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Sirenen

19. Januar 2020
by Cristian Palmer for Unsplash

Immer, wenn ein Laternenfisch kommt, hast du Angst. Beim ersten Mal sahst du den Lichtschein und dachtest, dass da vielleicht etwas Gutes käme – endlich Licht, vielleicht Rettung, eine kleine Lampe in drückender Dunkelheit, möglicherweise sogar ein kleines Tauchboot? (Ich bin hier, hier, hier!) Die kleine Laterne gondelte immer näher und du kniffst die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, was da auf dich zu kam. Irgendwas folgte knapp hinter der Laterne, ein Schatten, ein Etwas, was war das nur? Du strecktest deine Hand aus, das kleine glühende Etwas war mittlerweile so nah, dass du es hättest anfassen können, doch dann zucktest du zurück – du erkanntest, was da im Schlepptau kam: Zähne.

Du weißt das mittlerweile, also mit den Laternenfischen und Zähnen und allem, du hast dich eingerichtet da unten, du kennst die Fische und anderen Lebewesen, die dich in der Tiefe besuchen, die mit ihren Körpern die dicke Schwärze fast geräuschlos durchschneiden, die deine Schulter streifen oder dein Bein, die deinen kleinen Zeh anknabbern oder sich in deinem Haar verfangen. (Vielleicht sind meine Haare ja schon zu Seetang geworden?)

Du bist viel zu weit raus geschwommen, das weißt du, schon klar. Aber es war so verführerisch, es fühlte sich so echt an, so da, so real, so hier und jetzt und dauernd und überall und du konntest ihn fast sehen (beinahe, beinahe, beinahe!) – doch immer, wenn du geblinzelt hast, war alles wieder verschwommen.

Ja, es ist nicht das erste Mal, dass du dem Sirenengesang gefolgt bist und der Ausgang ist immer gleich, das muss dir wirklich niemand sagen. Und wenn einem das schon einmal passiert ist, erkennt man es natürlich direkt wieder, also dass man wieder in so einer Situation ist. Das Gefährliche ist hier nur einfach, dass man dennoch schwimmt, also obwohl man es weiß. Und wie das mit Sirenen so ist, denkt man eben, man schwimme auf etwas zu, man denkt, da sei etwas Echtes, jemand – doch das Einzige, das passiert: Man schwimmt von etwas weg, fort vom festen Boden unter den Füßen, fort vom sicheren Ufer, hinaus ins blaue Nichts, das irgendwie auch alles auf einmal ist. (Ich glaube, mich hat gerade ein Tintenfisch gestreift.) Wenn der Sirenengesang aufhört und man wieder zur Besinnung kommt, ist es natürlich schon zu spät, klar. Dann dreht man sich verwirrt um und sieht, dass man mitten in der blauschwarzen Wüste schwimmt und einem geht die Puste aus, man spürt, wie die Arme schwer werden (müde und fest) und dann sinkt man runter und denkt sich: Uff.

Ja, das ist jetzt kein großer Gedanke, kein Platz für Pathos und der ist eh nicht dein Ding, du magst Understatement und Authentizität, alles trotzdem irgendwie albern große Worte, aber ist halt so. Jetzt sitzt du jedenfalls wieder hier unten und schubst ab und zu Krabben weg oder diese kleinen blinden Haie, manchmal spürst du Saugnäpfe am Schlüsselbein oder auch mal Zähne am Ohr. Da musst du dann intervenieren und eigentlich müsstest du jetzt wirklich endlich mal los schwimmen, also nach oben schwimmen mit einer Menge Dekompressionsstopps und es wird gruselig und schmerzhaft und einfach sau nervig, aber gerade hast du noch keine Lust. (Ein bisschen noch ausruhen, dann schwimme ich los, ich schwöre es!) Und wenn du oben bist (mal wieder), kaufst du dir als erstes Ohropax in der Apotheke, damit du endlich diese verdammten Sirenengesänge ignorieren kannst, damit du nicht mehr so weit raus schwimmst und ganz ehrlich, die Berge mochtest du ohnehin immer schon viel lieber.

Jasmin Schreiber

Jasmin Schreiber ist ursprünglich Biologin, mittlerweile Autorin und lebt in Frankfurt am Main inmitten hunderter Zimmerpflanzen und unerhört vielen Tierarten.

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