Herzkurve.

Ich stand gerade im Bad und rasierte meinen lächerlichen Bartversuch ab, als mir auf einmal etwas einfiel. Ich suchte in meiner Handy-App, die mit meiner Pulsuhr verbunden ist, nach dem Moment. Ich wischte bis zum entsprechenden Datum durch, schaute meine Herzkurve an und suchte die Uhrzeit heraus: Bingo. 21:24 Uhr, Puls von 87 sofort hoch auf 153. Der Moment, als sie mir auf dem Bett gegenüber saß und sagte: Ich mache Schluss.

Mich beruhigt es irgendwie, dass man Gefühle messbar und damit auch sichtbar machen kann. Dadurch fühlen sie sich für mich realer, dauerhafter, beherrschbarer an. Manchmal schaute ich nach dem Sex auf meine Pulsuhr und sah, was ich gerade körperlich spürte. Wenn sie mich küsste, schielte ich, wenn ich ihren Kopf sanft von mir weg schob, auf mein Handgelenk. Von 85 auf 146 in einem Kuss bedeutet Liebe. Ein echtes Gefühl. Sichtbar. Greifbar. Beruhigend. Es war kein Traum. Es war real. Messbare Daten nahmen mir jeden Zweifel. Nie fragte ich mich, ob ich mir wirklich sicher war, also mit ihr, mit uns, mit allem. Ich musste nur nachgucken, bei mir wusste mein Herz eben wirklich Bescheid. Ganz unkitschig, real und ohne diesen Pilcher-Scheiß, wissenschaftlich belegbar.

Ich machte einen Screenshot der Schlussmach-Herzkurve und druckte sie aus, diese Seismographie eines Erdbebens. Beim Betrachten der ansteigenden Kurve konnte ich ein Nachbeben der Stärke 5 auf meiner Pulsuhr ausmachen: 134.

Den Ausdruck hängte ich mir an meinen Kühlschrank, wo ich ihn mir nun jeden Tag anschaue. Ich betrachte den markierten Moment um 21:24 Uhr, sehe auf meine Pulsuhr und nehme die Differenz wahr. 93. Am Kühlschrank hängt das Dort, ich befinde mich aber im Hier. Dieser Mensch bin ich nicht mehr, dieses Gefühl – es ist vorbei, ist historisch, ist nicht mehr da. Das Erdbeben ist vorüber, ich habe es überlebt, der Wiederaufbau läuft.

Ich bin hier.


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3 Kommentare

  1. Ich spreche mal aus, was hier eh alle denken:

    Wir wollen ein Buch von dir!

    Werde das weiterhin schreiben bis es passiert.

    Nils

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  2. Heftiger Stoff. Das klingt als ob Björk bei der Neuverfilmung von “Ghost in the shell” Regie geführt hätte.

    Danke für dieses schöne Fragment!

    Antworten

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