenden Ambitionen des Möchtegern-Führers auseinandersetzt.

    Antworten

  23. »Nun hatten die Nationalsozialisten, längst ehe sie ihre Armeen gegen die Welt aufrüsteten, eine andere, ebenso gefährliche und geschulte Armee in allen Nachbarländern zu organisieren begonnen, die Legion der Benachteiligten, der Zurückgesetzten, der Gekränkten.«
    (Dr. B. in Stefan Zweigs „Schachnovelle“, 1941)

    Der Aufstieg der AfD basiert auf einer sehr ähnlichen Methode und einem vergleichbaren Klientel. Rechtsextreme, neofaschistische Bewegungen sind international gut vernetzt. Sie stützen sich auf die, die psychisch nicht Willens oder in der Lage sind, mit den für sie negativen Veränderungen ihrer Welt konstruktiv umzugehen.
    Abgesehen davon, dass man den An- und Verführern dieser Bewegungen ihre Manipulation durch Sprachverdrehungen nicht unkommentiert durchgehen lassen darf, muss auch deren Zielgruppe angesprochen werden, um den Parolen den Nährboden zu entziehen. Dass sich so viele Menschen wirtschaftlich und sozial machtlos und abgehängt fühlen, dass sie sich nach starker Führung sehnen, die alles umreißen und vermeintlich verbessern soll, ist ein reales Problem. Dessen Lösung dürfen DemoktatInnen nicht den Hetzerbanden überlassen. So übel das auch aufstoßen mag, wir werden versuchen müssen, mehr miteinander zu reden, wo es geht. Politisch und wirtschaftlich habe ich kein Rezept parat.

    Antworten

  24. Was ich grundlegend gruselig finde ist, dass ein Höcke, ein Gauleiter oder sonst wer eigentlich sagen kann was er (oder sie) will. Und das finden dann nicht nur 13% gut. Und wenn’s mal “etwas schmissiger” formuliert ist – ist doch herrlich, endlich mal Musik in der Bude (und dazu kommt noch die Ist-mir-egal-Fraktion). Die Populisten tragen das Label nicht umsonst. Jeder darf mitmachen und weiterhin Fleisch essen, Diesel fahren und Frauen auf ihren Platz verweisen (nachdem die “frauenfeindlichen Nafri-Horden” auf ihre Plätze verwiesen wurden). Da stehen Dieter Durchschnitt augenscheinlich rosige Zeiten in’s Haus. Was soll schon schief gehen… für ein kleines Bisschen Horror-Show? Ich habe das Gefühl es könnte eine selbsterfüllende Prophezeiung werden. Vielen Leuten scheint es nach dem völkischen Exzess zu dürsten, wer die Party schmeißt ist egal, Hauptsache sie findet statt, wer die Zeche zahlt interessiert nicht. “Voll gewesen – toll gewesen”… Das können langwierige sozialstaatliche Reformprozesse nicht bieten. Und ich fürchte da hilft auch kein Empörungsautomatismus (sorry!) wir, die Gesellschaft, sollten lieber das Diskurs-Heft aus der AfD-Hand nehmen, eigene Akzente setzen, Initiative zeigen, die AfD zum reagieren nötigen, raus aus der komfortzone. Nicht “mit Rechten reden”, sondern Rechten das Mitreden anbieten, aber nicht in ihrem thematischen Revier.

    Antworten

  25. Danke! Ich habe mein Magisterarbeit über Sprach- und Stilkritik bei Kurt Tucholsky geschrieben. Auch er hat solche Analysen angefertigt, damals, und musste ebenso machtlos den Nationalsozialisten weichen. Sehr wichtig, da immer wieder genau hinzuschauen.

    Antworten

  26. Danke für diese gute Analyse.
    Was die Interpretationen angeht sehe ich das ganz genauso. Eine Sache hat mich bei seiner Rede doch etwas gewundert. Höcke benutzt stellenweise (Fremd-)Wörter, die man nicht gerade jeden Tag hört und auch im Alltag auch nicht benutzt. “Provenienz” und “Hegemonie” musste selbst ich als Akademiker erstmal googlen. Da stellt sich mir die Frage, wie viele von Höckes Zuhörern haben seine Rede wirklich verstanden, und damit auch verstanden, was er wirklich sagen will?
    Spontan würde ich auf einen einstelligen Prozentsatz tippen.

    Antworten

  27. Komplett gelesen, oft genickt und mich selbst ermahnt. Ich arbeite “was mit Medien”, aktuell und politisch. Und ich erlebe diese Ermüdung, dieses “nicht-schon-wieder”, dieses “Das kennen wir doch alles schon” täglich in Redaktionskonferenzen, von Kollegen, von Chefs, manchmal von mir selbst. Dein Text ist mir ein Ansporn, wach, aufmerksam und lästig zu bleiben, denn Du legst dar, was ich eigentlich weiß, was aber im Alltag bequemer ist zu verdrängen: Dass es um mehr geht als um eine inakzeptable Bemerkung hier und eine da. Und Klemperer wollte ich eh mal lesen. Danke für den langen Text, manchmal ist lang eben doch besser.

    Antworten

  28. Hallo Jasmin,

    danke für diesen sehr tiefgründigen und umfassenden Text. Zweifelsohne triffst du in vielen Punkten mit deiner Analyse den Nagel auf den Kopf. Doch im Umgang mit deinen Lesern bitte ich dich um mehr Besonnenheit. Es sind die „Sebastian“s die sich im Schmelztiegel des Einflusses der AFD befinden und die für sich und Ihre Familien Argumente gegen deren Ideologie suchen und gegen ein Abrutschen in das gleiche Denkmuster kämpfen. Alle Leser, welche ohne zu zucken deinen Text in voller Länge lesen und dich dafür loben(mich inbegriffen), müssen nicht überzeugt (maximal mobilisiert/sensibilisiert) werden. Der eigentliche Adressat sollte der unentschlossene, täglich „kämpfende“ Leser sein. Wird dieser verloren, verlieren wir einen bedeutenden Teil antifaschistischen Rückhalts in unserer Gesellschaft.

    So genug der Lehrmeisterei. Toller Text, den ich teilen werde.

    Viele Grüße,

    Silvio

    Antworten

    1. Hallo Silvio, danke für deine Nachricht! Mein Blog wird tatsächlich auch viel von AfD-Wählern und Co. gelesen. Oft finden auch Diskussionen mit ihnen in meinen Kommentaren statt, die ich immer als sehr wichtig empfinde.

      Ich verstehe gerade nicht, was du mit Sebastians meinst und mit Besonnenheit. Ich gehe immer sehr besonnen mit meinen Lesern um. Vielleicht magst du hier erläutern, was du meinst?

      Liebe Grüße
      Jasmin

      Antworten

  29. Hallo Jasmin,

    danke für deine Antwort. Am 29.Januar hat Sebastian den obigen Text kommentiert. Auf deine Antwort zu seinem post beziehe ich mich. Dieser hatte dich mit dem Hinweis der eingeschränkten Reichweite aufgrund der aus seiner Sicht zu ausufernden Länge des Textes kritisiert. Deine Reaktion auf seinen Post, empfand ich als unangemessen. Trotz der Tatsache, dass ich es ebenfalls als schwierig erachte, Kritik zu üben ohne einen Gesamtüberblick über den Text zu haben, enthält sein Kommentar einen wichtigen Punkt. So sehr ich die detaillierte Auseinandersetzung mit der zitierten Rede schätze, schreckt die Detailtiefe der Diskussion viele Leser ab. Darauf wollte dich Sebastian aus meiner Sicht hinweisen. Hast du eine Idee mit welchem Format man ideologisch unentschlossene Menschen mit deiner Botschaft erreichen könnte, auch jene die nicht den ganzen Sonntag politische Blogs verfolgen?

    Antworten

  30. Sehr gute Analyse! Eine Ergänzung dazu: “Bernd” ist ein sehr guter (und m.E. gewissenloser) Verkäufer – denn er packt jede Menge hypnotische Sprachmuster in die Rede, so dass die Leute später wie “besoffen” reagieren und glauben, dass er ja irgendwie recht hat” – ohne dass man sich das wieso/weshalb wirklich erklären.
    Mit dem vielfach verwendeten “Ja-Set” seift Höcke die Zuhörerschaft gewaltig ein. Wenn die AFD objektive Reden ohne diese suggestiven Sprachmuster halten würde, dann wäre das der Tod der AFD.
    Wie solche Manipulationen funktionen, kann man ganz gut in dieser PDF ( z.B. ab Seite 23 gibt es praktische Beispiele) nachlesen: http://praxislerntraining.de/wp-content/uploads/2012/03/HypnoseimAlltagebookHPZ.pdf

    Ein Beispeil dieser Ja-Kette ist dieser Teil des Vortrags: ” Mia als Mensch aus unserem Volk (ja) , ein Volk, das durch den Humanismus (ja) gegangen ist, das durch die Aufklärung gegangen ist (ja), das durch und durch pazifiziert (ja) ist, also friedfertig (ja) ist. Ein Volk, das gelernt hat, das Gewaltmonopol des Staates (ja) zu achten. Das gelernt hat, dass das Recht des stärkeren niemals zu einer vollendeten Staatlichkeit(ja) führt, wie wir sie aufgebaut haben und wie wir sie leben durften. Ein Volk, das über Jahrhunderte in eine Vertrauensgesellschaft aufgebaut (ja) ist, das ist das Produkt von Jahrhunderten gewesen, diese Vertrauensgesellschaft, die auch die Basis unseres wirtschaftlichen Erfolgs (ja) im Übrigen ist, die wird jetzt in wenigen Jahren zerstört. (Nein)“

    Antworten

  31. Hallo Jasmin,
    Du hast da eine sehr interessante Analyse vorgenommen, die ich nur unterstreichen kann.
    ABER
    es sind für mich nicht unbedingt die Worte oder Phrase – ja sie haben Analogien in der Geschichte – für mich sind von großer Bedeutung die Ursachen dafür, dass sich jemand hinstellen kann und derartiges Reden kann. Und da sehe ich das Problem. Es gibt in unserer ach so schönen Gesellschaft viele Probleme, manche lassen sich auf Zuwanderer schieben, manche haben auch Wurzeln in einer über Jahrzehnte verfehlten Politik. Somit sollte man über die Probleme in der Gesellschaft reden und deren Lösung – statt darüber zu diskutieren ob man “völkisch” sagen darf oder nicht. Jeder sieht, wie Steuergelder versenkt werden, weil per Gesetz Asylanten nicht arbeiten dürfen – warum eigentlich nicht? Und wenn eine Frau sagt, dass es gut wäre, wenn jede Familie 3 Kinder hätte, dann ist das Böse (weil sie ist/war AfD) – hätte die Familienministerin das gesagt, wäre alles iO. Das Problem ist, wir Einheimischen “produzieren” zu wenig Kinder und das Problem ist real und es lohnt sich darüber zu diskutieren.
    Jasmin, versteh mich nicht falsch, die Auseinandersetzung mit den Methoden der AfD mag wichtig sein, aber vielfach spricht die AfD in ihrer Art AUCH tatsächliche Probleme unserer Gesellschaft an. Die Medien und auch die Politiker stürzen sich leichtfertig auf die Wortwahl, damit rücken aber die echten Probleme in den Hintergrund oder werden überhaupt nicht mehr erkannt. Und die Methode unserer etablerten Politiker, mit den Schmuddelkindern (AfD) spiele ich nicht, und was DIE wollen mach ich erst recht nicht löst auch keine Probleme – im Gegenteil, es stärkt nur die AfD.

    Antworten

  32. Interessante Arbeit.

    Da Sie die Rede vom Höcke in einer Art langen Rede sezieren, wird es Sie vermutlich nicht weiter stören, wenn man mit Ihrem Text ebenso verfährt.

    »Seit ungefähr 20 Jahren feiern wir diesen Tag als Gedenktag für die Opfer des Holocaust.«

    Mit “wir” meinen Sie alle Deutschen? Ich fürchte, da geht es schon los. So fröhlich wie Sie selbst sind an diesem Tag bestimmt nicht alle Rassisten und Faschisten in diesem Land. Und vermutlich gedenken auch die Überlebenden eher still und traurig und “feiern” nicht. Nun denn.
    Auch der eine oder andere CSU-Wähler hat an dem Tag subjektiv empfunden Besseres zu erledigen, da können Sie gerne mal nachfragen in der bayrischen Provinz. Also wer ist “wir”, wer soll das sein?

    »Als Strache auf dem rechten Akademikerball den Antisemitismus auch in den eigenen Reihen verurteilte, ging anschließend durch seine Anhänger ein Shitstorm auf ihn nieder. Die AfD hat sich das wohl angeschaut und beschlossen, die Füße still zu halten und den Tag einfach so verstreichen zu lassen. Das passt gut zur “erinnerungspolitischen Wende”, die sich Björn Höcke ja so sehr wünscht.«

    Kein schlechter Ansatz, aber dennoch teilweise falsch. Die AfD stellt sich nach außen sehr bewußt pro-israelisch dar. Sowohl auf ihren Youtube-Kanälen als auch bei Portalen wie PI-News äußern sich die Rechten verdächtig deutlich israelverteidigend. Das sollte in dem Zusammenhang doch erwähnt werden, bzw.: wie erklären Sie sich das?

    »Er spricht von “evolutionärer” Chance, nicht von revolutionärer. Das zeigt, dass seine komplette Ideologie auf einem rassistischen Biologismus beruht.«

    Wenn jemand den Begriff “Evolution” verwendet, schlußfolgern Sie daraus rassistischen Biologismus? Oha, spannende These.

    »In seiner Vorstellung sind anscheinend nicht alle Menschen gleich, er unterscheidet Menschen nicht nur in verschiedene Kulturen, sondern allem Anschein nach auch in verschiedene Arten, die um Lebensraum, gute Gene (=evolutionärer Vorteil/Sieger) und die Vorherrschaft kämpfen. Stichwort “afrikanischer Ausbreitungstyp”.«

    Anscheinend dem Anschein nach. Also gemutmaßt Ihrerseits. Warum so schwammig?

    »Unser aktuell herrschendes System ist eine parlamentarische Bundesrepublik, die sich als freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat aufgestellt hat.«

    So steht es jedenfalls auf dem Papier, ja.

    »Eine gewaltsame Revolution ist immer ein Risikofaktor. Sie beinhaltet Zwang und Druck und die Bevölkerung nimmt sowas meist übel, da sie sich bei kriegerischen Handlungen wie einem Bürgerkrieg natürlich bedroht fühlt, Angst hat und körperlich und ökonomisch Schaden nimmt. Die Geburt eines neuen politischen Systems durch einen Bürgerkrieg ist ein riesen großes Risiko.«

    Blumige Sprache. Da werden Menschen erschossen und in den Straßen vor ihren Haustüren massakriert. Könnte man auch sagen. Wäre ggf.
    sogar treffender. “Risikofaktor”.. really?

    »Ich würde auch gern mal hören, was er mit solidarischer Marktwirtschaft meint. Sie steht ja schon irgendwie der sozialen marktwirtschaft antagonistisch (höhö) gegenüber, oder? Ich bin keine Ökonomin, ich weiß es nicht.«

    Sehen Sie, genau da liegt vielleicht das Problem. Die Nazis sind nicht vom Himmel gefallen. Das waren Deutsche (check it out: deutsche Ökonomen sogar!), die zu deutschen Universitäten gingen und deutsche Bücher lasen und es wurden gewählte Politiker des, jawohl, dochdoch, deutschen Volkes, die das kapitalistische Deutschland ver(t)eidigten. Die Schuld der Deutschen nehmen Sie in Ihrem Text weitgehend raus. Es gibt nur ein paar einzelne Verrückte und Verantwortliche wie Hitler und Höcke und der gemeine deutsche Michel, ob erwerbslos oder nicht, hat überhaupt keine Vorurteile,
    ist überhaupt nicht reaktionär und systemverteidigend prokapitalistisch eingestellt und konsumiert, was er zu konsumieren und wählt, was er zu wählen hat. Sie unterstellen diesem Volk eine Toleranz und Weltoffenheit, die schlichtweg nicht oder nur bei einem ganz kleinen Teil der Bevölkerung vorhanden ist. Laut Ihrer Ausführung leben als Sie Vernünftige in einem Land voll anderer vernünftiger Wähler mit ein paar wenigen rechten Spinnern.. Daß es ein Land voller Nazis, von denen sich nur ein Teil mit der AfD identifiziert, sein und es insgesamt, landesweit, nur eine handvoll linker Intellektuelle geben könnte, drängt sich beim Lesen nicht gerade auf. Aber wenn Sie das Produktionsprinzip kapitalistischer Warenwirtschaft, bei Ihnen hieß das “neoliberal”, nicht in Verhältnis stellen zum Aufstieg des Faschismus, wird sich Ihnen die Ausbreitung völkischer Ideologie kaum erschließen.
    „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ Max Horkheimer
    Vielleicht mögen Sie den mal lesen, wenn Sie mit’m Klemperer durch sind.

    Gute Grüße.

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