Morning-Routine

Sie zeigt uns ihre Morgen-Routine, das steht da so in der Zeitung und daneben sind Fotos abgebildet, die ausgesprochen viele Sukkulenten enthalten, es ist so, als lebe diese Frau nein Unternehmerin nein Entrepreneurin in einer Wüste aus honiggelben Ohrensesseln und einer Armee an Kakteen. Sind Kakteen eigentlich dasselbe wie Sukkulenten? Du hast das Gefühl, dass du das als angehende Entrepreneurin wissen müsstest, weißt es aber nicht.

Die FDP sagt dir, dass auch Frauen gründen können und sollten, sagen dir eigentlich alle, dauernd, immer, überall. Wow, denkst du, das ist ja krass, können wir das also? Die Gesellschaft hat sich anscheinend darauf geeinigt, dass Frauen sowas wie eine mystische Gründungsbehinderung haben, sodass alle komplett ausflippen, wenn eine Gründerin vor ihnen steht. Wow, heftig, obwohl sie eine Frau ist, jesses, vielleicht hat sie noch Kinder! Kinder und Gründen! Frauenförderung findest du gut, sowieso findest du das alles gut, bist ja ne Frau, doch geht das vielleicht auch in einer Sprache, in der man sich aufgrund seiner Weiblichkeit nicht gleich als wirtschaftlicher Pflegefall fühlt? Du nestelst an deiner Stirn herum, wo man dir ein OBWOHL hin tättowiert hat. Juckt ein bisschen, aber wer gründen will, muss leiden.

Du krallst dich an die Zeitschrift und bist fest entschlossen, alles über diese Morning-Routine herauszufinden. Wie gut die Frau auch angezogen ist, das ist bestimmt kein H&M. Sie sieht aus wie jemand, der nachhaltige Bio-Klamotten kauft und garantiert weiß, was “Quinoa” oder “Chia-Samen” sind. Die Unternehmerin hat einen Hund auf dem Arm, gründen und drei Mal am Tag Gassi gehen, scheiße wie macht die das? und lacht in die Kamera. Wann hast du eigentlich zuletzt auf einem Foto gelacht? Du weißt es nicht mehr, ist ja auch egal, hier geht es nicht um Spaß, sondern um Wirtschaft – zwei Dinge, die sich in Deutschland traditionell diametral gegenüberzustehen haben, wir sind hier nicht im Silicon Valley!

Weiter im Text. Im Teaser steht, dass sie hier exklusiv verrate, was sie vor ihrem Morgenlauf und nach dem Morgenlauf mache. Der Morgenlauf ist also auch selbstverständlich und wird gar nicht in Frage gestellt oder hervorgehoben, aha. Du denkst an gestern, als du nicht mehr allein vom Sofa hochgekommen bist, sondern dich erst käferartig nach links und rechts schaukeln musstest, bis du unter viel Ächzen und Stöhnen aufgerichtet hattest. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer ungeheueren Entrepreneurin verwandelt. Ein Morgenlauf also, Jesus Christus, auch das noch, gründen und Hundescheiße wegräumen und laufen, was für ein Leben. Du bist jetzt schon erschöpft, obwohl du noch gar nicht angefangen hast mit all dem, mit dem Gründen und dem Laufen und einen Hund musst du dir auch erst noch besorgen.

Zurück zur Morning-Routine dieser Frau mit klangvollem Namen (Französisch?). Nach dem Sportprogramm checke sie Twitter, steht in der Zeitung, und Facebook, LinkedIn und Xing und du denkst dir: Das kannst du. Endlich etwas, das du kannst, du spürst den Unternehmerspirit richtig in dir aufsteigen und denkst an all die Morgen zurück, in denen du auf der Toilette saßt und dich durch Katzenvideos auf Twitter gescrollt hast. Du fühlst dich mächtig und merkst: Kann was werden, das Gründen. Da geht was. Das ist heiß, das Ding. Du liest weiter: Anschließend mache sich diese Entrepreneurin Kaffee und checke ihre Mails. Geil, das ist echt eine abgefahrene Morning-Routine, Mails checken und auf Twitter schauen, Potzblitz, wer hätte das erwartet? Ist gar nicht so schwer, dieses Unternehmertum.

Während du versuchst, deine Aufregung zu bändigen, rutscht dir die Zeitung aus der Hand, wandert über deinen unsportlichen Bauch, verhakt sich kurz in deiner Armbeuge und während du unbeholfen versuchst, sie aufzuhalten, fällt sie vom Sofa auf den Boden und schlittert auf dem Laminat rund einen Meter weg. Aufstehen und sie zurückholen? Nein, denkst du, auch eine Entrepreneurin braucht mal ne Pause, es muss auch mal gut sein, die Work-Life-Balance muss stimmen, also schaltest du den Fernseher ein, seufzt wohlig und lässt dich mit geschlossenen Augen von den Worten Frank Thelens und Co. bei der Höhle der Löwen berieseln. Im Geiste hörst du die Aktenkoffer der Investoren schon zuschnappen, das Ding ist im Kasten.

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